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Opfer als Täter

»Bronsteins Kinder«. Spielfilm von Jerzy Kawalerowicz. Deutschland 1991; 100 Minuten; Farbe.
aus DER SPIEGEL 26/1992

Allzu viele Nazi-Schergen konnten sich nach dem Holocaust der Verantwortung entziehen. Dennoch haben sich die überlebenden Juden nur äußerst selten an den Peinigern von einst auf eigene Faust gerächt. »Bronsteins Kinder«, gedreht nach dem _(* Links: Linda Manz; oben: Clive Owen, ) _(Saskia Reeves. ) gleichnamigen Roman des Berliner Schriftstellers Jurek Becker, will wenigstens als realistische Phantasie ausmalen, was die Wirklichkeit selber merkwürdigerweise nicht hergibt: einen spektakulären Fall von jüdischer Selbstjustiz.

Film und Roman nehmen den Schluß der Geschichte vorweg: Auf einem jüdischen Friedhof in Ost-Berlin wird Arno Bronstein zu Grabe getragen. Hinter dem Sarg gehend, erinnert sich dessen Sohn Hans (Matthias Paul), wie es zum plötzlichen Tod des Vaters kam.

Rückblende: Aus dem Wochenendhäuschen von Arno Bronstein (Armin Mueller-Stahl) dringt ein Gewirr von Stimmen und Schlägen. Entsetzt findet Hans heraus, daß sein Vater die Datsche in eine Art Volksgefängnis verwandelt hat. Gemeinsam mit zwei jüdischen Freunden verhört und quält Arno Bronstein einen ehemaligen KZ-Aufseher (Rolf Hoppe): Täter und Opfer haben die Rollen vertauscht.

Regisseur Jerzy Kawalerowicz, 70, der zu den Pionieren des polnischen Nachkriegsfilms zählte, hat dem provozierenden Plot leider kaum dramatische Spannung abgewonnen; Jurek Becker selbst lieferte ein Drehbuch, das sich allzu eng an die leidenschaftslos ironische Sprache der Roman-Vorlage hält.

Erst als das Geschehen eskaliert - die drei alten Juden stehen kurz davor, ihr Opfer umzubringen -, emanzipiert sich Kawalerowicz von seiner quälend-langsamen Dramaturgie. Der Film gewinnt an Tempo: Um seinen Vater zu retten, will Hans den Gefangenen befreien - doch zu spät: der selbsternannte Rächer hat die Aufregung nicht überlebt. _(* Mit Armin Mueller-Stahl, Buddy Elias, ) _(Rolf Hoppe. )

* Links: Linda Manz; oben: Clive Owen, Saskia Reeves.* Mit Armin Mueller-Stahl, Buddy Elias, Rolf Hoppe.

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