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LUTHER-DRAMA Osbornes Blick zurück

aus DER SPIEGEL 30/1961

Martin Luther sitzt auf der Bank, die

Mönchskutte der Augustiner am Lei, seinen Sohn auf dem Arm, und redet sanft auf den Säugling ein, der unruhig zu träumen scheint. »Du solltest noch keine Träume haben, mein Sohn«, sagt er, »sie werden dich noch früh genug überfallen.«

»Fast mutet das an«, berichtete Richard Friedenthal seinen Lesern in der »Welt«, »als spräche der Autor mit seinem Stück, das auch noch ein wenig in den Windeln liegt, und redete ihm gut zu: es wird schon werden, keine Angst, mein Kleines!«

Das Stück könnte einigen Zuspruch und ein bißchen Pflege gut vertragen. Der 31jährige John Osborne, dessen Theaterstück »Blick zurück im Zorn« einer ganzen Generation junger Schriftsteller den ebenso einprägsamen wie unpassenden Fabrikatsstempel einbrachte - die »zornigen jungen Männer« sind ebensowenig zornig, wie die »Lost Generation« der zwanziger Jahre verloren war -, läßt denn auch sein nach dem »Entertainer« neuestes Schauspiel »Luther« erst auf einigen Bühnen ausprobieren, ehe er es, in einer bis heute nicht festgelegten Fassung, Ende des Monats dem Publikum seiner Heimatstadt London vorweisen wird.

Die nach altem Brauch so genannte »Welturaufführung« fand in der englischen Industriestadt Nottingham statt - aus keinem anderen Grunde als dem, weil der Luther-Darsteller, Albert Finney, eben durch einen Film zu Ruhm gekommen ist, der in Nottingham spielt: als Hauptdarsteller des Films »Samstagnacht bis Sonntagmorgen«, der nach dem Erfolgsroman von Alan Sillitoe gedreht wurde.

Von Nottingham, wo im Zuschauerraum Arbeiter mit Mützen auf dem Kopf und Arbeiterinnen im Pullover dem Luther-Stück gutmütig applaudierten, zog die English Stage Company in der vorletzten Woche nach Paris um, ins Théatre Sarah Bernhardt, das sich in dieser Saison zum fünften Male unter dem Signum »Théatre des Nations« ausländischen Bühnen zum Vergleichskampf offenhalt.

Nach zwei Ostberliner Bühnen, Felsensteins Komischer Oper und Brechts Berliner Ensemble, die in den beiden vergangenen Jahren in der internationalen Konkurrenz den Wanderpreis errangen, ist in diesem Sommer die Auszeichnung zum dritten Male nach Berlin gegangen - an die Westberliner Oper. Daß Osborne die Berliner Siegesserie nicht unterbrechen konnte, hat nicht einmal die Londoner Kritiker erstaunt, die dem Luther-Drama nachgereist waren. Wohl aber monierten sie, daß Osbornes Drama überhaupt in Paris gespielt wurde. Es wirkt sonderbar«, schrieb der »Daily Telegraph«, »daß ein unausprobiertes Stück... als britischei Beitrag zu einem bedeutsamen internationalen Festival ausgewählt worden sein sollte.«

Dabei hat Osbornes Luther-Stück deutliche Qualitäten - nur eine gewiß nicht: ein Schauspiel zu sein. Das Stück beginnt 1506, wenn Luther dreiundzwanzig Jahre alt ist und in die Ordensgemeinschaft aufgenommen wird; es endet, wenn Luther dreiundvierzig Jahre alt ist, den Orden wieder verlassen hat und seinen Sohn wiegt. Zwischen Vorhang auf und Vorhang zu liegen zwanzig Jahre einer wahrhaft dramatischen Existenz - ein Drama liegt nicht dazwischen. Statt dessen drei Akte mit insgesamt elf Szenen, die wichtige Stationen aus Luthers Leben sicher nicht weniger geschickt und wirksam zeigen als in Schulfunksendungen üblich.

Nur wenige Kritiker, die bisher über Osbornes »Luther« urteilten, haben es sich versagt mitzuteilen, daß Osborne seinen Luther als einen zornigen jungen Mann dargestellt habe - der Vergleich hat den Nachteil, allzu nahe zu liegen, und den Vorteil zu stimmen. Bereits in den ersten drei Szenen kämpft Luther zornig nach zwei Seiten. Das Zeremoniell von Weihe, Messe und Beichte - es wird, mit echtem Weihrauch und langen liturgischen Gesängen, dem Publikum ausführlich dargeboten - will Osbornes Luther für seine Person mit den Energien verzweifelt echter Frömmigkeit beleben, obwohl er sieht, daß es von den anderen gedankenlos als ein Ritual hingenommen wird. Seinem Vater gegenüber, kritischer Zeuge des Zeremoniells auch er, verteidigt Luther wiederum seinen Entschluß, Mönch zu werden, mit gleicher Leidenschaft.

