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DEBATTE OPERATION SAUERBRATEN

Der Leitkultur-Streit ist der neueste Akt im deutschen Selbstfindungstheater. Gerade die Erregung ist typisch deutsch. Wieder gilt: Wo Kultur im Spiel ist, hört der Spaß auf. Von Reinhard Mohr
Von Reinhard Mohr
aus DER SPIEGEL 45/2000

Am Ende werden wieder einmal die Franzosen kulturell profitiert haben: »Le Leitkültür« wird als vorerst letzter sprachlicher Direktimport aus Deutschland reüssieren - nach »Le Weltschmerz«, »Le Angst« und »Le Waldsterben«. Dafür zumindest gebührt dem tapferen Sauerländer Friedrich Merz internationalistischer Dank, der mit seiner forschen Begriffsbesetzung einen Pflock in die deutsche Multikulti-Duselei zu rammen versuchte und doch nur im Treibsand von Globalisierung und New Economy, anglophiler Pop-Kultur und Habermasschem Verfassungspatriotismus versank.

Die »linke Leitkultur des Zeitgeists« ("FAZ") schlug gnadenlos zurück und ließ den vermeintlich trennscharfen Begriff, der an die Trias von Kirchgang, Frühschoppen und Sonntagsbraten gemahnt, in jene Kakophonie der »Streitkultur« einmünden, die es doch zu überwinden galt. Die mediale und intellektuelle Streuwirkung der Operation Sauerbraten war enorm, und fast jede größere Tageszeitung etablierte flugs ihre Serie zum Thema.

»Was ist deutsch?« war die Leitfrage der »Welt«, auch wenn ihr Feuilletonchef Eckhard Fuhr sogleich einräumte, »normativ« ließe sich dies »über die von der Verfassung gesetzten Normen hinaus nicht bestimmen«.

Sei's drum, auch Deutschlands moralische Leitfigur Harald Schmidt ("Ich stehe zu deutschem Wasser") kam in seiner Late- Night-Show ohne den Begriff nicht mehr aus. Selbst die Affäre um Christoph Daums Kokainsucht, allerneuester Teil der deutschen »Leitkultur« auch im Bundestag (geflügeltes Wort: »Wenn du sagst, dass du krank bist, dann verzeih ich dir"), geriet zeitweise in den Hintergrund. Nur im abgeschotteten »Big Brother«-Container ahnten Daniela, Walter und Harry noch nichts.

Der Soziologe Wolf Lepenies erinnerte an die deutsche Tradition der politischen Romantik mit ihrem »Pathos des Gemeinschaftsgedankens« und jenem »Nationalismus, der sich stärker auf Kulturstolz und völkisches Überlegenheitsgefühl gründet« als auf Politik und demokratisches Regelwerk. Und tatsächlich, schon die 68er, heute an der Regierung, machten ihre einschlägigen Erfahrungen im revolutionären Kulturkampf gegen die Leit-Ästhetik von Hirschgeweih, Nierentisch und Sofakissen.

Die deutsche Debattenkultur jedenfalls präsentiert sich in Hochform - und in tiefstem Ernst. Wenn Kultur im Spiel ist, hört der Spaß auf. Wieder einmal bestätigt sich Kurt Tucholskys Erkenntnis, dass die Deutschen nie »so außer sich geraten, wie wenn sie zu sich selbst kommen wollen«. Wolf Biermann sagt es auf seine Weise: »Wir können doch gar nicht anders, als dieses Land, in dem wir leben, zu lieben. Deswegen hassen wir es ja auch so.«

Da kann ein Brite den Reichstag umbauen, ein gebürtiger Pole das Jüdische Museum entwerfen, ein Amerikaner das Berliner Holocaust-Mahnmal gestalten und der Bundesligist »Energie Cottbus« nahezu komplett mit ausländischen Fußballspielern antreten - »es kennzeichnet die Deutschen, dass bei ihnen die Frage, was ist deutsch, niemals ausstirbt« (Friedrich Nietzsche).

Jetzt heißt es Gesicht zeigen. Vom Ex-CDU-Chef Rainer Barzel bis zum Umweltminister Jürgen Trittin, vom »Bild«-Kolumnisten Peter Boenisch bis zu Gregor Gysi, von linken wie konservativen Publizisten hagelte es Kritik: Ein »Mac Guffin« à la Hitchcock sei Merz' Kampflosung zur Wiedergewinnung der christdemokratischen Diskurshegemonie, ein »semantischer Sack«, reaktionäre Anspielung auf eine »fiktive kulturelle Homogenität«, mindestens aber überflüssig, ja schädlich und gefährlich.

