Net-Art-Pionierin Olia Lialina "Mein Ziel war es, online unsterblich zu werden"

Olia Lialina stellt ihre Kunst nicht ins Internet - sie macht aus dem Internet Kunst. Hier spricht die Net-Art-Pionierin über den Einfluss der Pandemie auf Museen und ihr Problem mit Instagram.
Ein Interview von Marco Kasang
"Self Portrait" verteilt über diverse Internet Protokolle von Olia Lialina 2018 (Screenshot)

"Self Portrait" verteilt über diverse Internet Protokolle von Olia Lialina 2018 (Screenshot)

SPIEGEL: Frau Lialina, die Museen haben vor zwei Monaten wieder geöffnet. Aber noch immer findet eine Menge Kunst im Internet statt - vielleicht mehr als vor der Pandemie. Wie hat Corona das Netz als Ort für die Kunst verändert?

Olia Lialina: Die Pandemie hat Künstlern, Unternehmen und Institutionen einen starken Impuls gegeben, besser zu verstehen, was sie online tun können. Mir kam das sehr retro vor: Es hat bereits diverse Wellen einer Wiederentdeckung des Internets gegeben. Vor drei Monaten fühlte ich mich, als ob wir wieder in der Dotcom-Zeit 1999 wären oder um 2006, als das Web 2.0 verkündet wurde. Die Kunstwelt hat erneut diese Fragen gestellt: Sollten wir die Wände unserer Galerie online nachbilden? Ist es Zeit, die Galerien komplett zu verlassen?

Olia Lialina wurde 1996 bekannt als eine der ersten Net Art-Künstlerinnen mit ihrer Arbeit "My Boyfriend Came Back from the War” , einem interaktiven Browser-Film. Bis heute gilt sie als wichtige Pionierin und Beobachterin der Kunst im Netz und ist Professorin für New Media an der Stuttgarter Merz Akademie. Zwischenzeitlich hat sie eine weitere Karriere hingelegt: als GIF-Model. Ihre aktuelle Soloshow  in der Londoner Arebyte Galerie läuft bis zum 19. Juli. Im Kunstraum Kreuzberg in Berlin ist eine ihrer Arbeiten  bis zum 16. August zu sehen.

SPIEGEL: Wie haben die großen Institutionen reagiert?

Lialina: Die meisten Museen haben versucht, den realen Raum in ein virtuelles Erlebnis zu übersetzen. Sie haben eine Repräsentation davon kreiert, aber nicht wirklich etwas für die Onlineumgebung erschaffen. Net Artists hingegen arbeiten mit der immanenten Logik des Internets selbst. In den letzten 25 Jahren haben Museen diese Welt größtenteils ignoriert. Das scheint jetzt vorbei zu sein.

SPIEGEL: Sie selbst machen seit den Neunzigern Kunst mit Hyperlinks - und damit die Strukturen des Internets sichtbar. Ihre Serie "Animated GIF Model " wurde in verschiedenen Formen vom berühmten Stedelijk Museum in Amsterdam erworben.

Lialina: 2012 habe ich entschieden, eine neue Karriere zu beginnen. Mein Ziel war es, online unsterblich zu werden. Ich habe angefangen, mein Bild sehr genau auszuschneiden. Ich habe trainiert, um mich so zu bewegen, dass ich perfekte Loops davon schaffen konnte und diese Bilder in freie Sammlungen hochgeladen in der Hoffnung, dass Menschen sie auf ihrer Amateur-Homepage benutzen würden. So würde ich als animiertes GIF für immer weiterleben (lacht). Ich war zu optimistisch. Die Zeit der eigenen Websites war bereits vorbei. Aber ich habe mich so trotzdem auf private Homepages und Firmenseiten verteilt.

SPIEGEL: Fühlt es sich nicht seltsam an, sein eigenes bewegtes Abbild zufällig auf einer Website zu finden?

Lialina: Ganz und gar nicht. Das ist ein unglaublich gutes Gefühl, fragmentiert zu sein und in einem unerwarteten Kontext aufzutauchen. Die größte Freude ist es, wenn jemand mein Bild verändert hat. So kommt man voran und bleibt online am Leben.

SPIEGEL: Künstler verschiedener Gattungen klagen häufig, sie würden die körperliche Präsenz im Internet vermissen.

