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Ordnung und frühes Leid

SPIEGEL-Redakteurin Ariane Barth über Barbara Beuys' »Familienleben in Deutschland«
aus DER SPIEGEL 46/1980

Das Unglück eines Geschichtsschreibers ist das des legendären Kartenzeichners: Seine einzig genaue Karte bedeckte schließlich das ganze Land, alle Wirklichkeit war unter ihrem Abbild verschwunden. Bilder von der Vergangenheit sind nie genau, als eine Art Delirium schieben sie sich über die Gegenwart.

Generationen von Schülern wurde ein geschichtliches Delirieren über Herrscher und ihre Schlachten zugemutet. Doch neuerdings herrscht ein historischer Boom für das Leben als solches, gewiß amüsanter als Versuche der Vergangenheitsrekonstruktion durch Kriegsgetümmel. Die »Geschichte der Kindheit« des französischen Privatgelehrten Philippe Aries faszinierte durch einfühlsame und kluge Schlüsse, »Die Geburt der modernen Familie« des kanadischen Soziologen Edward Shorter durch kühne Thesen.

Zur Rückbesinnung auf Privates hat nun eine deutsche Sozialgeschichtlerin ihr Stück beigetragen. »Familienleben in Deutschland« von Barbara Beuys

( Barbara Beuys: »Familienleben in ) ( Deutschland«. Rowohlt Verlag, Reinbek; ) ( 518 Seiten; 38 Mark. )

ist weder ein genaues noch ein kluges oder ein kühnes Buch, aber das macht nichts. Eine Fülle von Stoff wird dem Leser hingeworfen, seine Phantasie kann sich bestens bedienen.

Die ersten Spuren von 2000 Jahren Familiengeschichte sind dünn. Die Germanen -- wie Wagners Mythengestalten oder Nietzsches blonde Bestien werden sie wohl nicht gewesen sein, aber sie bleiben Schemen. Daß sie die Vielweiberei pflegten, wie von den Frankenkönigen aus der Zeit der Christianisierung bekannt, ist unwahrscheinlich. Der Kampf ums Überleben wird die Einehe begünstigt haben.

Die Frau ging dem Recht nach aus der Vormundschaft der Eltern in die des Mannes über, der sie schlagen, verkaufen oder töten durfte. Dennoch sprechen Grabbeigaben für eine gewisse Stellung der Frau. Auch aus grausamen Sitten läßt sich deuten, daß die Frau so unwichtig wie ein Haustier nicht gewesen sein konnte: Ihre Treulosigkeit wäre mit dem Tod bestraft worden.

Daß Germanen ihren Kindern gegenüber nicht gefühllos waren, davon scheint allerlei Spielzeug zu künden. Und seltsam, einem etwa sechsjährigen Knaben, dessen Grab aus dem 6. Jahrhundert unter dem Kölner Dom gefunden S.215 wurde, war außer einem Bett und Kriegsgerät auch eine knöcherne Nähnadel mit einem Wollfaden beigelegt.

Schon aus Zeugnissen früher Zeit spinnt sich die Autorin ihren Faden, an dem sie sich durch ihr Buch zieht: Liebe, Liebe zwischen Eltern und Kindern, Liebe zwischen Mann und Weib, die letzterem Gewicht gegen die Rechtslage gab. Warum diese Liebesversessenheit? Man kann sie sich nur damit erklären, daß die Familienforscherin einen Kontrapunkt gegen ihre prominenten Vorerzähler setzen wollte. Aries schloß aus seinen Quellen, daß eine Gesellschaft, deren Kinder eher starben als daß sie groß wurden, die typischen Liebesgefühle der bürgerlichen Kleinfamilie nicht haben konnte. Shorter stellte sich in vorromantischer Zeit eine kaum nachvollziehbare Lieblosigkeit zwischen den von Zweckmäßigkeit verbundenen Gatten vor.

»Was für ein Materialismus der Gefühle]« zürnt Barbara Beuys ganz unhistorisch: »Stellt man diese These vom Kopf auf die Füße, dann bedeutet das: Unsere Zuneigung ist abhängig vom Fortschritt der Medizin.«

Selbst aus archaischer Zeit, auf die sich Shorter und Aries mangels Quellen gar nicht erst eingelassen haben, hat die deutsche Deuterin Liebesbeweise. Karl der Große und Hildegard: »Sie wurde seine große Liebe.« Ob er seine Konkubinen vor, nach oder neben ihr hatte? Ein Mönch jedenfalls verzeichnete, er habe im Traum ein Tier an Kaisers Geschlechtsteil nagen sehen.

