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ROCKMUSIK Oi, Oi, Oi

Die englischen Jugendaufstände hatten eine musikalische Initialzündung: den Rock der faschistisch angehauchten Skinheads.
aus DER SPIEGEL 31/1981

Sie sehen aus, als hätte sie ein Comic-Zeichner mit plumper Hand entworfen: vierschrötig, mit fast kahlgeschorenen Schädeln, mit Jeans an breiten Hosenträgern und klobigen Schnürstiefeln mit Stahlkappen an den Füßen.

Ihr Schlachtruf ist einsilbige Sprechblasen-Poesie. »Oi! Oi! Oi!« röhren sie im breiten Chor als Fußball-Fans von der Tribüne, und martialisch dröhnt ihr »Oi!« bei Rock-Konzerten inzwischen auch als Gesang von der Bühne.

Sie sind anfällig für die Propaganda des faschistischen British Movement und der rechtsextremen Partei National Front. Wie Orden tragen sie die Wunden, die sie bei rassistischen Gewalt-Attacken auf Mitbürger anderer Hautfarbe kassieren. Schon seit 1968, seit es sie gibt, zählt »Paki-bashing«, Pakistaner verprügeln, zu ihren liebsten Freizeit-Vergnügungen.

Denn das einzige, was den englischen Skinheads, Jugendlichen aus der Arbeiterklasse im Alter bis zu 20 Jahren, im Überfluß zur Verfügung steht, ist Freizeit. Unter Arbeitslosigkeit leiden die weißen, zum Chauvinismus neigenden Skinheads genau wie die farbigen Briten aus Asien, Afrika und der Karibik, die sie zu Sündenböcken für die elende Lage der Nation und zum Freiwild für ihre brutalen Überfälle gestempelt haben.

Auf der englischen Musikszene waren die Skinheads in der Vergangenheit nur in Erscheinung getreten, wenn ihre Rollkommandos im SA-Stil Konzerte gemischtrassiger Bands stürmten. Seit ein paar Monaten haben sie selbst Instrumente in die Hand genommen und machen Oi!-Musik, hart und kompromißlos, im Stil des rohen Punkrocks von 1977: im Höllen-Speed vom Schlagzeug und aus der Gitarre gehauene Akkorde, dazu wüst und wütend attackierender Gesang.

»Das ist Musik für Fußball-Krawallmacher«, charakterisiert Rockkritiker Garry Bushell, der in seiner Musikzeitschrift »Sounds« das Trend-Etikett Oi! für den Skinhead-Rock erfand, die neue Bewegung. Rund 50 Oi!-Bands schleuderten in Londoner Clubs ihren Frust über immer trostlosere Lebensumstände und ihre anstachelnden Rufe nach Gewalt den Fans entgegen, bis eine Straßenschlacht die Auftrittsmöglichkeiten der Oi!-Skinheads erst einmal wieder zunichte machte.

Mit schriller Dissonanz war die Oi!-Musik am 3. Juli auf die englische Szene gekracht, die von den Punk-Nachfolgern noch kaum Notiz genommen hatte. Die Oi!-Band »The 4 Skins«, im Londoner East End, einer Hochburg des British Movement, zu Hause, war zu einem Konzert im West-Londoner Stadtteil Southall aufgekreuzt, der hauptsächlich von Asiaten bewohnt ist. Die betrachteten die Invasion von zwei Busladungen mit Skinheads, aus dem entfernten East End aufs gegnerische Territorium gekarrt, als rassistische Provokation.

Die Southall-Eindringlinge platzten rüde in das Asiaten-Viertel. Ihre Busse waren mit diskriminierenden Slogans bemalt und mit Union Jacks drapiert, und in dem Pub, in dem die »4 Skins« ihren Auftritt hatten, wurden Flugblätter für einen »Weißen nationalen Kreuzzug« verteilt.

Die Schlacht zwischen Asiaten, Polizei und Skinheads, die nach dem Oi!-Auftritt entbrannte, war Auftakt zu den heftigen Unruhen, die Großbritannien im Juli erschütterten.

Und die englische Rockszene hatte ihren Skandal, der um so mehr erschreckte, weil Rockfans sich bislang in der Illusion gewiegt hatten, ihre Musik sei immun gegen Rassismus und Faschismus.

Zwei Anthologie-LPs mit Oi!-Musik waren auf dem Markt, eine mit dem Titel »Strength Thru Oi!«, der auf den Nazi-Slogan »Kraft durch Freude« (Strength through joy) anspielt. Die Plattenhülle ziert das aggressive Photo eines finsteren Glatzkopfs, der einen Stiefeltritt in Richtung Kamera austeilt.

Der Mann, dem die Platte gewidmet ist und der früher bei der Oi!-Band »The Afflicted« (Die Gequälten) sang, ist Mitglied der SS-ähnlichen Leader Guard des British Movement und sitzt zur Zeit im Gefängnis wegen Körperverletzung und Anstiftung zum Rassenhaß.

Natürlich reagierte die Plattenfirma »Decca«, die auf den Oi!-Trend gesetzt hatte, nach dem Straßenkrieg von Southall rasch und betreten. Sie zog das Oi!-Werk aus den Plattenläden zurück und stampfte es ein, damit »keine Unklarheit über unsere Haltung« entsteht.

Das Rückzugsgefecht der Branche gegenüber den aufrührerischen Oi!-Gesängen schaffte freilich nicht aus der Welt, was da als Unkraut-Zweig der Jugend-Subkultur ans Licht der Öffentlichkeit drang und den Briten vor Schreck die Teetassen aus der Hand fallen ließ.

