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»Ohne Projektor gibt es keinen Film«

Der Philosoph Robert Spaemann, 79, über die Evolution, den Glauben und das Verhältnis zwischen Christentum und Islam
Von Jörg Blech, Elke Schmitter und Matthias Matussek
aus DER SPIEGEL 37/2006

SPIEGEL: Herr Professor Spaemann, wie kommt ein intelligenter Mensch wie Sie dazu, an Gott zu glauben?

Spaemann: Mich wundert es eigentlich immer eher, wenn jemand nicht an Gott glaubt.

SPIEGEL: Das müssen Sie uns erklären. Es scheint doch so, dass die naturwissenschaftliche Vernunft gerade einen Sieg nach dem anderen davonträgt und Gott gar nicht mehr nötig ist.

Spaemann: Gott war nie nötig, um irgendwelche Lücken zu füllen. Schon gar nicht innerhalb der Zusammenhänge, die die Wissenschaft erforscht. Aber auf die Frage, woher das Ganze kommt, versucht die Naturwissenschaft nicht einmal, eine Antwort zu geben. Nehmen Sie einen Film, in ihm gibt es empirische und logische Abläufe. Ein Schaf stammt von einem Mutterschaf ab und das wieder von einem anderen ...

SPIEGEL: ... heutzutage auch nicht mehr unbedingt.

Spaemann: In Ordnung, aber dann gibt es eine andere Ursache. Aber alles innerhalb des Films. Doch die eigentliche Ursache des Ganzen, das dort abläuft, ist der Regisseur beziehungsweise der Projektor. Wenn sein Licht ausgeht, gibt es das ganze Filmgeschehen nicht mehr. Und so, denke ich, ist Gott der Grund von allem, was geschieht, aber man kann ihn nicht hier oder dort im Film finden, man findet innerhalb des Films weder den Regisseur noch den Projektor.

SPIEGEL: Kurz vor seiner Reise nach Deutschland hat Papst Benedikt XVI. mit seinem Ratzinger-Schülerkreis das Verhältnis von Schöpfung und Evolutionstheorie erörtert. Sie selbst waren dazu als Experte in die päpstliche Sommerresidenz Castelgandolfo geladen. Der vorige Papst hielt Schöpfung und Evolution für vereinbar, ist jetzt mit einer Neupositionierung der Kirche zu rechnen?

Spaemann: Nein, auch hinter den damaligen Positionen stand ja bereits Kardinal Ratzinger, der jetzige Papst. Der Punkt ist ein anderer: Dass die Entwicklung des Lebens und die Entwicklung zum Menschen hin vollständig erklärt wäre mit Hilfe richtungsloser Variationen und Selektion, das bestritt der ebenfalls in Castelgandolfo anwesende Kardinal Schönborn in seinem Artikel in der »New York Times«. Schönborn geht von einem ursprünglichen Schöpfungsimpuls aus und von so etwas wie einem »intelligenten Design« in der Evolution.

SPIEGEL: Wie ist Ihre Haltung dazu?

Spaemann: Ich bin der Meinung, dass es sich tatsächlich um zwei Ebenen handelt. Leibniz hat die Infinitesimalrechnung erfunden und dadurch zum ersten Mal in der Geschichte Bewegung berechenbar gemacht. Leibniz hat aber gleichzeitig gesehen, dass diese Berechenbarkeit der Bewegung nur möglich ist um den Preis, dass der Bewegungscharakter der Bewegung aufgegeben wird. Er hat deshalb eine Philosophie der Bewegung entwickelt, die sagt: Allen Monaden, allen Wesen wohnt ein Impetus inne, ein Impuls. Ohne diesen Impuls kann man gar nicht verstehen, was Bewegung wirklich ist. Was aber ein Impuls, eine Tendenz ist, das wissen wir primär aus unserer Selbsterfahrung.

SPIEGEL: Aber mit der Evolutionstheorie kann doch genau solch eine Bewegung erklärt werden. Ungerichtete, seelenlose Mutationen bringen auf Dauer diesen Artenreichtum hervor, wie wir ihn kennen.