Die Verteidiger des schillernden Begriffs »Leitkultur« mit seinen Anklängen an Führung und Unterordnung hatten, was Wunder, Schwierigkeiten, ihn »inhaltlich zu füllen«, wie die CDU-Vorsitzende Angela Merkel im Jargon der Alternativkultur aus den siebziger Jahren formulierte.

Roland Koch, brutalstmöglicher Affären-Aufklärer aus Hessen, sprach von der größeren »Anpassungserwartung« an »diejenigen, die zusätzlich ins Land kommen«. Wolfgang Schäuble wünschte sich die »Eingliederung fremder Kulturen«, und CSU-Chef Edmund Stoiber hatte schon immer vor dem multikulturellen »Mischmasch« gewarnt.

Dass es auch in der konservativen »FAZ« den Kampf zweier kultureller Leit-Linien gibt, zeigte die Kritik des Feuilletonisten Christian Geyer an der Unschärfe des Begriffs, die »von der rechtsphilosophischen Selbstverständlichkeit bis zum rechtsextremen Ideologem« reiche: »Gefasel bleibt es trotzdem, und rassistisch ausbeutbar ist es allemal.« Georg Paul Hefty dagegen, verantwortlich für »Zeitgeschehen«, lebt in einer ganz anderen Vorstellungswelt. Zum Auftakt einer »FAZ«-Serie schrieb er in vollem Ernst: »Integration ohne Leitkultur ist wie Zu-Bett-Gehen ohne Bett.« Die Leitkultur als gesamtideelle Matratze der Gesellschaft - immerhin ein schönes Beispiel für die lebendige deutsche Metaphernkultur.

Am Ende seiner Ausführungen gab Hefty ganz unmetaphorisch jene tief sitzenden Ängste preis, die sich hinter der Begriffsmagie verbergen, Ängste, die gleichzeitig beschworen und mobilisiert werden: »Ließe man hingegen die verschiedenen Kulturen ,multikulturell' dauerhaft nebeneinander stehen, würde auf lange Sicht eine angriffige, unduldsame, zuwanderungs- und vermehrungsreiche Kultur die anderen in Bedrängnis bringen.«

Gerade jene, die den gewalttätigen Rechtsextremismus und Antisemitismus für eine vernachlässigenswerte Randerscheinung halten, fürchten sich besonders vor der vermuteten »angriffigen« Unberechenbarkeit vor allem islamischer »Parallelkulturen« in Deutschland, ohne Genaueres zu wissen. Schon jetzt freuen sich die Wortfuchtler auf das zündende Wahlkampfthema 2002.

Dass eine »zunehmende Vielfalt von oft wenig miteinander verbundenen Parallelgesellschaften oder Lebenswelten gerade für moderne Gesellschaften charakteristisch ist«, wie Dieter Oberndörfer, Professor für Politikwissenschaften, bemerkte, kommt den verspäteten Patrioten allenfalls dann in den Sinn, wenn sie durch Manhattan spazieren.

Gleichwohl: Es ist jene notorische Angst vor »Überfremdung«, die hier, fernab der Fußgängerzonen, Wohnblocks und Stammtische, unmissverständlich zum Ausdruck kommt - daneben ein merkwürdig verspannter, kleinmütiger Definitions- und Regelungsdrang gerade jener Leit-Artikler, die sonst gern nach »Deregulierung« rufen.

Die Gretchenfrage, etwas akademisch formuliert, lautet: Wie muss ein pluralistisches Gemeinwesen gestaltet sein, um ein Zusammenleben verschiedener Lebensformen, kultureller Praktiken und moralischer Vorstellungen zu ermöglichen, ohne dass die Gesellschaft in voneinander abgeschottete Subkulturen zerfällt?

Kurz: Wie viel Wirklichkeit vertragen wir - und wie kompliziert darf sie sein?

Kein Zufall, dass all die schiefen Metaphern und verunglückten Sätze, die semantische Unmöglichkeit, »Leitkultur« sinnvoll zu definieren, die inneren Widersprüche und Paradoxien der laufenden Debatte spiegeln, in der zu selten Klartext gesprochen wird.

Lange Zeit wurde zu Recht der mangelnde Wirklichkeitssinn der Linken beklagt - nun müssen die demokratischen Rechten die Probe aufs Exempel ablegen: Ende der Gespensterdiskussion.