Es zeigte sich, daß die Punk-Revolte von 1977 kein einmaliger Ausrutscher der Rockgeschichte war, ein als gesund empfundener Tritt vors Schienbein, der reich und lethargisch gewordene Rockmusiker aus ihrer Schlaffheit reißen sollte.

Nachdem die Punk-Stars von einst, meist Bohemiens und Kunststudenten, ihr Soll an Verzweiflungsgesängen fürs proletarische Publikum erfüllt hatten, drifteten sie ab in feinere Stilvarianten und ins avantgardistische Experiment, belieferten sie den Markt mit Tanzmusik oder aufgeschlossene Feuilletonisten mit Futter für musikkritische Interpretationen.

Unter dem Motto »Anarchy in the U. K.« (Anarchie im Vereinigten Königreich) waren die damaligen Oberpunks, die »Sex Pistols«, 1978 auf Tournee gegangen. Nach den Jahren S.147 katastrophaler Verschlechterung der Lebensbedingungen und rapide wachsender Arbeitslosigkeit unter Maggis eiserner Monetaristen-Hand ziehen heute die Skinheads, Oi!-Musiker aus dem sozialen Abseits, Jugendliche ohne Zukunft, unter dem Schlagwort »Apocalypse Now« durchs Land.

Ihre unbarmherzig lärmende Musik ist ein noch stärkerer Ausdruck von Hoffnungslosigkeit, Gewalt, Verbitterung, Nihilismus und Aggression als der Punk-Schock, der gerade verdaut schien.

Ein Mitglied der Band »Anti Pasti«, Durchschnittsalter 19: »Die Verhältnisse sind jetzt sogar noch schlechter, als sie es 1977 waren. Mir stinken Leute, die sagen, sie hätten das alles schon einmal gehört. Wir drücken bloß Ideen aus, die in unserm Kopf sind, und wenn Leute denken, wir wären naiv -mag sein, aber dafür sind wir halt jünger.«

Unter diesen Ideen gibt es dann auch faschistische, die auf dem Nährboden deprimierender Zukunftserwartungen besonders gut gewachsen sind. Der arbeitslose Steve, 16, Mitglied des British Movement, sagt's deutlich: »Die Pakis nehmen uns die Jobs weg und unsere Häuser, deshalb hasse ich sie. Adolf Hitler ist mein Idol. Der hatte recht. Der hätte den Krieg gewonnen, aber er hatte Ärger mit seinem Magen. Ich glaub', es war ein Geschwür.«

Daß sich unter den arbeitslosen Jugendlichen, um die sich sonst kaum jemand kümmert, gut Nachwuchs für die Neo-Nazis rekrutieren läßt, ist klar: »Die National Front denkt, wir seien ein Haufen Degenerierter«, sagt der Manager der Oi!-Band »The 4 Skins«, der früher Mitglied beim British Movement war. »Aber weil sie junge Leute brauchen, schicken sie ihre Typen mit rasiertem Kopf zu uns. Der rechte Flügel fing damit an, und dann kam die Linke. Ich muß sagen, die machen das ganz gut. Die Kids sind wenigstens nicht alleingelassen.«

In einem neuen Song, Titel: »Brave New World« (Schöne neue Welt), wollen die »4 Skins« anprangern, »wie das Land zu einem Penner-Loch verkommen ist. All die alten Leute, die überfallen werden und so. Einige von denen haben im Ersten und Zweiten Weltkrieg gekämpft. Ekelhaft, wie dieses Land verfault.«

Dabei kleiden die Oi!-Musiker ihre Wut und Angriffslust nicht gerade in preziöse Rocklyrik. Ihre Texte entsprechen ihren Artikulationsmöglichkeiten. Im Song »All Coppers Are Bastards« (Alle Bullen sind Bastarde) schreien die »4 Skins": »Skinheads mit Messern, Skinheads mit Kanonen, Skinheads an die Macht, bla, bla, bla.« Oder, in dem Stück »Gang Warfare« (Bandenkrieg): »Wir sind die besten, schafft den Rest unter die Erde.«

Solche brutalen Behauptungen eigener Überlegenheit, die neben sich nichts mehr duldet und sich rücksichtslos einen Weg freikämpfen will, der längst blockiert ist, entspringen tiefen Ohnmachtsgefühlen. So macht sich die Band »Infa Riot« Mut mit den Versen: »Hört zu, wir sagen's Euch, scheißt auf die anderen, die sind nicht gut zu Euch. Oi, Oi, Oi, bei uns geht's los. Oi, Oi, Oi, wir ziehn die Show ab. Oi, Oi, Oi, wir zeigen's ihnen.«

Derlei rotzig-fatalistische Töne sind in England zur Zeit nicht nur aus dem heruntergekommenen Oi!-Getto der Skinheads zu hören. Auch am anderen Ende der Musikszene, an der Spitze der Hitparaden, gibt es Stimmungsbilder, die Sinnlosigkeit und Endzeitgefühle signalisieren.

Auf der Bestseller-LP »No Sleep 'Til Hammersmith« der englischen Hardrock-Band »Motorhead« donnert der Sänger, zu unerbittlich vorwärtspeitschendem Heavy-Metal-Gedröhn, ins Publikum: »Ihr wißt sowieso, daß Ihr Verlierer seid, und Zocken ist was für Verrückte. Aber da steh' ich nun mal drauf. Baby, ich will nicht ewig leben.«

Und die »Specials« aus Coventry, eine gemischtrassige Gruppe, die jamaikanisch-englische Ska-Musik spielt, halten sich auf dem Spitzenplatz der Single-Hitlisten mit dem bitteren Song »Ghost Town« (Geisterstadt). Da klagt die Band darüber, daß die »Regierung die Jugend auf die lange Bank geschoben hat«. Bislang haben mehr als 400 000 englische Rockfans die Platte gekauft.

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