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ARCHITEKTUR Ornament als Versprechen

aus DER SPIEGEL 18/2004

Die Bushaltestelle war sein »Sündenfall«, sagt Andreas Hild. Der Münchner Architekt sollte sich für die Landshuter Altstadt etwas Ausgefallenes ausdenken, und weil er sich im Studium mit den puristischen Idealen der Klassischen Moderne beschäftigt hatte, dachte er sich etwas besonders Schlichtes aus: Wände aus massivem Stahl - nichts dran, nichts drum. Doch die Auftraggeber lehnten ab: Eine massive Wand komme nicht in Frage, durch eine Haltestelle müsse man hindurchblicken können. Also überlegte Hild, 42, wie er die Wand einschneiden könne. Er experimentierte herum, verwarf bald allen Purismus und entschied sich - jung und furchtlos, wie er war - für die gegenteilige ästhetische Aussage: fürs Ornament, für ein üppiges, fröhlich-florales Schnittmuster. Die Bushaltestelle sah am Ende aus wie ein Tor zu einer feudalen Welt. Die Landshuter zeigten sich begeistert, die Architekturszene verfiel in Schockstarre - beide Reaktionen waren schlimm für einen Anfänger in dieser elitären Branche.

Doch die Erkenntnis, dass Verzierungen immer noch provozieren, amüsiert Andreas Hild. Denn immerhin ist es nun fast hundert Jahre her, dass Architektur-Guru Adolf Loos in seiner berühmten Streitschrift »Ornament und Verbrechen« allen folgenden Zeiten »Ornamentlosigkeit« verordnet hat - Zeit also für Zuwiderhandlungen. Hild macht schamlos weiter, denkt sich gemeinsam mit seinem Büropartner Dionys Ottl immer neue Fassadenstrukturen aus. Und jede Idee aus dem »Hild und K« genannten Büro ist so gut, so waghalsig-gewitzt, dass die beiden Architekten inzwischen vom dräuenden Kitschverdacht freigesprochen worden sind: Die Szene signalisiert Anerkennung, zuweilen sogar Hochachtung.

Denn auch wenn Hild, 42, und Ottl, 39, mit traditionellen Formen arbeiten, kämen ihnen Eins-zu-eins-Zitate nicht in den Sinn. Sie spielen lustvoll mit Erwartungen, um sie dann doch nicht zu erfüllen: Klassischen Satteldächern geben sie einen asymmetrischen Kick. Profanen Objekten wie Wertstoffcontainern verpassen sie einen glänzend-goldenen Anstrich. Hild und Ottl verkünden - und das ist typisch für ihre Generation - das Dogma des Undogmatischen.

Einmal sollten sie in Berlin-Schöneberg eine Gründerzeitfassade rekonstruieren, der Stuck war in den fünfziger Jahren abgeschlagen worden. Eine reine Rekonstruktion aber war ihnen zu langweilig. So brüteten sie über einer Zeichnung der Originalfassade, begaben sich damit an ein Kopiergerät, vergrößerten die Zeichnung hundertfach, ließen sie auf die Hauswand übertragen und mit einem neuartigen Laserverfahren hineinfräsen. Das fertige Fassadenmuster wirkt zart, wie hingehaucht, als wolle es sich dem Betrachter entziehen - besser lässt sich wohl nicht bebildern, dass das Bekenntnis zum Ornament heutzutage nicht ohne Scheu daherkommen kann.

Vor kurzem jedoch wollten sich Hild und Ottl offenbar von ihren charmanten Schnörkel-Provokationen erholen. Sie entwarfen für die Münchner Messe ein Bauzentrum, das verstörend einfallslos wirkt, wie eine Trotzreaktion aus Beton. Doch klammheimlich setzt sich auch hier die Liebe zur Pracht und zur Herrlichkeit durch. Auf einem Konzert am vergangenen Sonntag, bei dem sie nebenbei ihr neues Gebäude vorgestellt haben, wurde Barockmusik gespielt - auf historischen Instrumenten. SUSANNE BEYER

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