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GESELLSCHAFT / HERBERT MARCUSE Obszöne Welt

aus DER SPIEGEL 27/1969

Wir setzen großen Jahrhunderten ein Nein entgegen.

Franz Marc, »Der Blaue Reiter.

Andere Menschen in einer anderen

Dimension« war das Thema, mit dem der Revolutionstheoretiker Herbert Marcuse am 17. Juni vor das überfüllte römische Teatro Eliseo trat. Menschen in einer anderen Dimension waren es jedenfalls, die ihn zeitweise niederschrien; seit der deutschen Revolution von 1918 sei er nicht solcher Opposition begegnet, beklagte sich der rüstige Siebzigjährige »Es war die stürmischste Nacht meines Lebens.«

Anfangs wurde sein auf englisch gesprochener Vortrag allenfalls durch die junge Übersetzerin gestört, über die »Le Monde« urteilte, sie sei »sicherlich eine bessere Trotzkistin als Anglistin«. Dann rief der zur Zeit bestverdienende Berufsrevolutionär Daniel Cohn-Bendit auf französisch von einer der Emporen: »Marcuse, warum kommst du in die Theater der Bourgeoisie?« Marcuse konterte lautstark: »Sprich deutsch!« und erklärte: »Ich bin hier, weil man mich eingeladen hat. Die Kommunistische Partei hat mich nicht gebeten zu reden. Ich gehe dahin, wo ich kann.«

Aber damit war Cohn-Bendit nicht zufrieden. An der Spitze von zweihundert Genossen zur Sprengung der Veranstaltung entschlossen, nutzte er eine Atempause beim Absingen der Internationale zu dem Vorwurf: »Herbert, sag uns, warum dich der CIA bezahlt.« Und ein Kombattant ergänzte: »Marcuse, Sklave der Unternehmer!« 25 Minuten nach Beginn mußte der weißhaarige Schöngeist seine Vorlesung abbrechen; bevor er die Stätte durch einen Seitenausgang verließ, entlockten ihm die Protestanten noch eine Bemerkung über seinen Kontrahenten »in wenig gepflegtem Deutsch« ("Le Monde").

Zum erstenmal verweigerten sich damit Teile der Neuen Linken einem Mann, der nicht nur ihre Theorien vorgedacht, sondern auch ihre Praxis unterstützt hatte. Im Unterschied zum Gesellschafts-Analytiker Theodor W. Adorno etwa, der sich ausdrücklich auf kritische Theorie beschränken möchte (SPIEGEL 19/1969), war Marcuse denn auch im Sommer 1967 von den rebellierenden Berliner Studenten geradezu triumphal empfangen worden. Freilich, dem Verlangen nach schnell wirkenden Revolutions-Rezepten hatte auch er nicht entsprochen, sondern es zur »Hauptaufgabe des revolutionären Materialismus« erklärt, »den Menschentypus freizulegen und zu befreien, der die Revolution will, der die Revolution haben muß, weil er sonst zusammenbricht«.

Ob die elyseischen Empörer um Cohn-Bendit bereits zum derart freigelegten Menschentypus zählen, ist schwer auszumachen. Ohnehin mißtrauisch gegenüber Professoren, die ein bürgerliches Leben führen, vermuten sie nicht ohne Grund, Marcuse habe sich der von ihm proklamierten »Großen Weigerung« selber bislang nicht recht verschreiben mögen. So nahmen sie schließlich auch den abenteuerlichen Vorwurf ernst, der Philosoph sei ein verkappter Agent des amerikanischen Geheimdienstes CIA.

Zuerst hatte diese Behauptung das linke US-Periodikum »Progressive Labor« aufgestellt; pikanterweise verbreitete aber auch die rechtsradikale John Birch Society Ähnliches. Kürzlich griff nun der in Ascona lebende Schriftsteller L. L. Matthias ("Die Kehrseite der USA") diese Vorwürfe im »Bulletin des Fränkischen Kreises« auf, dem Organ einer losen Vereinigung von Intellektuellen, die eher mit dem etablierten Sozialismus in der Sowjet-Union als mit der Neuen Linken sympathisieren. Auszüge dieses Bulletins druckte schließlich am 4. Juni der »Berliner Extra Dienst«.

