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KRIMINALISTIK Orakel aus der Tüte

aus DER SPIEGEL 42/1965

Drei Männer schlichen durch ein Warenhaus im Nordwesten der amerikanischen Millionenstadt St. Louis. Ihr Gepäck: Pistolen, Brecheisen und Schweißgerät.

Mit Nachschlüsseln bahnten sich die, drei Gangster ihren Weg zum Kassenraum. Aber noch ehe sie dort ihr Handwerkszeug absetzen konnten, blitzten Handscheinwerfer auf. Pistolenläufe reckten sich den Einbrechern entgegen - die Polizei erwartete sie schon.

Ein Detektiv ohne Augen und Ohren hatte das nächtliche Verbrechen aufgeklärt, noch ehe es begangen wurde: Ein Elektronenhirn hatte den Kriminalbeamten den mutmaßlichen Tatort und die mögliche Tatzeit prophezeit. Als die Handschellen klickten, war eine der gefährlichsten Banden von St. Louis (US -Staat Missouri) dingfest gemacht. Ihr Straftatenregister: drei Morde, mehr als 30 Einbrüche.

Die elektronische Verbrecherjagd in St. Louis veranschaulicht nur eine der zahlreichen Einsatzmöglichkeiten für das neuartige Hilfsmittel, dessen sich die Polizei amerikanischer und europäischer Großstädte in zunehmendem Maß bedient - gezwungenermaßen: Nur Elektronenhirne können die Gesetzeshüter künftig davor bewahren, von der steigenden Flut unaufgeklärter Straftaten überschwemmt zu werden.

Das unaufhörliche Wachstum der Millionenstädte und die Beweglichkeit der Industriegesellschaft begünstigen strafbares Tun. Seit 1958, so berichtete jüngst J. Edgar Hoover, Chef der amerikanischen Bundeskriminalpolizei (FBI), wächst in den USA die Zahl der Verbrechen fünfmal so schnell wie die Bevölkerung.

Gleichzeitig sank die Aufklärungsquote. So wurden im letzten Jahr, wie Hoover mitteilte, in den Vereinigten Staaten (die leichten Vergehen eingerechnet) nur knapp ein Viertel aller Straftaten geahndet - zwei Prozent weniger als noch im Vorjahr. »In allen Bereichen unserer Arbeit«, erklärte jungst der amerikanische Kriminologe Milton J. Rector, »haben wir es jetzt mit weitaus raffinierteren und intelligenteren Gegenspielern zu tun als früher.«

Drei Viertel aller US-Kriminalfälle betreffen zudem eine neuartige Gruppe von Gesetzesbrechern, denen der herkömmlich-schwerfällige Polizeiapparat nahezu völlig hilflos gegenübersteht: Automarder, die den gestohlenen Wagen wieder abstellen, sobald der Tank leer ist, werden fast nie ausfindig gemacht.

Eine Revolution in der Bekämpfung von Verbrechern, wie sie der Kriminologie im vorigen Jahrhundert mit der Entdeckung des Fingerabdrucks beschert wurde, versprechen sich die amerikanischen Experten nun vom Einsatz der Computer.

Westdeutschlands Kripo-Chefs stehen der neuen Technologie noch zögernd gegenüber. Die riesigen Karteien im Wiesbadener Bundeskriminalamt, so kritisierte unlängst der Frankfurter Kriminaldirektor Albert Kalk, würden noch immer »völlig unzulänglich mit der Hand« bearbeitet. Mit dem Argument, es gebe »keine Maschine, mit der man durch Knopfdruck einen Mörder finden kann«, suchte der Wiesbadener Regierungs-Kriminalrat Heinz-Günter Zimmermann diese Zurückhaltung zu motivieren.

Doch welch beträchtlicher Fahndungsleistungen die elektronischen Super -Polizisten tatsächlich auf Knopfdruck fähig sind, beweisen Beispiele aus amerikanischen Millionenstädten:

- Der Polizei-Computer in Detroit (US -Staat Michigan), gefüttert mit den Steckbriefen von fast 3000 ortsansässigen Ganoven, gab allein während der letzten vier Monate Hinweise, die zur Ergreifung von vier Bankräubern, einem Einbrecher und einem Sexualverbrecher führten. Seit der Computer in Betrieb ist, werden in Detroit 30 Prozent mehr Auto -Diebstähle aufgeklärt als vorher.

- Rund fünf Millionen Fingerabdrücke sind - neben Millionen anderer Daten - in dem Gedächtnis des Kriminal-Computers von New York gespeichert. Hundert Angestellte würden zwei Jahre brauchen, um ein gesuchtes Finger-Porträt in diesem Archiv aufzufinden - der Elektronenrechner sichtet bis zu drei Millionen Fingerabdrücke in einer Stunde.

- Seit April 1964 bedient sich die Kriminalpolizei von Chicago eines elektronigchen Archivs. Bisheriger Erfolg: Der Elektronenrechner lieferte Hinweise für mehr als 3800 Verhaftungen.