Spaemann: Wie aus Ungerichtetheit plötzlich so etwas wie inneres Gerichtetsein, also ein Auf-etwas-aus-Sein entsteht, ohne dass schon ein solches Auf-etwas-aus-Sein vorausgesetzt wird, das hat noch niemand erklärt. Wir sagen zwar: Eine intelligente Rakete sucht sich ihr Ziel. Aber das ist natürlich Unsinn, denn die Rakete sucht gar nichts, sondern wir haben sie so gebaut, dass sie sich so verhält, als ob sie suche.

SPIEGEL: Hinkt der Vergleich nicht? Die Rakete ist ja von einem Ingenieur konstruiert worden. Die Mechanismen der Biologie hingegen sind zufällig und ungerichtet. Von außen betrachtet mögen Tiere und Pflanzen

erscheinen wie bewusstes Design. Aber man erhält diese Formen und die Vielfalt mit den Mechanismen der Evolution, dazu braucht es keinen Designer.

Spaemann: Mein Punkt ist ein anderer, nicht die Zweckmäßigkeit, sondern die Entstehung zielgerichteter Innerlichkeit. Niemand kann das Auftauchen von Wesen mit Zielen aus ziellosen Prozessen erklären, also das Auftauchen von absolut Neuem erklären.

SPIEGEL: Wie sieht so ein Wesen aus?

Spaemann: Jedes Lebendige ist ein solches Wesen.

SPIEGEL: Also auch ein Einzeller?

Spaemann: Auch ein Einzeller hat ja schon eine Tendenz zu irgendwas. Er strebt ja irgendwohin. Und das unterscheidet ihn von der Rakete, die eben nirgendwohin strebt. Leben setzt eine hohe Komplexität voraus. Die Biologen können erklären, wie Komplexität zustande kommt. Aber Trieb oder Ich-Bewusstsein sind nicht etwas Komplexes, sondern etwas Einfaches, das Komplexität voraussetzt.

SPIEGEL: Die Zelle teilt sich, das genetische Material wird je nach Art der Fortpflanzung neu vermischt, und es gibt eine Tochtergeneration. So fließt die Information immer weiter. Insofern können die Biologen den Trieb erklären.

Spaemann: Der Biologe kann erklären, dass es eine solche Weitergabe von Information gibt. Aber dass der Einzeller überhaupt irgendwohin will, das nicht.

SPIEGEL: Will er irgendwohin? Das Pantoffeltierchen kennt keine Zielgerichtetheit, es ist ein seelenloses Geschöpf.

Spaemann: Mag sein, der Biologe fängt eben später an, von Zielgerichtetheit zu reden. Irgendwo wird er anfangen müssen. Bei der Fledermaus wird er es vermutlich zugeben, und wenn nicht, dann spätestens beim Menschen. An meinen Wunderglauben wird aber dann ein hoher Anspruch gestellt. Und niemand wird mir ausreden können, dass mein Hund fressen möchte, wenn er zum Fressnapf läuft.

SPIEGEL: Gibt es überhaupt irgendeine Entwicklung in den Naturwissenschaften, sagen wir seit Bacon oder seit Leibniz, die Ihre Position irritieren könnte?

Spaemann: Eigentlich nicht. Die Biologie kann selbstverständlich zeigen, dass es einen Selektionsvorteil gibt - der zum Beispiel mit der Entstehung von Bewusstsein verbunden ist. Aber was die Biologie nicht erklären kann, ist, dass auf dem Wege der Mutation etwas qualitativ Neues entsteht. »Emergenz«, »Fulguration«, das sind doch nur Vokabeln, die verschleiern, dass das Neue neu ist.

SPIEGEL: Gerade Mutationen sind doch ein entscheidender Mechanismus der Evolution und tragen dazu bei, ständig neue Varianten hervorzubringen.

Spaemann: Ich bezweifele aber, dass auf diesem Wege etwas qualitativ vollkommen Neues entstehen kann. Also Subjektivität.

SPIEGEL: Was wir hier sehen, den Rasen und die Blumen in Ihrem Garten, ist das für Sie beseelt, belebt?

Spaemann: Ja. So denke ich. Aber es gibt nur einen Ort, wo wir es direkt konstatieren können, und das ist in uns selbst. Nur, es liegt doch nahe, das auch bei anderen Lebewesen anzunehmen.