Karl erlaubte seinen acht Töchtern, »sehr schönen Mädchen«, so ein zeitgenössischer S.218 Chronist, »seltsamerweise« nicht zu heiraten. Dennoch soll man sich die Vaterliebe nach Barbara Beuys »offenbar frei von neurotischen Störungen und Besitzansprüchen« denken. Die Töchter hatten Verhältnisse, die Verhältnisse hatten Folgen. Er, der große Karl, so der Chronist, »ging über diese Dinge hinweg, als wäre nie der geringste Verdacht eines Fehltritts entstanden«.

Das Familienleben des Kaisers, der Kinder, Kegel und Kindeskegel um sich hielt und seine Frauen im Troß mitführte, wenn er durch die Lande zog, könnte das Ansehen der Weiblichkeit gehoben haben, meint Barbara Beuys: »Frauen saßen bei den Mächtigen, und sie traten auf wie jemand, der Macht hatte.«

Richarda, die Frau Karls III., brachte es dahin, als erste Germanenkönigin neben ihrem Mann auf ein Bibelbild gezeichnet zu werden: zwar kleiner als der Kaiser, aber größer als die Hofbeamten. Höherer Stand geht vor niederes Geschlecht -- davon ist bis jetzt noch einiges zu spüren.

Zur Karolinger-Zeit brachte der doppelte Nachteil, ein Weib zu sein und dazu noch vom Stand der Unfreien, wenigstens einen winzigen Vorteil. Während die Töchter der Grundherren gemäß dem männlichen Machtgetschintsche heiraten mußten, eroberte das niedere Volk einen bescheidenen Spielraum für die Gattenwahl.

Die kleinste Einheit, die unserer Kleinfamilie entspricht, hieß »hiwon«, wovon sich das Wort Heirat ableitet. Dem übergeordnet war die »familia«, eine geschlossene Gesellschaft: der Herr, seine Sippschaft und alle mehr oder weniger Unfreien, die auf seinem Grund lebten. Die Arbeitskräfte des Patron durften, um ihm nicht verlorenzugehen, aus ihrer familia nicht ausheiraten. Doch gerade das geschah immer häufiger, die Grundherren stellten schließlich Regeln auf, wie der Nachwuchs aus solchen Verbindungen zu verteilen war. Die Anfänge unserer Neigungsehe sind vielleicht bei den Besitzlosen zu suchen, während die Besitzenden für diese Entwicklung noch Jahrhunderte brauchten.

Zwar wurde die unfreie Frau ihrem unfreien Mann überantwortet, doch scheint sie »kostbarer« als er gewesen zu sein. Bezeichnend für die Geschlechterbewertung die Strafen für Verursachung einer Fehlgeburt: 12 Schilling, sofern es ein Knabe geworden wäre, 24 Schilling, wenn ein Mädchen verlorengegangen war.

Zwischen die Leiber und die Lust hat sich die Kirche geschoben, seit sie sich in den ersten Germanendickschädeln festgesetzt hat. »Sovielmal die Empfängnis verhütet, sovielmal getötet«, heißt es in einem Bußbuch der Karolingerzeit. Da Menschen gebraucht wurden, um aus Wälderwildnis S.219 Äcker zu machen, war diese Moral äußerst zweckmäßig. Dennoch muß es um mehr als nur Bevölkerungspolitik gegangen sein: So kostete Abtreibung dreimal 40 Tage Buße, »Semen in os« jedoch 7 bis 15 Jahre. Frau auf Mann, diese Stellung, die nach Mönchsmeinung die Empfängnis erschwerte, galt als »hündisch«. Vielleicht heißt deshaib das Umgekehrte »Missionarsstellung«.

Der Heilige Augustinus teilte den Beischlaf in zwei Kategorien ein, den schuldlosen zur Zeugung, den sündigen zur »Fleischeslust«. Schließlich lebte die Kirche nicht schlecht von der Sündenproduktion, und daß Augustinus alle Kirchenglieder in Sünde hielt, wußte der Scheinheilige sehr wohl: »Ich habe noch nie in vertraulichen Gesprächen erlebt, daß ein Verheirateter ... zugegeben hätte, er habe mit seiner Frau nur dann Verkehr gehabt, wenn er auf Empfängnis hoffen durfte.«

Die Kirche hatte ihr Gift gelegt. Die Ehen wurden durch die Jahrhunderte belastet, und die Pfaffen konnten sich an anderer Leute Lustverderbnis geilen.

