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ELEKTRONIK Ohne Gummi

HiFi-Fans beschert die »Compact Disc« seit Jahren rauschfreien Hörgenuß. Nun drängt die glitzernde Scheibe als Datenträger in den Computermarkt. *
aus DER SPIEGEL 24/1985

Seit Mitte letzten Monats finden Mitglieder der amerikanischen Krankenversicherungen »Blue Cross« und »Blue Shield« im Bundesstaat Maryland eigentümliche Kärtchen in ihrer Post: ein weißgerandetes, scheckkartengroßes Plastikding mit silbrig glänzenden Querstreifen auf schwarzem Grund und dem blauen Aufdruck »LifeCard«.

Was rund 1,6 Millionen Versicherten in Maryland derzeit als »Lebenskarte« zugestellt wird, ist gleichsam eine in

Plastik geschmolzene Versicherungsakte: sie enthält - elektronisch verschlüsselt - ein Paßbild des Versicherten, seine Unterschrift, Angaben über die Höhe seines Versicherungsschutzes und Daten aus seiner Krankengeschichte.

Die Idee, die neuartigen Scheckkarten für den Datenaustausch zwischen Patienten, Blue Cross und Ärzten zu nutzen, stammt von dem 19 Jahre alten Highschool-Absolventen Douglas L. Becker. Zusammen mit zwei 23jährigen Studenten - die dafür ihr Studium unterbrachen - und finanziert von Blue Cross, entwickelte er »LifeCard«.

Das Twen-Team bediente sich einer Technik, die von Computer-Experten als »womöglich bedeutendste Neuerung in der 5000jährigen Geschichte der Datenaufzeichnung«, als »eine Wiederholung der Gutenbergschen Revolution« gefeiert wird: sogenannte optische Speicher.

Auf einer Fläche, die nur etwa der von drei Briefmarken entspricht, faßt beispielsweise die LifeCard den Informationswust von 800 Aktenseiten. Die Technik, mit der solche Speicherdichte erreicht wird und mit der sich nun auch Großstadt-Telephonbücher gleichsam auf Scheckkarten-Format eindampfen lassen, feiert in der Unterhaltungselektronik schon Triumphe: So wie Vivaldis »Jahreszeiten« oder Wagners »Ring« zur absolut rauschfreien Wiedergabe auf Compact Discs geprägt werden, brennen nun Laserstrahlen auch Computerdaten auf optische Platten: *___Optische Speicher mit gigantischem Fassungsvermögen ____werden seit kurzem etwa von den Firmen Philips und ____Control Data angeboten: Kunden sind vor allem Banken, ____Versicherungen und Industrieunternehmen - Branchen mit ____besonders hohem Datenaufkommen. *___IBM »erwägt ernsthaft«, die Technik der optischen ____Speicherung für seine »PC« Personal Computer zu ____erschließen: Ingenieure des IBM-Labors in Boca Raton ____(US-Staat Florida) arbeiten an der Opto-Technik für den ____PC.

Eine Million Dollar ließ sich Blue Cross die Entwicklung seiner Daten-Kärtchen kosten - um, wie der Versicherer hofft, Eigennutz und Patientenwohl zu fördern: Blue Cross setzt auf Kosteneinsparungen im Datenaustausch mit Ärzten und Krankenhäusern; den Versicherten, erklären die Blau-Kreuzler, gewähre die LifeCard (Herstellungskosten: zwischen 1,25 und 1,75 Dollar) einen größeren Schutz ihrer Intimdaten.

Bislang werden Patientendaten zwischen Blue Cross und Krankenhäusern per Computer-Magnetband ausgetauscht, oder behandelnde Ärzte erhalten Papierkopien aus der Krankenakte. Die LifeCard nun gibt Ärzten Einblick in Medizindaten ohne den Umweg über Verwaltung und Post: Neben den persönlichen Daten ist auf den 13 Millimeter schmalen Streifen im Datenfenster der Plastikkarten auch hinreichend Raum etwa für Herz- und Hirnstromkurven, Röntgenbilder, Hinweise auf mögliche Arzneimittel-Unverträglichkeiten und ausführliche Krankengeschichten.

Als Daten-Kulis deklassieren optische Speicher andere moderne Datenträger wie Magnetband oder »Floppy Disk": Auf einer Speicher-Platte, wie sie etwa als Prototyp von der Firma Philips auf der diesjährigen Hannover-Messe gezeigt wurde, läßt sich ein Fünftel aller US-Telephonbücher oder die komplette Encyclopaedia Brittanica speichern - eine Datenmenge, für die bislang noch 20 Magnetbänder oder rund 50 000 Floppy Disks erforderlich sind.

Noch sind die optischen Speicherwunder, so John Messerschmitt von der North American Philips Corporation, vor allem für die Kunden, die es »satt haben, Bibliotheken von Magnetbändern anzulegen«. So hat die Bibliothek des amerikanischen Kongresses, eine der größten des Landes, mittlerweile alle dort gelagerten Dokumente auf 100 CD-Platten gespeichert. Die Kosten betragen dabei umgerechnet einen Pfennig für je zehn Seiten Text.

Allerdings sind die Gerätschaften, die nötig sind, um Datenspeicherung auf optische Systeme umzustellen, noch so aufwendig, daß ihre Anschaffung nur lohnt, wenn Fluggesellschaften ihre weltweiten Flugpläne oder Automobilkonzerne ihre Ersatzteildaten auf CDs bannen wollen. Ein Großcomputer, der die Datenübertragung auf Platte steuert, und ein Laser-Schreibgerät, das die Daten in die Platte brennt, kosten in der Philips »Grundausstattung« rund 300 000 Mark.

Dem Einsatz von optischen Speichern für Personal Computer oder in Kleinbetrieben stehen noch andere Hindernisse im Wege: Schon das Laser-Gerät, das amerikanische Ärzte benötigen, um die LifeCards lesen zu können, kostet noch rund 1000 Dollar. Auch sind die CD-Speicher, wie Francois Le Carvennec vom französischen Platten-Produzenten Thomson-CSF erklärt, mit dem Handicap belastet, daß der Kunde »einen Bleistift ohne Radiergummi« kaufe.

Tatsächlich sind optische Speicher nichts anderes als sumerische Tontafeln der Laser-Technik: Sie halten Informationen - anders als die empfindlichen Magnetspeicher - zwar über Jahrzehnte, können jedoch nicht gelöscht und beliebig oft wieder bespielt werden.

Im Labor ist es zwar europäischen und japanischen Technikern schon gelungen, zum Laser-Griffel auch einen Laser-Schwamm zu entwickeln. Doch ob dieser Technik-Trick sich in absehbarer Zeit in marktreife Ware umsetzen läßt, ist ungewiß. Vorerst liege der Optik-Speicher für jedermann, so ein amerikanischer Marktkenner, noch »irgendwo hinter dem Horizont«.

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