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FERNSEHEN / Telemann ORDNUNGSDIENST

aus DER SPIEGEL 10/1963

Es gibt an unseren TV-Anstalten Frohnaturen, die glauben: Bei meinem Talent und einem bißchen Bonheur schauen mir 25 Millionen zu.

Irrtum.

Mag die Sendezeit noch so günstig, die Darbietung noch so launig, lebenswirklich oder spannend sein

- mehr als dreizehneinhalb Millionen

Beschauer darf sich, wer nur weltlicher Augenlust willfahrt, nicht erhoffen. Der Rest - elfeinhalb Millionen TV-Katholiken - steht seit Monaten vor den Pfarrämtern Schlange, um folgenden Revers zu unterfertigen:

Ich bekenne mich als katholischer

Christ zu der Aufgabe, für Gottes Ordnung auch im... Fernsehen einzutreten. Darum verspreche ich ... Fernsehsendungen gewissenhaft auszuwählen und mich durch den katholischen »Fernseh-Dienst« beraten zu lassen. Name, Wohnort, Datum. ("Wer diesen Zettel abgibt, hat damit sein... Fernsehversprechen geleistet. Den.. Text des Versprechens möge man im Gebetbuch aufbewahren.")

Eh genannter »Fernseh-Dienst«, im Auftrag der deutschen Bischöfe herausgegeben vom Katholischen Rundfunkinstitut in Köln, erscheint wöchentlich; teils in Plakatform, teils als rosarote Hektographie; zum Zwecke, das Tele-Programm der jeweils übernächsten Woche »religiös sittlich« vorzubewerten.

Seine Vor-Urteils-Skala reicht vom Prädikat »sehenswert für alle«, einer Belobigung, der sich gemeinlich nur Bastelnachmittage oder die Plauderkunststücke des Katholiken Luis Trenker erfreuen, über »für alle«, »ab 12«, »ab 14«, »ab 16«, »für Erwachsene« bis hinunter zu den Verdikten »mit Vorbehalten«, »mit erheblichen Vorbehalten« oder gar »abzuraten« und »abzulehnen«.

Unter »für alle« rangiert das Dauerquiz des »sympathisch-trokkenen« Heinz Maegerlein; ab 14« war Claus Hubaleks TV-Spiel »Stalingrad« angezeigt; »ab 16« steht Christ-Katholiken die »Rückblende« frei; »sehenswert ab 16« ist die Sendereihe »Report« mit der geringfügigen Einschränkung: »Dem interessierten Zuschauer wird persönliches Urteil allerdings nicht erspart.«

Die Einstufung »für Erwachsene mit Vorbehalten« erfuhren: das Millowitsch-Theater («... bleiben die unnötigen Anzüglichkeiten ärgerlich"), die TV-Parabel »Schlachtvieh« ("wird die Zuschauer nur ratlos machen") und Brechts »Leben des Galilei« ("nur dem unterscheidungsfähigen Christen kann das marxistische Stück als Exempel... dienen").

»Erhebliche Vorbehalte« meldete der Fernseh-Dienst zur Kriminalserie »Stahlnetz« an, weil Jürgen

Roland »der sensationelle Effekt wichtiger zu sein scheint als die nüchterne Wiedergabe von Tatsachen«. Das Urteil »abzuraten« traf Fritz Kortners »Lysistrata«, »abzulehnen« war Somerset Maughams Euthanasie-Drama »Die heilige Flamme«.

Weil jedoch, laut TV-dienstlicher Selbsterkenntnis, »eine Vorbewertung des Fernsehprogramms naturgemäß nicht ganz so sicher sein kann wie eine entsprechende Film - und Zeitschriften-Bewertung«, bedient sich das Rundfunkinstitut am liebsten der mahnenden Halbtöne: »voraussichtlich«, »frühestens«, »eher«...

»Voraussichtlich für alle« bedeutet

bei einem Schweden-Film, dessen Regisseur für »meisterliche Naturschilderungen« bekannt ist, ein klein wenig Freikörperkult könnte - apage satanas! - schon passieren.

»Nur für Erwachsene« deutet auf ein Machwerk des spanischen Leinwandschrecks Luis Bunuel hin.

»Eher für Erwachsene« kennzeichnet mit sanfter Besorgtheit das Erscheinen eines Wolfgang Neuss, einer Juliette Greco oder einer Elfie Pertramer ("ihre parodistische Laune schäumt leicht über").

Und »mit Einschränkungen« oder »frühestens ab 16« heißt die religiös-sittliche Prophezeiung, sobald die NDR-Reihe »Panorama« droht («... oft sensationsbeflissene Einseitigkeiten").

»Wir möchten niemandem etwas vorschreiben«, versichert der verantwortliche »Fernseh-Dienst«-Redakteur Herbert Janssen, »wir erteilen nur Ratschläge.«

Recht so. Indes: Woran erkennt der erwachsene Katholik, wenn ihm Bertolt Brecht oder eine norddeutsche Einseitigkeit begegnet, ob er ein »unterscheidungsfähiger Christ« ist? Wie erfährt der katholische Jüngling, angesichts der Vorwarnung »mit Einschränkungen«, ob er mit einem zugedrückten Auge der Äther-Anfechtung standhalten darf?

Und wer sagt einem Kinde der Erzdiözese München-Freising, in dessen »Beichtspiegel« die Frage gedruckt steht: »Hast Du Dir schlechte Filme (Fernsehen) angeschaut?« - wer sagt ihm, welcher mißachteter Bewertungs-Chiffre wegen es Reu und Leid erwecken soll?

Am besten wohl, der Gläubige tut ein übriges (vielerorts tut er's längst) und bittet den um TV-Order, der schon immer wußte, was man als katholischer Christ zu wählen hat: den hochwürdigen Herrn Pfarrer.

Merke: »Willst Du zu Gott, hol Rates ein. Zum Teufel findest Du allein« (Telemann).

telemann
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