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Biographien Ödipus und die Gravitation

Isaac Newton (1643 bis 1727) war ein Neurotiker und litt unter seiner homosexuellen Veranlagung, behauptet sein Biograph, der New Yorker Professor Frank E. Manuel.
aus DER SPIEGEL 3/1972

Er war der größte Wissenschaftler aller Zeiten -- und ein »komischer Kauz«, ein »Querkopf«, ein Beinahe-Verrückter, ein unter seiner homosexuellen Veranlagung Leidender und ein Gottsuchender: Isaac Newton.

Zwei amerikanische Gelehrte -- der Harvard-Professor Bernard Cohen und dessen New Yorker Kollege Frank E. Manuel -- haben sich jetzt mit dem Werk und dem Mann befaßt, mit dem Werk, das wichtige Grundlagen der modernen Naturwissenschaften legte, und dem Mann, dessen innere Spannungen bis heute den Zwiespalt eben dieser Wissenschaften deutlich machen -- den zwischen Wahrheit und Wissen, Gott und Natur.

»Sein Leben und seine Persönlichkeit«, so sagte Cohen in einer Erklärung zu der von ihm besorgten Neuausgabe der »Principia Mathematica« Newtons, »erlauben uns in ihrer zugespitzten Form die Probleme zu begreifen, von denen alle Naturwissenschaftler beherrscht werden.«

In dem größeren Teil seiner Schriften beschäftigt Newton sich -- überraschend für die Nachfahren -- mit theologischen Problemen. Doch epochemachend waren seine mathematischen und naturwissenschaftlichen Theorien und Entdeckungen: die Beschreibung des Gravitationsgesetzes« die Formulierung der Differentialrechnung (gleichzeitig mit Leibniz), seine Erklärung für Ebbe und Flut, seine Berechnungen der Masse des Mondes und der Planeten. Doch sogar als Naturwissenschaftler blieb Newton Gottsucher. Für ihn, so schreibt Manuel, war Wissenschaft »letzten Endes Gottesdienst«.

Während Cohen den Physiker, Mathematiker und Mystiker Newton zu deuten versucht, unternimmt Manuel es, den Menschen Newton mit dem Instrumentarium der Freudschen Seelenlehre zu analysieren*.

Der Schlüssel für Newtons Spannungen liegt laut Manuel in Traumata, die aus Isaacs frühester Kindheit stammen. Newton lebte bis zum dritten Lebensjahr bei seiner Großmutter und seiner Mutter. Daß sie, eine »Dame von außergewöhnlichem Verstand«, ihren Sohn der Großmutter überließ, um mit dem Reverend Barnabas Smith eine Vernunftehe einzugehen, hat er nie überwunden. Er betrachtete die Heirat der Mutter als Verrat.

Der Knabe entwickelte daraufhin Aggressionen und Zerstörungsdrang, Mordpläne gegen den Stiefvater und die späteren Halbgeschwister. Manuel: »Die Mutter blieb die zentrale Figur in Newtons Leben.« Die totale Fixierung auf sie war einerseits eine »Energie- und Kraftquelle« für ihn, andererseits aber der Grund seines Ödipus-Komplexes. der ihn, laut Manuel, sexuell verkrüppelte. Die enge Mutterbindung machte ihm intensivere Beziehungen zu anderen Menschen unmöglich -- mit einer Ausnahme.

Im Jahre 1687 begegnete dem 45 Jahre alten Newton der 23jährige begabte Schweizer Wissenschaftler Fatio de Duillier. Neben den gleichen geistigen Interessen verbanden die beiden ihre Charakterähnlichkeiten: Hypochondrie, Schwermut, das Schwanken zwischen Größenwahn und Zweifel an den eigenen Fähigkeiten. Fatio, den Manuel »Newtons Affe« nennt, bewunderte den älteren Gelehrten, hielt sich aber auch für den einzigen, der die »Principia Mathematica« wirklich verstanden habe.

Newton dagegen erlebte in Fatio seine eigene Entwicklung noch einmal. Seine Zuneigung zu dem jungen Mann zeigt narzißtische Züge, die laut Manuel aus der engen Mutterbindung abzuleiten sind. In Freudschen Denkkategorien: Newton identifizierte sich zunächst mit seiner Mutter und liebte dann den ihm ähnlichen jungen Mann in einer Weise, wie er von seiner Mutter geliebt zu werden sich gewünscht hatte.

Die zwischen beiden Männern gewechselten Briefe sind denn auch voller Doppeldeutigkeiten, lassen aber »den Grad ihrer Vertrautheit ungewiß«. Newton schreibt an Fatio mit einer so herzlichen Anteilnahme, wie er sie sonst nur seiner Mutter gegenüber gezeigt hat. Als Fatio 1692 erkrankte und überzeugt war, sterben zu müssen -- er überlebte sein großes Vorbild um 26 Jahre -, vertraute er Newton seinen

Frank E. Manuel: »Isaac Newton« -- Harvard University Press; 480 Seiten; 11,95 Dollar.

Bruder an, so wie »eine sterbende Frau ihrem Mann die Nachfolgerin aussucht, als Liebesbezeugung und als verzweifeltes Bemühen, unliebsame Rivalinnen auszuscheiden«.

Doch als Fatio sich einer französischen Sekte angeschlossen hatte, die das unmittelbar bevorstehende Jüngste Gericht prophezeite, wandte sich Newton vom Freund ab. Er war inzwischen zum Leiter der »Royal Society« und zum »Master of the Mint« avanciert.

Das Amt des Münz-Chefs nahm Newton ernsthafter wahr als je einer seiner Vorgänger. Es war mit quasi richterlichen Funktionen verbunden und konfrontierte Newton »der Welt, die John Gay in seiner »Beggar's Opera' unsterblich machte, mit Dieben, Bettlern, Mördern, Prostituierten, Spitzeln und Meineidigen«.

Was andere lediglich als eine Pfründe betrachtet hatten, war für Sir Isaac ein Full-time-job. Er baute ein dichtes Agentennetz auf und stellte Rekorde an Verhören im Tower auf. »Ich töte und ich erwecke wieder zum Leben ... Ich verwunde und ich heile.« Die Macht über Menschen kanalisierte endgültig seine Aggressionen.

Obwohl Newtons Neigung zu Fatio latent homosexuelle Züge trug, glaubt Professor Manuel, daß sich der neurotische Gelehrte niemals irgendwelche sexuellen Beziehungen gestattet hat: »Isaac Newton starb als Jungfrau.«

Newton glaubte bis an sein Ende an Gott und an weltliche Obrigkeit. Manuel: »Der puritanische Knabe in ihm stand immer unter der Aufsicht irgendeiner Autorität.« Während die von Newton begründete Physik Gott nach und nach aus der Natur vertrieb, blieb für ihn auch die physische Welt unerklärbar ohne den Gott der Bibel.

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