SPIEGEL: Der US-amerikanische Philosoph Daniel Dennett würde Ihnen entgegenhalten: Selbst die Empathie, die vielleicht einzigartige Gabe des Menschen, sich in andere hineinzuversetzen, ist das Werk winziger Bio-Roboter im Gehirn. Jeder Gedanke lässt sich so auf eine biochemische Aktivität zurückführen.

Spaemann: Das ist natürlich reine Phantastik, denn wir sehen keine Brücke von dem einen zum anderen. Vom Feuern der C-Fasern zum erlebten Schmerz. Von der Materie zum Geist.

SPIEGEL: Die Brücke läge in den Mechanismen der Evolutionstheorie. Die erklärt, dass aus zunächst einfachen Schaltkreisen im Gehirn der Geist des Menschen entstanden ist, und schlägt den Bogen vom Körperlichen bis hin zur Seele.

Spaemann: Das hieße, dass die Infinitesimalrechnung und dass überhaupt die mathematischen Gesetze in Wirklichkeit nur Gehirnzustände sind. Das würde dann bedeuten, dass wir bei einem hinreichend fortgeschrittenen Stand der Wissenschaft nur noch die Hirnforschung brauchen. Dann können wir nämlich aus der Analyse der Gehirne die ganze Welt ableiten, die ganze Mathematik finden wir dann in den Neuronen des Gehirns. Aber das ist ja reine Phantasie.

SPIEGEL: Das wären die Frontverläufe der Naturphilosophie. Wie sieht es in der Ethik aus? Etliche Naturwissenschaftler sagen, wir brauchen Gott nicht, um uns ethisch zu verhalten, sondern die Natur sorgt in ihren Prozessen der Arterhaltung für Nächstenliebe oder die Liebe zu Kindern. Viele Sozialwissenschaftler wiederum sagen, man ist schon aus Vernunftgründen nett zueinander. Der liebe Gott ist da gar nicht nötig.

Spaemann: Ja, das stimmt in gewisser Hinsicht. Es stimmt, dass Menschen unter normalen Bedingungen geneigt sind, auch freundlich zu sein und anderen nicht Unrecht zu tun. Es gibt aber Menschen, die setzen sich darüber hinweg. Und das Argument: Aber die Natur hat dich doch so programmiert, ist für sie gerade ein Argument, sich darüber hinwegzusetzen.

SPIEGEL: Es ist die Frage, die Dostojewski in »Schuld und Sühne« diskutiert: Warum sollte Raskolnikow die Pfandleiherin nicht erschlagen? Sie ist eine Plage für andere,

Raskolnikow kann die Kopeken gebrauchen. Damit stellt er sich besser. Es gibt kein biologisches Programm, das ihn hindert, die Frau zu töten.

Spaemann: Deshalb sagt ja Dostojewski, wenn Gott nicht existiert, ist alles erlaubt. Sie können sagen, von Gott kann man sich auch emanzipieren. Natürlich kann man. Man muss ja nicht an Gott glauben. Aber der Gottesglaube enthält ein hinreichendes Argument dafür, sich sittlich zu verhalten, während das naturalistische Argument nur erklärt, warum die meisten Leute das tun, aber niemand erklärt, warum wir das tun sollten.

SPIEGEL: Das 20. Jahrhundert hat mit Nazismus und Bolschewismus zu den allergrößten Verbrechen geführt. Treten wir jetzt wieder in ein Zeitalter der neuen Religiosität ein?

Spaemann: Es gibt ein gewisses Vakuum nach dem Zusammenbruch der großen Ideologien. Vor allem seit die politisch-soziale Utopie ihre motivierende Kraft verloren hat, ist ein Defizit entstanden. Wer jetzt von Fortschritt redet, meint nur noch den technokratischen Fortschritt. Da taucht die religiöse Frage auf, denn der Unterschied der Utopie zur Religion liegt darin, dass die Utopie eine Flucht in die Zukunft ist. Die Gegenwart ist eigentlich egal; sie kann gänzlich instrumentalisiert werden für die Zukunft. Die Religion wertet die Gegenwart auf. Das Jetzt, dieser Augenblick, hat eine unendliche Bedeutung.

