Margarete Stokowski

Öffentliche Heiratsanträge Das Gegenteil von Romantik

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Schon zwei öffentliche Heiratsanträge gab es während Olympia. Endlich mal was Schönes zwischen all dem Unangenehmen, könnte man sagen. Was spricht dagegen? Mal zurückgefragt: Was spricht dafür? Nichts!
Fußballer Kruse beim Heiratsantrag bei den Olympischen Spielen: Alles, was man öffentlich macht, wird auch öffentlich verletzbar

Fußballer Kruse beim Heiratsantrag bei den Olympischen Spielen: Alles, was man öffentlich macht, wird auch öffentlich verletzbar

Foto:

ARD / Sportschau / dpa

Die Olympischen Spiele in Tokio haben das Motto »Einheit in Vielfalt«, und das wirkt irgendwie ironisch, denn bislang haben die Spiele sich eher als eine Art trauriges Musical globaler Streitthemen präsentiert. Wir hatten Diskussionen über Leistungsdruck im Leistungssport , über Rassismus im Radsport , über die Frage, wie Frauen ihre Körper einpacken sollten (bislang in den Varianten »cooles Statement« oder »Geldstrafe wegen zu unsexy«). Darüber, wer als Frau antreten darf . Über den Sinn dieser ganzen Veranstaltung  generell. Außerdem gab es schon vorher mindestens  zwei  Probleme mit Antisemitismus und eins mit Frauenfeindlichkeit. Und dann noch die Sache mit Belarus. Und Corona sowieso .

Fast könnte man übersehen, dass es neben all dem Ärger auch noch ein anderes Phänomen bei den Olympischen Spielen gab: zwei öffentliche Heiratsanträge. Fußballer Max Kruse kniete sich vor die Kamera : »Ja, Schatz, wir sind jetzt schon paar Monate zusammen, eigentlich fast’n Jahr, und, ja, war ne schöne Zeit …« – und so weiter. Und dann war da noch die argentinische Säbelfechterin Maria Belen Perez Maurice , die vor laufender Kamera von ihrem Trainer und Partner mit einem Zettel überrascht wurde, auf dem die Frage stand. Beide Frauen sagten »Ja«.

Endlich auch mal was Schönes zwischen all dem Unangenehmen, könnte man sagen. Oder man fragt sich mal, was das eigentlich soll mit den öffentlichen Heiratsanträgen. WTF und cui bono?

Schon wieder das Patriarchat?

Beide olympische Heiratsanträge hatten etwas Eigenartiges an sich, denn beim Ersten war die zugehörige Frau gar nicht anwesend, das ist irgendwie … schräg, oder nicht? Und beim Zweiten erfuhr man in den Meldungen dazu, dass der Fechttrainer seiner Freundin schon einmal einen Antrag gemacht hatte, aber da wollte sie noch nicht. Und jetzt also doch. Hmmmm.

Ich kann mir denken, was meine treuen Leser jetzt sagen werden, nämlich: Warum muss Stokowski an allem was auszusetzen haben, ist sie etwa neidisch? Warum freut sie sich nicht mit wie ein normaler Mensch, warum ist auch hier schon wieder Patriarchat?

Moment, dass mit dem Patriarchat habe ich noch gar nicht gesagt, aber es fällt natürlich schon auf, dass öffentliche Heiratsanträge meist so funktionieren: Ein Mann überrascht eine Frau, die Frau hält sich lachend und weinend die Hände vors Gesicht, eine Sekunde Spannung, dann sagt sie »Ja«, langer Kuss, alle klatschen. Cool. Aber was, wenn nicht? Was, wenn sie gar nicht unbedingt will? Oder nur zu bestimmten Bedingungen? Und vor allem: Warum muss das öffentlich sein, vor Livekameras?

Was spricht dagegen, könnte man fragen. Mal zurückgefragt: Was spricht dafür? Nichts! Öffentliche Heiratsanträge werden meistens unter der Kategorie »romantische Überraschung« abgespeichert und weiter geht’s, aber: Öffentliche Heiratsanträge sind das Gegenteil von Romantik. Und das Gegenteil von »romantisch« ist: frech, einfach nur sackfrech. Stichwort Überrumpelung, Stichwort Manipulation, Stichwort Druck der Öffentlichkeit.

Was an einem Heiratsantrag wird besser, wenn er öffentlich stattfindet? Ist es, dass der Narzissmus der fragenden Person befriedigt wird, die noch ein paar Likes abgreifen kann?