Für Matthias, 76, einen in Berlin geborenen Emigranten, der seit 1933 nach eigenen Angaben »in verschiedenen lateinamerikanischen Ländern Staatsbeamter und ordentlicher Professor« war, ist der in Berlin geborene Emigrant Herbert Marcuse »eine der einflußreichsten Persönlichkeiten des amerikanischen Geheimdienstes«. Ohne sich mit Beweismaterial aufzuhalten, läßt Matthias seinen Marcuse im Nachkriegs -- Frankfurt »die Zentrale für die gesamte Spionagetätigkeit der Vereinigten Staaten in Westeuropa aufbauen«, macht ihn zum »Verbindungsmann« zu Reinhard Gehlen, dem ersten Chef des Bundesnachrichtendienstes, und deutet auch seine spätere Universitätslaufbahn in den USA lediglich als Dienst an der antisowjetischen Spionage.

Durch eine »utopische Sozialphilosophie« sei es ihm schließlich sogar gelungen, »die revolutionären Studentenbewegungen von der Arbeiterbewegung zu spalten«. Höhepunkt der weltweit -- subversiven Aktionen Marcuses, laut Matthias; 1960 und 1961 habe er in Paris »die Ereignisse, die dann 1968 in den Studentenunruhen gipfelten, vorbereitet« -- Cohn-Bendit habe nur eine »sekundäre Rolle« gespielt.

Marcuse, einer der Gründer und noch heute externes Mitglied des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, wurde zusammen mit zahlreichen anderen Emigranten während des Krieges Mitglied im Office of Strategic Services (OSS), einem Büro für politische und militärische Nachrichten über Deutschland und seine Verbündeten. Nach dem Krieg arbeitete er bis 1950 für das State Department in Washington, bevor er zum Dozenten an dar Columbia-Universität avancierte. Marcuse zum SPIEGEL: »Ich war niemals beim CIA und kenne auch keinen Herrn Gehlen.«

Die extremen Anwürfe sind symptomatisch für das Anwachsen von Kritik an dem kalifornischen Philosophen. Linke wie rechte Gegner sind sich im Grunde einig, daß man es mit einem »unreifen« ("Prawda"), »romantisch-reaktionären« (Ernst Topitsch) Protest zu tun habe, daß solche »Herolde der Zukunft ohne Vergangenheit« (Helmut Kuhn) »gewisse irrationalistische Züge« in ihrer »linksutopischen Vorstellungswelt« (Jean Améry) haben. Sogar Max Horkheimer, Senior des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, zählt zu den Kritikern. Er führt Marcuses Ruhm bloß zurück auf »Gedanken, die gröber und simpler als Adornos oder meine Gedanken sind«.

Einigermaßen simpel war jedenfalls die improvisierte Antwort, die Marcuse seinen Gegnern gab. Auf einer Turiner Pressekonferenz erklärte er vor zwei Wochen, daß Papst Paul VI. (der in Genf die Marcusesche Kritik an der Konsumgesellschaft zitiert hatte) »weiter links steht als Breschnew und die Bürokraten im Kreml«.

Dennoch entzog er sich nicht den Kritikern. Seit Februar liegt in den USA (Beacon Press, Boston) sein neues Buch vor, das unter dem Titel »Versuch über die Befreiung« nach einer französischen und einer italienischen Übersetzung nächste Woche nun auch auf deutsch erscheinen wird; erste Auflage: 25 000 Exemplare*. Marcuse revidiert darin seine frühere These, Intelligenz und Proletariat seien heute unüberwindlich voneinander getrennt. Francoise Giroud notierte in »L'Express": »In dem Augenblick, in dem die Neue Linke zur verworrenen Antwort alternder Kinder auf ihre privaten Schwierigkeiten mit Frauen, Gott, Papa oder der Kommunistischen Partei zu werden droht, stellt Herbert Marcuse ihre Bedeutung wieder her,«

Er wendet sich vor allem gegen die linkskonservative Behauptung, als Erzeuger romantischer Sozialutopien und eines naiven Revolutionarismus habe er leichtfertig auf die »Massenbasis« der Arbeiter verzichtet. Die

* Herbert Marcuse: »versuch über die Befreiung. Suhrkamp, Frankfurt a. M., 144 Seiten, 3 Mark,

kapitalistische Gesellschaft ist für Marcuse »obszön": Sie produziert einen »erstickenden Überfluß an Waren«, die sie »schamlos zur Schau stellt, während sie draußen ihre Opfer der Lebenschancen beraubt und die kärglichen Nahrungsmittel in den Gebieten ihrer Aggression vergiftet und niederbrennt«. Der provokative Wort-Gebrauch soll selbst zum Moment der Befreiung werden: »Nicht das Bild einer nackten Frau, die ihre Schamhaare entblößt, ist obszön, sondern das eines Generals in vollem Wichs' der seine in einem Aggressionskrieg verdienten Orden zur Schau stellt.«