680 Millionen Einzelinformationen -Verbrechernamen, Personenbeschreibungen, Fingerabdrücke, Schußwaffen -Lizenzen, Unfall- und Überfallberichte, Kennzeichen gestohlener Autos und Karatwerte gestohlener Diamanten - wurden dein elektronischen Datenspeicher einverleibt, der letzten Monat in Los Angeles für den Kampf gegen die Unterwelt programmiert wurde. Und die Polizei von Rom, die eines der ersten umfassenden Computer-Systeme in Europa installierte, ließ sogar Schuhgrößen und Hutnummern ihrer eigenen Beamten auf Magnetband, registrieren - um die Einkäufer der Kleiderkammer zu entlasten.

Mit welcher Geschwindigkeit, aber auch mit Welch beängstigender Perfektion die elektronischen Polizisten fündig werden, bewies ein Vorfall, der sich Ende August in New York ereignete.

Aus einem Streifenwagen, der am Straßenrand postiert war, meldeten zwei Beamte über Sprechfunk dem Computer im New Yorker Kripo-Hauptquartier die Nummern aller vorüberfahrenden Autos. Plötzlich - sieben Sekunden nach Empfang der Meldung - gab das Elektronengehirn Alarm für »QK-7554«. Die Fahrerin des Corvairs QK-7554, die 34jährige Hausfrau Gloria Placente, wurde zwei Straßenecken weiter festgenommen. Dann meldete der elektronische Big Brother ihr Delikt: Sie hatte 15 Monate zuvor das Rotlicht einer Ampel nicht beachtet und die betreffende Strafgebühr noch nicht bezahlt. Reaktion der Ertappten: »Wofür haltet ihr mich - eine Verbrecherin? Ihr seid, wohl übergeschnappt!« Kommentar des US -Magazins »Time": »Ein elektronischer Zirkusakt - der Elefant traf eine Mücke.«

Das Überprüfen von Autonummern auf etwaige Verdachtsmomente zählt freilich zu den simpelsten Verrichtungen der Kriminal-Computer. Weitaus verblüffender ist ihre Fähigkeit, ganze Verbrechens-Serien durch systematisches Gedächtnis-Kramen aufzuhellen.

Wie der elektronische Maigret bei solcher Kombinier-Arbeit vorgeht, wurde unlängst auf einem New Yorker Elektroniker-Kongreß erläutert. Sn wurde beispielsweise dem Polizei-Computer von Los Angeles - der jede Woche 36 000 Polizeiberichte in seine Speicher aufnimmt - folgende Tatschilderung eingefüttert:

- »Raubüberfall auf ein Hutgeschäft ... Kennzeichen des Täters: Männlich, blond, Bürstenschnitt; besondere Tatmerkmale ("Trademarks"): Simuliert Pistole, die in einer braunen Papiertüte verborgen ist; sagt: 'Versuchen Sie nicht, die Polizei zu rufen, sonst komme ich wieder.'«

Der Computer tastete sein alphabetisches Wortregister ab ("Blond, Bürstenschnitt, braune Papiertüte ..."), und innerhalb von Minuten spuckte sein millionenfach gefüttertes Gedächtnis drei weitere Fälle aus, denen die gleichen »Trademarks« eigen waren: Der blonde Bürsten-Gangster mit Papiertüte hatte in den Wochen und Monaten zuvor ein Süßwaren- sowie ein Ledergeschäft und ein Büro heimgesucht.

Ähnlich wie der Los-Angeles-Computer war auch der Fahndungs-Roboter in St. Louis vorgegangen, als er den Kripo -Beamten die Spur in den Kassenraum des Warenhauses wies. Auch er nutzte die alte Erfahrung der Kriminalisten, daß manche Täter und Banden sich durch eine typische Tat-Handschrift (Kriminal-Fachwort: »Modus operandi") auszeichnen, so beispielsweise die Gebrüder Max und Walter Götze, die in den 30er Jahren in Berlin 21mal nächtliche Raub -Überfälle verübten - fast immer auf Liebespaare in Autos im Grunewald -, oder die Brüder Franz und Erich Saß, die in den 20er Jahren eine Serie von Bankeinbrüchen tätigten - immer mit einem Sauerstoffgebläse gleichen Typs {"Fernholzscher Schneidbrenner 4").

Aufgrund solcher typischen Tat-Merkmale stellte der Elektronenrechner in St. Louis die Behauptung auf, daß 30 Einbrüche und Überfälle sowie drei Morde von einer einzigen Bande ausgeführt worden seien.

Als dann die Programmierer den Automaten von Vergangenheit auf Zukunft umschalteten, um von ihm den mutmaßlichen Tatort und die Tatzeit des nächstfolgenden Banden-Coups zu erfragen, sprach er nach den Gesetzen elektronischer Logik in wenigen Minuten sein Orakel.

So kam es, daß der Einsatzplan der Polizei schon fertig vorlag, als sich das Gangster-Trio traf, um seinen Warenhaus-Einbruch zu planen.

Computer-Opfer Gloria Placente

Die Polizei weiß von der Tat ...

... noch ehe sie geplant wird: Polizei-Computer in Los Angeles

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