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GESELLSCHAFT / COMICS Ohne Macke

aus DER SPIEGEL 44/1970

Weiß, weißer ging's nicht, waren mehr als siebzig Jahre jang die Helden in amerikanischen Comic strips. Nun bricht Black Power ein in die Strips der putzigen Peanuts wie in die des tollkühnen Tarzan.

An die 48 Millionen Zeitungsseiten mit Abenteuer- und Comic-Serien rattern allein zu jedem Wochenende in den USA durch die Rotationsmaschinen. Gekauft und gelesen van Großen und Kleinen aller in Amerika vertretenen Rassen, waren die unterhaltsamen Blätter bis vor kurzem ausschließlich Tummelplätze heilhäutiger Helden und weißer Witzfiguren.

»Vor 1968«, bekennt Richard Sherry, Chefredakteur eines Comic-strip-Syndikats, »hatte kein Mensch den Mut, ganze Serien mit einer schwarzen Hauptfigur zu starten.« Inzwischen gibt es sie, wenn auch nur wenig mehr als ein halbes Dutzend.

So drucken nun bereite 100 Tageszeitungen mit einer 18-Millionen-Leserschaft unter dem Titel »Dateline: Danger« (Kennwort: Gefahr) die Abenteuer des rasenden Reporter-Gespanns Troy (Typ: normannischer Kleiderschrank) und seines schwarzhäutigen Kollegen Danny Raven.

Danny, Ex-Fußballstar und Intellektueller, rettet weiße Mädchen vor dem Ertrinken und übt in seinen Sprechblasen Sozialkritik -- etwa angesichts einer griechischen Privatjacht: »Yeah! Für fünf Milliarden Dollar kann man sich ein ganz schönes Stück Privatsphäre kaufen.«

Seit Tarzans Debüt im Comic-strip-Dschungel vor mehr als 40 Jahren -- als Edgar Rice Burroughs die Erlebnisse vom heroischen Afrika-Schutzmann ersann -- waren Neger durchaus Strip-Akteure. Aber entweder erschienen sie als Kauderwelsch sabbelnde Dschungel-Deppen« die sich freiwillig unter die Protektion des großmächtigen Muskelmannes begaben, oder sie bedrohten die Urwald-Idylle als mörderische Menschenfresser.

Derlei Nigger-Klischees verbannte nun Russ Manning, der seit drei Jahren den Tarzan zeichnet. Sein Held lebt jetzt »als Partner« bei den Waziris, einem »starken und tüchtigen Stamm«. Kürzlich mußte sich der Tigerfell-beschürzte Buschheroe gar von einem zehnjährigen Waziri-Girl aus Fesseln befreien lassen,

Seit knapp zwei Jahren gehört auch zu der wohl intelligentesten US-Comic-Schöpfung, den Peanuts, ein kleiner Schwarzer namens Franklin.

Die genau 20 Jahre alte Peanuts-Serie mit Charly Brown, dem Antihelden, dem nie etwas gelingt, mit Snoopy, dem hochphilosophischen Hund, Lucy, dem durchtriebenen Biest, Schröder, dem Beethoven-Fan, und Linus, der seelischen Halt allein an seinem Nuckeltuch findet, hat mittlerweile mindestens ebenso viele Fans wie Tarzan: In Amerika drucken 745 Tages- und 393 Sonntagszeitungen Peanuts-Strips, insgesamt erscheinen sie 1500 mal täglich in 14 Sprachen.

»Die Peanuts entzücken die Weißen allgemein«, kritisierte gleichwohl der schwarze Zeichner Brumsic Brandon jr. -- der in seiner eigenen Comicstrip-Serie »Luther« das Slum-Leben eines neunjährigen Negerknaben abschildert -, »aber für die Gemeinschaft der Schwarzen ist Franklin nach wie vor ein kleiner weißer Junge.«

Der schwarze Franklin tritt auch nicht eben häufig auf bei den Peanuts. Peanuts-Vater und Laienprediger Charles Monroe Schulz, sicher von den besten Absichten zum Segen der schwarzen Minderheit in seinem Land geleitet, entwarf den farbigen Gefährten hilfreich, gut (er birgt einen abgetriebenen Wasserball) und selbstbewußt (er kritisiert eine total verkorkste Sandburg des ewig frustrierten Charly Brown). Aber dem kleinen farbigen Franklin fehlt, was die anderen Peanuts-Figuren wieder und wieder verwendbar macht: Er hat keine Macke.

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