Aber es gab da auch diesen wackeren Bruder Berthold. Im 13. Jahrhundert wetterte er zu Regensburg über den aufblühenden Stand der Kaufleute, die »lügen, betrügen und im Namen Gottes faule Geschäfte machen«. Beschwerden über zu kleine Maße und zu leichte Gewichte häuften sich. Putz- und Prunksucht in der Kaufmannschaft nahmen bisweilen solche Folgen an, daß die Stadtväter Strafen für Verschwendung zum Beispiel von Brokat verhängten. Manche Reichen müssen sich in ihrer Überheblichkeit so sehr gefallen haben, daß sie Spottnamen, vom Volk gegeben, als Nachnamen annahmen, wie Overstolz. Familiennamen, die hochzuhalten später einmal zur Hysterie wurde, breiteten sich aus.

Wo man ins Kaufmannsbuch eintrug »Gott gebe Glück« und meinte Glück für den nächsten Betrug, da war der Mann in der Regel auf die Gattin angewiesen. Frauen, die Bücher zu führen und zu rechnen wußten, waren Geldes wert. Die ökonomischen Bedingungen schufen neue Sitten: Die Kaufmannsfrauen waren die ersten, die von rechtlicher Unmündigkeit befreit wurden. In Lübeck bestimmte das Stadtrecht, noch bevor das 14. Jahrhundert anbrach: »Keine Jungfrau oder Frau oder Witwe kann ihr Gut verkaufen oder vergeben oder verleihen und versetzen oder Bürge werden ohne den Vormund, sofern es sich um mehr als drei Pfennige handelt. Ausgenommen sind diejenigen, die Kaufmannschaft betreiben.«

Kaufmannswitwen mehrten zuweilen den Reichtum der Familie. Aus dem 15. Jahrhundert ist sogar überliefert, daß die Regensburger Kaufmannsfrau Barbara Lech ihren Mann Wenzel wegen Vermögensstreitigkeiten vor den Rat brachte. Wenzel mußte nach dem Ratschluß »besonderlich versprechen, S.222 daß ich mit meiner Hausfrau Barbara fürbaß freundlich und ordentlich leben soll und will und sie die Sache nicht entgelten lassen will«. Den Fall präsentiert Barbara Beuys hocherfreut. »Wenn es auch vorerst für eine Minderheit gilt: Die Frau ist nicht dazu verdammt, zu Hause schweigend Unrecht zu erdulden.«

Auch im Handwerk kam die Frau voran. Zwischen 1300 und 1500 standen in Frankfurt 52 Berufe beiden Geschlechtern offen, 81 waren die Domäne des Mannes, 65 die der Frau und durchaus nicht nur Weiberkram. Vom Brauhandwerk in Frankfurt, das im 14. Jahrhundert ausschließlich Frauensache war, zieht sich eine historische Linie bis zu Marianne Strauß, »Bräuin« von Rott am Inn.

Die hohe Frau auf der mittelalterlichen Burg hatte es ganz anders, als die Minnesänger vermuten lassen. Zwar hat die Autorin einen Fall von »staunenswerter Liebe« an der Hand ("Sie küßte ihn wohl tausendmal auf den Mund«, wie ein Kaplan überlieferte). Es ging da um sogenannte erfüllte Liebe samt Trennungen und frühem Tod der Beteiligten, erst er, worauf sie »weinend und schreiend hin und her« lief und auch nicht mehr lange lebte.

Die Minne aber, das war etwas ganz anderes. Das überspannte Schmachten edler Ritter nach den hohen Frauen, deren Wert darin bestand, daß sie nicht zu haben waren, muß man sich als gesungene Abendunterhaltung nach harter profaner Tagesarbeit vorstellen -ähnlich unrealistisch wie heutzutage die Western. Humbug, daß der Sänger Ulrich von Lichtenstein, wie er erzählte, das Badewasser seiner geliebten hohen Frau austrank und ihr seinen abgehackten Finger zukommen ließ.

In den steinernen Höhlen der Burgen muß es sich nicht gerade angenehm gelebt haben: Es zog und stank. Da den erwachsenen Söhnen nicht einfach neue Burgen auf die nächsten Hügel gesetzt werden konnten, sammelten sich auf den Festungen über Generationen Großfamilien: drangvolle Enge in der Isolation hinter Mauern.