SPIEGEL: Das ist allerdings eine Neuigkeit. Das Christentum hat doch eine lange Tradition, in der die Gegenwart nichts war als Material für eine erlösende religiöse Zukunft. Das irdische Jammertal sollte ertragen werden, weil das Paradies dafür kommen werde.

Spaemann: Das hat es sicher gegeben. Aber bei den großen Lehrern der Christenheit ist doch das, was im Zukünftigen als endliches Heil erwartet wird, in der Gegenwart verankert. Wenn Paulus sagt: »Die Liebe höret nimmer auf«, dann ist es die Liebe, die jetzt schon da ist.

SPIEGEL: Eine neue Beschäftigung mit der Religion scheint uns durch die islamistische Herausforderung aufgezwungen worden zu sein.

Spaemann: Der islamische Fundamentalismus bewirkt in der westlichen Welt eine Besinnung auf die Eigentümlichkeit des Christentums und auch auf den Glauben stützende äußere Sitten. Eine Religionsgemeinschaft, die alle sichtbaren Sitten aufgibt, gerät in eine schwache Lage. Ich denke bei Christen an die Sonntagsruhe, den Besuch des sonntäglichen Gottesdienstes oder die Gewohnheit der Katholiken, am Freitag kein Fleisch zu essen. Es sind Erkennungsmerkmale.

SPIEGEL: Von einer türkischen Schriftstellerin stammt die Frage: Wie kommt ihr

dazu, von uns Türken Respekt vor euren Sitten und eurer Religion zu verlangen, wenn ihr den selbst nicht habt?

Spaemann: Für gläubige Moslems verdient eine Gesellschaft ohne religiöse Praxis keinen Respekt. Sie ist sozusagen freies Missionsgebiet, es besteht eine regelrechte Aufforderung, da hineinzustoßen.

SPIEGEL: Warum sollte nicht eine aufgeklärte Gesellschaft dagegenhalten können?

Spaemann: Sie meinen eine unreligiöse Gesellschaft, die ich unaufgeklärt nennen würde. Aber ich argumentiere nicht so, dass wir den Glauben zu irgendwas brauchen. Andrej Sinjawski hat mal gesagt, wir sollen nicht glauben, weil es nützlich ist oder für die Gesellschaft förderlich oder der Seele bekömmlich, sondern wir sollen an Gott glauben aus dem einzigen Grunde, weil es Gott gibt. Der Kern des Glaubens ist die Überzeugung, dass Gott wirklich existiert.

SPIEGEL: Sie verknüpfen aber doch den Glauben mit einer Nützlichkeit, wenn Sie behaupten, eine humane Gesellschaft ließe sich ohne Religion nicht begründen.

Spaemann: Ich glaube, ich habe das nicht gesagt. Aber die Verbindlichkeit, die Legitimität eines säkularen Staates wird immer auf sehr wackligen Füßen stehen. Sie funktioniert vor allen Dingen, wenn alle im Wohlstand leben. Aber in kritischen Situationen?

SPIEGEL: Ein zentrales Argument gegen Gott ist der Holocaust. Wo war Gott in der Gaskammer?

Spaemann: Das ist für mich seltsamerweise überhaupt kein neues Problem. Ich selbst bin familiär eng verbunden mit dem Milieu der Opfer des Judenmordes. Aber wenn ich höre, dass ein kleines Kind grausam von sadistischen Erwachsenen gequält und umgebracht wird, dann ist das bereits das Problem. Der Holocaust ist dasselbe noch mal in gigantischer Vergrößerung. Wo war Gott? Am Kreuz.

SPIEGEL: Gibt es das Böse?

Spaemann: Offensichtlich. Gómez Dávila sagt einmal, es ist noch nicht alles verloren, wenn Menschen nicht an Gott glauben. Aber gefährlich wird es, wenn sie stattdessen an den Menschen glauben und den Teufel für eine Fiktion halten.

SPIEGEL: Herr Professor Spaemann, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* Jörg Blech, Elke Schmitter und Matthias Matussek.

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