Zur Ausgabe
Artikel 109 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Film On the Town

Von Urs Jenny
aus DER SPIEGEL 21/1996

Neben dem allseits bekannten Paris gibt es ein zweites, ein geheimes und imaginäres mit dem Montparnasse-Hügel als Gravitationszentrum: schiefe Gassen mit Kopfsteinpflaster, kleine Parks, verwunschene Häuser, Gewölbe, in denen der Geist der Romantik noch lebt. In diesem Paris spielen die Filme von Jacques Rivette.

Immer mal wieder, wenn er das Gefühl hat, mit seiner Zickzack-Karriere in eine Sackgasse geraten zu sein, besinnt Rivette sich auf eines der simpelsten und schönsten Rezepte zum Kinomachen, das da lautet: Man nehme ein paar hübsche junge Frauen, lasse sie in die Welt hinausziehen und stelle sich vor, sie seien einem unglaublichen Geheimnis auf der Spur.

Mal hieß der Film, der so entstand, »Céline und Julie fahren Boot«, mal »Pont du Nord« oder »Die Viererbande« - und auch wenn man sich längst nicht mehr erinnert, worum es da ging, erinnert man sich doch an einen Duft, an eine Musik, an eine ganz besondere Verzauberung.

Da Rivette sich 1994 nach seiner ehrgeizigen sechsstündigen Jeanne-d'Arc-Chronik »Johanna, die Jungfrau« einmal mehr als ruhmreich Gescheiterter fand, hat er wieder einmal und wie zur eigenen Verjüngung auf das gute alte Rezept zurückgegriffen.

In seinem neuen Film, ziemlich zu Anfang, sehen wir ihn als hageren grauen Zausel an einer Würstchenbude stehen, wie er eine hübsche Passantin anzuschnacken versucht: »Sind wir uns nicht irgendwo schon mal begegnet?« Sie aber in ihrem kurzen sommerbunten Kenzo-Fähnchen entflieht wie ein Schmetterling.

Rasch zeigt sich natürlich, daß sie doch eine der unverwechselbar rivetteschen Mädchenfrauen ist, um die sich alles dreht, und da Rivette seine Heldinnen immer ermuntert, ihre Rollen zu einem guten Teil selber zu erfinden und zu verzieren, stehen sie auf der Liste der Drehbuchautoren obenan: Die drei schlanken, biegsamen, bezaubernden Schönen sind Laurence Côte, Marianne Denicourt und Nathalie Richard.

Alle drei haben etwas leichtfüßig Mobiles, Nomadisches, Unverwurzeltes: Die eine ist eben aus einem fünfjährigen Koma erwacht, muß sich und die Welt erst wiederfinden und tut zögernde erste Schritte in die dornröschenhaft überwucherte Villa, die sie inzwischen geerbt hat. Die andere, eine Gelegenheitsdiebin, wechselt unstet ihren Wohnsitz, da sie außer einem mürrischen Kater und einer Sammlung leerer Schuhschachteln nichts ihr eigen nennt. Die dritte, die als Neugeborene ausgesetzt wurde, folgt durch die Stadt einer Melodie, die sie einst im Mutterleib gehört zu haben glaubt, auf der Suche nach ihrer Mama - all das hat mehr Traumlogik als wie ein Steinchen im Schuh schmerzende Wirklichkeit.

Die Verbindung zwischen den drei einzelgängerischen Fährtensucherinnen schafft eine Männerfigur, die an jeder ein eigenes Interesse zeigt. Der Pariser Theaterstar André Marcon, den Rivette dafür gewählt hat, erinnert unübersehbar an Gene Kelly, und der hatte in »On the Town« mit drei Mädchen zu tun. Auch »Vorsicht: Zerbrechlich!« ist nämlich ein Musical, ein ganz kleines, verspieltes, und die scheinbar unabsichtliche Improvisation erweist sich immer wieder überraschend als Kunst-Finesse, als höhere Ironie, wenn sie sich aufschwingt in Tanz und Gesang: Rivette-Kino ist Kino der Schwerelosigkeit.

Natürlich hat das nichts mit dem sogenannten wirklichen Leben zu tun und ebensowenig mit dem Kleister, den uns Hollywood in Augen und Ohren haut, und wird also (mit fast drei Stunden Spieldauer) nur unbeirrbare Schwärmer in deutsche Kinos locken. Die rivetteschen Mädchenfrauen, ein für alle Mal, entspringen einer Männerphantasie, die sich ihre Geschöpfe abenteuerlustig, angstlos und frei vorstellt: Statt sich der Herrschaft eines blöden Mannes zu unterwerfen, tanzt jede lieber selbstvergnügt und selig für sich allein.

Urs Jenny

Zur Ausgabe
Artikel 109 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.