Freilich, laut Marcuse ist die von der Gesellschaft geforderte Konsumhaltung in Jahrhunderten zur »zweiten Natur der Menschen« geworden, die sie »an die Warenform bindet": Der Kapitalismus ist mittlerweile »in der Triebstruktur verankert«. Umsturz heißt also nicht bloß die Ablösung eines Herrschaftssystems durch ein anderes -- wie in der russischen Revolution -, er setzt schon einen neuen Menschentyp mit befriedeten Trieben voraus. Für Marcuse wird eine solche »biologische Basis des Sozialismus« zur Vorbedingung der Befreiung.

Zu einer anderen, für sich allein freilich nicht ausreichenden Bedingung soll der Fortschritt von Wissenschaft und Technologie werden -- allerdings nur, wenn sich »ihre gegenwärtigen Ziele ändern; sie müßten im Einklang mit einer neuen Sensibilität rekonstruiert werden« (Marcuse). Diese »neue Sensibilität« ist für ihn keine romantische Forderung mehr, er findet sie in der bestehenden Gesellschaft bereits vor -- als »politischen Faktor« sogar.

Überall da, wo der »Kampf gegen Gewalt und Ausbeutung« zur »Negation des gesamten Establishments' seiner Moral und seiner Kultur« wird, beobachtet Marcuse das Entstehen neuer Sensibilität: Das »Sinnliche, Spielerische, die Ruhe und Schönheit werden Formen der Existenz und damit zur Form der Gesellschaft«. Ziel dieser »Revolution der Wahrnehmung« ist die Gesellschaft »als Kunstwerk«.

Bevor aber ein solcher Garten Eden erreichbar wird, müssen, so Marcuse, neue Bedürfnisse geschaffen werden: »Die Frage ist nicht länger, wie das Individuum seine Bedürfnisse befriedigen kann, ohne andere zu verletzen, sondern vielmehr, wie es seine Bedürfnisse befriedigen kann, ohne sich selbst zu verletzen«, das heißt, ohne »seine Knechtschaft zu verewigen«.

Herbert Marcuse hatte selbst schon frühzeitig damit begonnen, neue Bedürfnisse zu entwickeln. Noch als Schüler traf er mit seinem wohlhabenden Vater die Abrede, den opulenten Charlottenburger Familienmahlzeiten bescheidenere Kost vorziehen zu dürfen: Für die Differenz konnte er sich Bücher kaufen. Heute findet er vollends, daß »der Bruch mit dem konservativen Kontinuum der Bedürfnisse der Revolution vorangehen« muß.

Dennoch behauptet er nicht, »daß das Alte einfach schlecht ist«; auch für ihn gibt es noch »viel schlimmere Gesellschaften« als die bestehende. Gerade weil er aber von dem »tatsächlichen Zustand des Menschen in der gegebenen Gesellschaft« ausgeht, um »diesen Zustand zu transzendieren«. hält er sein Denken für »positiv": Es bereitet »die Zukunft als mögliche Befreiung« vor -- und das ist keineswegs die einzige Alternative.

Die Studentenbewegung, laut Marcuse »keine revolutionäre Kraft«, ist für ihn das »Ferment der Hoffnung in den kapitalistischen Metropolen« -- trotz der »guten und bösen Narren«, die ihr angehören. Durch Erziehung kann sie allein die Massen »aus den stabilisierenden Bedürfnissen des Systems« lösen, Marcuses Vertrauen in die Vernunft einer Entwicklung, die in der Neuen Linken mit der Aktivität von »Basisgruppen« gerade erst begonnen hat, den Graben zu den Arbeitern auszuloten, ist ungebrochen.

Der kalifornischen Regierung, vor allem dem einstigen Schauspieler und heutigen rechtsradikalen Gouverneur Ronald Reagan, ist Marcuse suspekt. Nachdem Reagan 1968 die Verlängerung seines Vertrages an der Universität in San Diego nicht verhindern konnte, hat er nun dafür gesorgt, daß Marcuse für das kommende Studienjahr nicht weiterbeschäftigt wird,

Marcuse indessen reist durch Europa. Am Mittwoch dieser Woche soll er, erstmals seit 1967, an einer öffentlichen Podiumsdiskussion in der Bundesrepublik teilnehmen. Im Auditorium Maximum der Hamburger Universität will ihn der Rowohlt-Verlag zwei anderen unorthodoxen Marxisten konfrontieren: Ernst Bloch und Ernst Fischer.

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