Was ist schön daran? Dass ein Mensch unter dem Blick aus tausend Augen eine lebensverändernde Entscheidung treffen muss? Die Choreografie ist recht festgelegt, es gibt da nicht so wahnsinnig viel Spielraum. Es kann sein, dass am Ende alle Beteiligten glücklich sind. Klar.

Es kann aber auch sein, dass es eine fragwürdige Promi-Kulturtechnik ist, die – danke Handykameras, danke Internet – auch gerne von Privatpersonen nachgespielt wird und alles daran bedenklich ist. Abgesehen davon, dass die Variante »Mann kniet vor Frau nieder« oft wirkt wie die Karikatur einer Werbung für Heterosexualität, aber okay.

Das Internet ist voll von Videos, die »der schönste/romantischste Heiratsantrag aller Zeiten« heißen, die meisten sind halbprofessionell gedrehte Videos, bei denen irgendwann ein nervöser, tapsiger Mann zwischen Herzluftballons steht und die Frau schon vor der Frage anfängt zu weinen, drumrum ein paar gerührte Freund*innen, die mit ihren Handys filmen, obwohl eh alles gefilmt wird, und irgendwie hat man Mitleid mit allen gleichzeitig. Cringe.

Die Frage ist: Was an einem Heiratsantrag wird besser, wenn er öffentlich stattfindet? Ist es, dass der Narzissmus der fragenden Person befriedigt wird, die noch ein paar Likes abgreifen kann? Oder geht es um Werbeeinnahmen, denn ja, nicht wenige dieser Videos enthalten Werbung? Ist es das Gefühl, dass ein Moment realer wird, wenn er gefilmt wird und fremde Leute ihn noch Jahre später im Internet sehen können?

Ich hätte gerne eine Studie: Wie viele öffentliche Heiratsanträge werden angenommen, und wie viele abgelehnt, im Vergleich zu privaten Anträgen? Und: Wie lange halten diese Ehen und wie glücklich sind sie? Leute, die selbst einen dermaßen intimen Beziehungsmoment zu einem Event machen müssen, sind möglicherweise wirklich an einer ewig währenden Liebesbeziehung interessiert und haben einfach für sich diese Form gewählt, aber möglicherweise verwechseln sie da auch ein paar Sachen.

Machen sie den Heiratsantrag, um ihre Beziehung auf ein neues Level zu heben, oder ist da noch etwas anderes, was da vielleicht eigentlich nicht unbedingt reingehört? Einen Moment mittelmäßiger Unterhaltung fürs Publikum erzeugen? Sich als besonders romantisch präsentieren für Leute, die nicht Teil der Beziehung sind? Und vor allem: Was, wenn die gefragte Person diesen Moment eigentlich lieber ohne ein paar Millionen Zuschauer*innen erlebt hätte?

Von Heiratsanträgen und Affären

Alles, was man öffentlich macht, wird auch öffentlich verletzbar. Der frisch verlobte Fußballer Max Kruse konnte das dann auch direkt erleben, denn kurz nach dem öffentlichen Antrag meldete sich ein Model zu Wort und erklärte, sie habe mit Kruse eine Affäre gehabt, er habe seine Verlobte Dilara betrogen.

»Leider muss ich mich nach dem Ausscheiden bei den Olympischen Spielen direkt zu einem privaten Thema äußern«, schrieb Kruse dann in seiner Instagram-Story , und dass das mit dem Betrügen nicht stimme. »Freundin Dilara versah Kruses Beitrag bei Instagram mit einem roten Herz«, berichtet das Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Geht es uns etwas an? Nein.

Ist es eigenartig, wenn man sich »leider … zu einem privaten Thema« äußern »muss«, nachdem man sein privates Thema vor Livekameras präsentiert hat? Ich sag mal nix.

Es ist ja nicht so, dass man eine Verlobung geheim halten muss. Hochzeiten sind ein Trend, alles soll perfekt sein , okay – aber wie perfekt ist es, wenn man sich von Anfang die ganze Welt mit reinholt? Wenn man die Freude über die Beziehung teilen will, kann man sich auch als Paar hinstellen und sagen: Leute, wir wollen heiraten. Das kommt so in Disney-Filmen eher nicht vor, aber: Warum nicht?

Dann wäre wenigstens ein bisschen sicherer, dass beide wirklich genau das wollen und nichts anderes.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.