Auf mancher Burg war die wirtschaftliche Lage so schlecht, daß »Armer Ritter« aus gebratenen Semmeln aufgetischt wurde. Geld, das in der Kaufmannschaft zirkulierte, mangelte den Rittern. Es konnte vorkommen, daß eine adlige Witwe ein ganzes Dorf verkaufte »und um das Geld, so sie aus bemeldetem Dorf gelöst, einen schönen blauen samtnen Rock sich schneidern ließ«, wie ein Chronist verzeichnete.

Das Rittertum führte sich selbst ad absurdum, von der feste Burg kam Luther und machte, neben der Reformation, folgenschwere Familiengeschichte. Er war es nach Barbara Beuys, »der die Familie auf dem Papier so prägte, wie sie Jahrhunderte später unter Beschuß geriet: bedingungslos patriarchalisch und autoritär«. (Häretischer Einwand: Die Familie wäre auch ohne ihn geworden, wie sie wurde.)

Die Beziehung zwischen Mann und Frau, in der die katholische Kirche herumfummelte, nannte Luther ein »weltlich Ding«, was ihn natürlich nicht hinderte, ebenfalls zu fummeln. Aber nach seiner Lehre war es folgerichtig, daß dies »weltlich Ding« auch »weltlicher Obrigkeit« unterstellt wurde. »Luthers neue Ehelehre«, so Barbara Beuys, »hatte paradoxe Wirkungen: Sie öffnete dem Staat weit die Schlafzimmertür und gab ihm Macht über privateste Bereiche des Menschen.«

Schlicht, aber schick, konstruiert die Historikerin, daß im Zuge des Protestantismus »Schnüffelei und Pharisäertum blühten« und die soziale Kontrolle schärfer wurde, beispielsweise dieser Art: »Dirk Kikebecker lebt wie ein Schwein«, verzeichnet eine Dorfchronik, »Anna Steffens, eine alte böse, verlebte Bubin hält junge Dirnen, Curt Middendorf schlägt sein Weib und geht zu anderen.« Letzteres allerdings hat der Reformator erlaubt, sofern »ein halsstarrig Weib die eheliche Pflicht nicht zahlen will«.

Mit sicherem Griff hat Luther dem Staat die Kinder zugeliefert. Von dem Vater hart gehalten, von der Mutter blutig wegen einer Nuß geschlagen, setzte er den Elternstand »obenan« als Stellvertretertum seines Gottes auf Erden: »Willst du nun nicht Vater und Mutter gehorchen und dich erziehen lassen, so gehorche dem Henker.« Er selbst sagte einmal, als er sich über seinen Jungen geärgert hatte, er wolle »lieber einen toten Sohn haben als einen ungezogenen«. Daß Gehorsam gegenüber den Eltern und Gehorsam gegenüber der Obrigkeit einander bedingten, daß es mithin eine Verbindung zwischen Staat und privater Pädagogik gab -- Luther hat begriffen, was alles sich mit Kindern machen läßt: »Denn wie wir sie erziehen, so haben wir ungeratene und ungehorsame Kinder und Untertanen.«

Untertanen aufziehen -- die Familie bekam einen neuen Sinn. Barbara Beuys: »Auf diesem Umweg über den Staat fand die protestantische Familienideologie auch Eingang in katholische Köpfe. Die Familie als Keimzelle von S.225 Staat und Ordnung: Es ist eine Ironie der Geschichte, daß niemand in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts diese These des Martin Luther so vehement verteidigt wie die römische Kirche.«

Weil die Kinder früherer Jahrhunderte, wie Aries meint, weder sonderlich geliebt noch gehaßt wurden, weder sonderlich vernachlässigt noch erzogen wurden, genossen sie ein hohes Maß an Ungebundenheit. Die pädagogischen Bemühungen um sie, die künftigen Untertanen, machten sie wichtiger und zugleich unfreier.

Beides entwickelte sich: rührende Besorgnis um Kinder ebenso wie sadistische Erziehungsmethoden. »Lieder für Kinder« entstanden, aber auch Foltergerätschaften im Kindermaß, etwa eine Zuchtbank oder »ein Bärenkasten mit eitel scharfen Ecken, darinnen man nicht bequemlich stehen, liegen noch sitzen kann«. Von dieser zwiespältigen Haltung Kindern gegenüber schlägt noch manches in die moderne Kindererziehung durch, wenn auch die Quälmethoden, Schock und Schokolade, ins Psychische verfeinert wurden.