Vater Hans Luther, Bergarbeiter aus Eisleben, kann und will nicht verstehen, warum der Sohn, dem nach so teurer Ausbildung an der Hohen Schule zu Erfurt eine bessere Zukunft offenstände, Mönch werden will. »Wann hast du nur angefangen, so anders zu sein«, klagt er. Und: »Du könntest Richter werden oder Bürgermeister.« Vater Hans spricht die drastische Sprache, die zumindest dem Publikum der Industriestadt Nottingham wohlvertraut war. »Du siehst aus wie der aufgewärmte Tod«, sagt Vater Hans zu Sohn Martin und trinkt einen Becher Wein nach dem anderen.

Was später gesagt wird, ist mindestens in den wesentlichen - Momenten allen Absolventen des Konfirmanden-Unterrichts bekannt. Des Ablaßhändlers Tetzel Vers »Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt« fehlt so wenig wie Luthers berühmtes »Hier stehe ich, ich kann nicht anders« vor dem Reichstag zu Worms (1521); fahnentragende Bauern singen - auf deutsch - »Ein feste Burg ist unser Gott«, und eine Szene lang, während

eines Gesprächs mit seinem Gönner, dem Generalvikar von Staupitz, muß Luther sich den Bauch halten und über seine Verstopfung klagen, damit als Szenenschluß ein - ebenfalls überliefertes - sehr derbes Kraftwort Luthers dramaturgisch sinnvoll wird. Es klingt bei Osborne so: »If I break wind in Wittenberg, they smell it in Rome.«

Luther heftet seine Thesen an die Tür der Schloßkirche zu Wittenberg, er diskutiert mit dem Legaten des Papstes, der den Abtrünnigen mit diplomatischer Milde zum Widerruf bringen möchte - der etwas kabarettistische Auftritt Tetzels, der ins Publikum spricht, und die Unterhaltung mit dem päpstlichen Gesandten, der dem Mönch die Folgen seines Protestes zeigt ("Eines Tages wird die Welt geteilt sein"), sind die dramatisch am meisten bewegten Szenen des Stückes.

Ein Ansager informiert das Publikum jeweils, wo die Szene spielt - etwa: »Augustinerkloster zu Erfurt, 1506«, oder Schloßkirche zu Wittenberg, 1517«. Papst Leo X. tritt auf, im eleganten Jagdkostüm. Während ihm Luthers Brief vorgelesen wird, tätschelt er gelangweilt seinen Hund oder prüft indigniert seine Armbrust, dann diktiert er gleich die Bannbulle, die Luther - auch das wird gezeigt - öffentlich verbrennt.

Luther distanziert sich gegenüber einem Ritter von den aufständischen Bauern, die für ihren Krieg seinen Namen haben möchten, eine Frau im weißen Häubchen kommt hinzu, wischt dem zornigen, nun schon älteren Mann mit einem Tuch die Schweißtropfen von der Stirn und gibt ihm einen Kuß: Es ist Katharina von Bora, ehemals Nonne und jetzt Luthers Frau. Dann bringt sie ihrem Mann für einen Moment den Sohn zur Verwahrung - und das Stück ist zu Ende.

Es hätte ebensogut vorher aufhören oder noch weitergehen können. »Es gibt den ganzen Abend lang nicht einen bemerkenswerten neuen - Satz«, beschwerte sich die »New York Herald Tribune«. »Sieht Osborne, was man vermutet haben könnte, eine Parallele zwischen der Reformation im sechzehnten Jahrhundert und dem Protest der Jugend von heute? Falls ja, dann hat er versäumt, sie im Stück darzustellen.«

Osborne hat über seinen »Luther« bisher nur geäußert, es handele sich »nicht um ein historisches Drama«, sondern vielmehr um »ein Stück über das Wesen religiöser Erfahrung«.

Osborne: »Ein Theaterstück muß, wie eine Plastik, konkret sein. Das schließt das Mysterium nicht aus. Denn eine Religion ohne Mysterium ist wie eine Ehe ohne physischen Vollzug.«

»Es gibt also sehr viel«, summierte die »Zeit«. »Es gibt Solo-Einlagen wie Bravour-Arien, es gibt Theatertricks und Vignetten und Arabesken, es gibt am Anfang lange lateinische Gesänge und am Ende ein Kind, sein Kind, in Luthers Armen. Nur eines gibt es nicht: ein Drama.«

Dramatiker Osborne

War Martin Luther ...

... ein zorniger junger Mann?: Tetzels Auftritt in Osbornes »Luther«

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