Auf der einen Seite der leidenschaftlich tönende, philologische, polemisch-ideologische Streit um Worte, auf der anderen Seite der nüchterne Hinweis auf Selbstverständlichkeiten: »Deutsch sprechen können und sich an die Gesetze halten - was noch?«, fragt der Publizist Norbert Bolz und antwortet gleich selbst: »Wer zahlt, wählt, lernt und sich an die Gesetze hält, muss gar nicht mehr integriert werden - er gehört schon dazu. Mehr an gesellschaftlicher Homogenität gibt es nicht.«

Abgesehen davon, dass demnach Tausende »völkisch« eingestellte Ostdeutsche, die in Brandenburg und sonst wo ihre »national befreiten Zonen« gegen alles Fremde notfalls mit dem Baseballschläger verteidigen, offiziell als »nicht integriert« gelten müssen - worum geht das ganze Bohai, wenn es so einfach wäre?

Bolz' eigene Antwort, die er in Eberswalde, Neuruppin und Dessau wiederholen sollte: »Wir müssen heute lernen, Kultur nicht als Identität, sondern als Differenz zu verstehen.«

In dieser Formulierung eines Intellektuellen, so zutreffend sie ist, steckt der ganze Sprengsatz der Debatte. Während, wie Bolz selbst sagt, die Jüngeren in die Weltkultur von Internet, Harry Potter und HipHop hineingeboren werden und die Älteren, Erfolgreichen ihre Geschäfte mit ihr machen, fühlen sich andere Teile der Bevölkerung verunsichert und in dem, was für sie immer noch Identität, Tradition und Heimat bedeutet, bedrängt und bedroht.

So liegt auch über der »Leitkultur«-Debatte der Schatten von Angst und Abwehr - und dies in einem Augenblick, da die Zuwanderung eher abnimmt, die Arbeitslosigkeit sinkt, das Gewicht Deutschlands wächst und die boomende Wirtschaft darum bangt, nicht genügend qualifizierte ausländische Arbeitskräfte zu bekommen. Wo sonst stets von Chancen die Rede ist, regiert die Rhetorik des Risikos, eine merkwürdige Mischung aus neuem Nationalstolz und alter Ängstlichkeit. Dass die Einwanderungsgesellschaft (aus der auch viele wieder abwandern) keine Erfindung von Multikulti-»Gutmenschen« ist, sondern eine Folge der für Deutschland so gewinnreichen Globalisierung, spielt da keine Rolle mehr.

Immer noch krankt die aktuelle Selbstfindungsdebatte, die sich nicht zufällig mit der Diskussion über Rechtsextremismus, Antisemitismus und NPD-Verbot überschneidet, an fehlender Souveränität, daran, dass hier zu Lande lieber über »deutsche Gepflogenheiten« (Roland Koch) und die Metaphysik des Sauerbratens schwadroniert wird, als auf die Spaghetti-Teller zu schauen, die längst die Realität bestimmen.

»Heimat Babylon« ist der Titel eines klugen Buches von Daniel Cohn-Bendit und Thomas Schmid über das »Wagnis der multikulturellen Demokratie«, in dem die Autoren schon 1992 eine schlichte und zugleich folgenreiche Feststellung treffen, die erst jetzt, im Trockeneisnebel der Wortschlacht, begriffen zu werden scheint: »Deutschland ist ein Einwanderungsland - und das bringt auch Probleme mit sich.«

Das eine gilt nicht ohne das andere. Wer die Realität anerkennt, erkennt auch ihre Konflikte an - ohne Verdrängung, Beschönigung oder Dramatisierung. Und er muss sie zu lösen versuchen - auch die mit dem islamischen Frauenbild, den Tendenzen zur Ghettobildung, den Problemen in der Schule und auf dem Kiez.

Die stärkste Waffe der Integration, so die Autoren, sei der »demokratische - also der prinzipienfeste und flexible - Umgang mit der verwirrenden, manchmal ärgerlichen und manchmal beflügelnden Vielfalt der multikulturellen Gesellschaft«. Zu dieser Vielfalt, darauf wies Gustav Seibt in der »Zeit« hin, gehören aber auch jene jüngeren deutschen Literaten, Theatermacher und Künstler, die »Humor und Gemüt« wiederentdeckt und dabei »zum ersten Mal seit Generationen ein untragisches, nichtmartialisches Verhältnis zur Nation« entwickelt haben.

Es könnte sein, dass der Streit um die »Leitkultur«, in dem übrigens kaum jemand Goethe, Dürer, Bach oder Humboldt (schon gar nicht die jüdisch geprägte »Leitkultur« im Berlin der Weimarer Republik) erwähnt hat, den Beginn eines großen ideologischen Rückzugsgefechts markiert - auf dem Weg zu einer neuen, tatsächlich selbstbewussten und weltoffenen deutschen Realität: Hegels gute alte Dialektik.

Wie sagt der Franzose: »Ah, c'est ça, le neue deutsche Wirklischkait.«

Allons enfants, merci Friedrich!

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