Die Ehe, wie sie bis in die Gegenwart ist, wurde zunehmend mit der Produktion von Glück befrachtet. Schon das Diesseits sollte es schenken, das alte Jenseits war fern. »Wenn die Tugend uns nicht glücklich macht, wozu zum Teufel ist sie da?« Nach dem Wort lebten barocke Mätressen auf, und wenn eine, wie die des hannoverschen Kurfürsten Ernst August, nach einem Schlaganfall schiefmäulig wurde, triumphierten die Tugendsamen, die ihr Glück auch nicht gefunden hatten, wohl aber zu vermissen wußten.

Eheleute -- selbst von der Kanzel dröhnte es so -- sollten einander liebhalten ("Gott ist die Liebe, und was ohne Liebe ... ist eine Hölle"); Freier sollten dieser ominösen Stimme des »Hertzen« folgen und mit ungeliebten Goldeselinnen »nimmer wünschen, ein Fleisch zu werden«, Bauern ihre Töchter nicht wie Waren verschachern: »Hast die Kuh lieber als das Kind, Du unväterliches Hertz?«

Ging aber die Neigung so weit, daß durch eine Verbindung die Gebote der sozialen Inzucht verletzt wurden, dann haben die Leute »das Maul darum gerissen«, so wurde anläßlich einer unbotmäßigen Hochzeit gedichtet: »Wir waren beide gleichsam eine Bühn -darauf ein jeder frei wollt Pinkelhering spieln.«

Wenn auch die Klassenschranken in der Regel gewahrt wurden: Immer mehr gründete sich die Familie auf Gefühle, die schließlich auch noch romantisch werden sollten. Romantik und Elend gingen nicht zusammen, den Armen fehlte mehr als das Ideal. Enge Behausungen, die Wände sommers grün von Schimmel, winters weiß von Eis, darin »menschliche Geschöpfe wie in einem Pöckel sitzen«, waren nicht geeignet für die neue Gefühligkeit, die sich auf Bürgers Sofa breitmachte.

In der Ehe des Arbeiters Theodor Bromme, Jahrgang 1875, wurden »die Aussichten für die Zukunft immer schwärzer, die Frau immer mißgestimmter, so daß ich die Ehe schon jetzt nach kaum zwei Jahren verwünschte«. Oft gab es Ehekrach -eine Folge auch der ökonomischen Verhältnisse. Nach dem zweiten Kind konnte Emma Bromme nicht mehr mitarbeiten, das dritte Kind versuchte Theodor durch »Pariser Artikel« oder »Vorortsgeschäft« (Coitus interruptus) zu verhindern: »Trotzdem ich die Pessare und ebenfalls auch das letztgenannte Mittel anwandte, war mir ein Jahr später unser Sohn Ernst beschert. Leider ist er sehr kränklich veranlagt, sehr schwächlich und von blauer Gesichtsfarbe; ob nicht diese verwünschten Sachen die Schuld daran tragen?«

Familie, ihr Inbegriff wurde die Beamtenfamilie. Hier vögelte sozusagen der Staat sich selbst in seinen Signifikanten. Einem preußischen Gendarm zum Beispiel war neben Pflichttreue und Gehorsam ein »moralischer Lebenswandel« vorgeschrieben. Ein »anstößiger Lebenswandel«, voran Sexualität vor oder außer der Ehe, konnte Disziplinarmaßnahmen bis hin zur Entlassung nach sich ziehen. In Minden etwa wurde ein Botenmeister aufgefordert, seine unverheiratete Tochter nebst drei Kindern aus dem Hause zu weisen. Aber solche »Pfuhle« in Beamtenfamilien waren rar. In Personalakten deutscher Beamter ist immer wieder »solide Häuslichkeit« und ein »vorbildliches Familienleben« verzeichnet.

Da die Frau dem Mann die für seine Stellung erforderliche Häuslichkeit herzustellen hatte und bei den niedrigen Gehältern viel von ihrer Sparsamkeit abhing, war sie ein bißchen mehr als S.228 bloß »Gebärmaschine« für neue Untertanen, meint jedenfalls Barbara Beuys und verweist auf diese Familie:

Konrad Adenauer, gleichnamiger Vater des späteren Bundeskanzlers, heiratete seine »Liebe«, obwohl sie keine Mitgift bekam. Der Sekretär am Kölner Oberlandesgericht zeugte, wie es dem Beamtendurchschnitt entsprach, vier Kinder, die sich lange zwei Betten teilen mußten. Das Haus war klein, trotzdem wurde die gute Stube, neun Quadratmeter, nur sonn- und feiertags benutzt. Des Geldes wegen hatte die Beamtenfrau Untermieter, und sie nähte in Heimarbeit Wachstuchdecken.