Lialina: Für mich ist physische Anwesenheit überhaupt kein Wert in der Kunst. Distanz ist auch etwas Wichtiges, das man in der digitalen Welt erforschen sollte. Aber ich bin auch froh über Projekte, die mich mit Menschen in Kontakt gebracht haben. In meinem Werk "Summer” habe ich 18 Frames eines GIFs von mir auf einer Schaukel auf verschiedene Server verteilt. Meine Freunde haben jeder einen Frame bei sich gehostet. Es ist ein sehr fragiles GIF, da ich nur schaukele, wenn alle Server erhalten bleiben - und wenn der Computer des Betrachters online ist. Mit den Personen, die meine Frames hosten, bin ich noch immer befreundet. Wenn einer von ihnen zu einer neuen URL umzieht, fragen sie mich, ob sie mich mitnehmen sollen.

SPIEGEL: Viele Künstler wählen konventionellere Wege - zeigen etwa ihre Werke auf Instagram, um ein größeres Publikum zu erreichen.

Lialina: Für einige Menschen ist Instagram zum Synonym für das Internet geworden. Instagrams Logik will, dass man zeigt, dass man ein reales Leben hat. Man prahlt damit, wie viel man davon besitzt. Viele junge Leute sehen das Internet aber als ein Medium, mit dem sie selbst etwas produzieren können. Sie betrachten es als etwas Größeres, wo sie ihre eigene Umwelt erschaffen können. Es ist sehr wichtig, mit den spezifischen Instrumenten des Netzes zu spielen, um seine Herausforderungen und Schönheit zu verstehen.

SPIEGEL: Ist das Internet offener als wir denken?

Lialina: Während der Pandemie haben viele Menschen begonnen, mit den Möglichkeiten des Webs zu experimentieren, und ich bin sicher, das werden sie jetzt weiterhin tun. Ich organisiere gerade eine Ausstellung, in der man miteinander kommunizieren kann, indem man die Videoplattformen Zoom, Whereby, Jitsi und Teams kombiniert. Ich will, dass meine Studenten verstehen, dass man nicht nur eine einzige App zum Bearbeiten, Dokumentieren, Sprechen, Teilen und Hochladen benutzen sollte. Auch neue Tabs zu öffnen, ist wichtig - sonst wird einfach alles zu uns geliefert, ohne dass wir daran wirklich haben.

Lialina: "Vor zwanzig Jahren dachte ich: Ich will zurück zu Netscape. Jetzt ist auch Internet Explorer etwas Nostalgisches geworden."

Lialina: "Vor zwanzig Jahren dachte ich: Ich will zurück zu Netscape. Jetzt ist auch Internet Explorer etwas Nostalgisches geworden."

SPIEGEL: Wie können wir mitgestalten, wie sich das Internet entwickelt? Das World Wide Web ist heute über 30 Jahre alt und seine Technik hat sich schnell verändert. Die meisten Menschen mussten sich dem dann anpassen.

Lialina: Ich persönlich versuche, alte Websites zu archivieren, wie man in meiner aktuellen Installation in Berlin  sehen kann. Software, die Net Art in den Neunzigern benutzt hat, existiert heute teils nicht mehr. Künstler haben damals nicht an die Zukunft ihrer Werke gedacht. Bestimmte Plug-ins gab es nur ein paar Jahre. Aber auch meine eigene Kunst bereitet Probleme bei der Aufbewahrung, weil sie offline nicht funktioniert. Das scheint ein Paradox des Internets: Ich kann nichts löschen und gleichzeitig verschwindet die ganze Zeit eine Menge.

SPIEGEL: Sie könnten Net Art in die klassischen Museen retten, damit das nicht passiert.

Lialina: Ich habe Angebote, aus "Summer"  ein Video für ein Museum zu machen, stets abgelehnt. Net Art ist eine unbequeme Kunst mit einer komplexen Technik. Museen wollen sie oft nicht so zeigen, wie sie ist. Deshalb ist sie weniger sichtbar. Aber die großen Institutionen müssen ihre Internetpräsenz überdenken. Wir brauchen Kompetenzen, um Onlineausstellungen zu kuratieren und Onlinesammlungen in Auftrag zu geben, um die Sprache des Webs zu lehren. Ich hoffe, das wird nicht aus Angst vor einer zweiten Covid-19-Welle passieren. Sondern weil die Kunstinstitutionen begreifen, dass es ein großes interessiertes Publikum im Internet gibt.