Pünktlich hielt die vielbeschäftigte Hausfrau dem Gatten das Essen bereit samt Kaffee zum Magenschluß. Als einmal der Kaffee verspätet kam und Vater, in Eile, sich den Mund verbrannte, warf er die Tasse auf den Boden. Frau Helene schmetterte die Kanne hinterher: »Wenn du deinen Kaffee parterre trinken willst.« Bitte, wir haben es mit einem Beweis zu tun. Barbara Beuys hält dafür, daß eine solche Arbeitskraft wie die Adenauersche nicht unbedingt »vor dem Ehemann zu kuschen« hatte.

Doch gab es auch andere Bilder. Der Philosoph Theodor Lessing »rinnert sich an seinen Vater: Wenn er von Krankenbesuchen heimka«, » so herrschte bei Frau, Kindern, Diener und Magd ängstliche » » Spannung. »Wird Herr Doktor an diesem Mittag zufrieden sein? » » Wird er wegen irgendeines Fehlers Krach schlagen?« Die » » Mahlzeit war die Qualzeit ... In Gesellschaft ein » » liebenswerter Schwerenöter und guter Unterhalter, war er in » » seinen vier Wänden ein übellauniger Allesbenörgler, der durch » » galligen Mißmut sich und anderen das Leben unfroh machte ... » » Die Mutter, im Haushalt ohne Stimme, lag auf der » » Chaiselongue, Romane lesend aus der Nordmeyerschen » » Leihbibliothek oder wollte just ins Abonnementkonzert oder » » verhandelte mit Frau Buchterkirchen, der Schneiderin, hatte » » gerade Damenbesuch oder machte gerade Toilette und sagte in » » ihrer dauernden Abhängigkeit doch immer nur dasselbe: »Du » » mußt Papa gehorchen.« »

Unterordnung und Ordnung, Sauberkeit bis zur Verklemmung der Triebe -- das war das Ideal der wilhelminischen Bürgerfamilie. Es rutschte durch in alle Schichten, und Hitler bekam aus diesen Familien sein Volk. Daß die politische Perversion des faschistischen Mannes mit seiner verquälten Sexualität zusammenhing, daß er mit den »roten Fluten« auch die Fluten der Frau abwehrte, ist bei Klaus Theweleit ("Männerphantasien") nachzulesen.

Die Familie, Vater, Mutter, die Kinder -- Hitler und Bormann redeten darüber, sie dem deutschen Blut zu opfern. Für die gefallenen Kameraden sollten die eugenisch wertvollen Männer mehrere Frauen schwängern.

Im Januar 1944 schrieb Gerda Bormann ihrem Mann Martin ("Mein liebster, bester Vati"), er solle doch »M.« zu Leibesfrüchten verhelfen, »aber Du mußt es so einrichten, daß in einem Jahr M. ein Kind bekommt und ich im nächsten, damit Du immer eine Frau hast, die beweglich ist«. Das kann man unter den historischen Bedingungen des Faschismus Liebe nennen oder auch nicht. Ein so hohler Begriff jedenfalls ist abhängig von der jeweiligen Zeit.

S.228

Wenn er von Krankenbesuchen heimkam, so herrschte bei Frau, Kindern,

Diener und Magd ängstliche Spannung. »Wird Herr Doktor an diesem

Mittag zufrieden sein? Wird er wegen irgendeines Fehlers Krach

schlagen?« Die Mahlzeit war die Qualzeit ... In Gesellschaft ein

liebenswerter Schwerenöter und guter Unterhalter, war er in seinen

vier Wänden ein übellauniger Allesbenörgler, der durch galligen

Mißmut sich und anderen das Leben unfroh machte ... Die Mutter, im

Haushalt ohne Stimme, lag auf der Chaiselongue, Romane lesend aus

der Nordmeyerschen Leihbibliothek oder wollte just ins

Abonnementkonzert oder verhandelte mit Frau Buchterkirchen, der

Schneiderin, hatte gerade Damenbesuch oder machte gerade Toilette

und sagte in ihrer dauernden Abhängigkeit doch immer nur dasselbe:

»Du mußt Papa gehorchen.«

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S.214Barbara Beuys: »Familienleben in Deutschland«. Rowohlt Verlag,Reinbek; 518 Seiten; 38 Mark.*S.222Der Ausgang von Zweikämpfen zwischen Mann und Frau galt alsGottesurteil.*S.228Mit Brautvater Buch (l.), Trauzeuge Hitler und Fahrer Steinbinder.*

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