Fotoagentur "Ostkreuz" Europas gebrochenes Herz

Die Fotografenagentur Ostkreuz wird 30 Jahre alt - und zeigt eine vielschichtige Ausstellung zu der Frage, was Europa heute ist.
Johanna-Maria Fritz: Cassandra hält ein Ochsenherz

Johanna-Maria Fritz: Cassandra hält ein Ochsenherz

Foto:

Johanna Maria Fritz / OSTKREUZ

Im Jahr der Wiedervereinigung wurde die Agentur der Fotografen Ostkreuz gegründet. Sie benannte sich nach einem Verkehrsknotenpunkt in Berlin: Am Bahnhof Ostkreuz laufen Schienen aus allen Himmelsrichtungen zusammen. Inhaltlich versuchte die Fotografenagentur, Orientierung zu geben in einer Zeit des Umbruchs.

Dass die europäische Neuordnung bis heute nicht abgeschlossen ist, dokumentiert das Berliner Künstlerkollektiv mit der neuen Ostkreuz-Ausstellung "Kontinent - Auf der Suche nach Europa" in der Akademie der Künste Berlin. In 22 Fotoessays präsentieren die Fotografinnen und Fotografen eine Spurensuche, sie erkunden mit oft intimem Blick Landschaften, Familiengeschichten, Einzelschicksale.

Die Herangehensweisen sind sehr unterschiedlich: Johanna-Maria Fritz zum Beispiel hat eine selbstbewusste Hexe in Rumänien besucht, Jordis Antonia Schlösser sich mit jüdischem Leben in Osteuropa beschäftigt. Europa ist viel, nur einfach ist es nicht. Manchmal ist es hässlich, dann wieder schön, manchmal ziemlich seltsam.

Regelmäßig plant die Agentur gemeinsam Schauen – dass sich die Kreativen dieses Mal mit Europa beschäftigen wollten, stand für die Gruppe bereits Anfang 2015 fest, im selben Jahr wurde das Gemeinschaftsgefühl des Kontinents durch die massenhafte Flucht nach Europa und Merkels "Wir schaffen das" auf den Prüfstand gestellt. Spätestens nach dem 13. November stand dann fest, dass die Fotografinnen und Fotografinnen gar nicht anders konnten, als Europa in den Mittelpunkt ihrer Arbeit für die gemeinsame Schau zu stellen. Es war der Tag des Anschlags im Bataclan , und alle Ostkreuz-Leute befanden sich in Paris, denn es war die Woche der großen, internationalen Foto-Messe "Paris Photo".

Fotostrecke

So unterschiedlich ist Europa

Foto: Espen Eichhöfer / OSTKREUZ

Einige der Bilder, die der Ostkreuz-Fotograf Maurice Weiss kurz nach dem Attentat in einer verwundeten Stadt machte, erschienen damals im SPIEGEL, einige sind jetzt in Berlin zusehen. Sie hängen in einem durch zwei U-förmige Stellwände vom Rest der Ausstellung deutlich abgegrenzten Raum zusammen mit denen seiner Kollegin Annette Hauschild, ebenfalls von diesem Ereignis – und mit Schwarz-Weiß-Fotografien von Sibylle Bergemann, die 1979 zum ersten Mal aus der DDR nach Paris reisen durfte. Kurator Ingo Taubhorn erklärt, dass diese Form der Präsentation das Ergebnis eines längeren Prozesses sei.

Bergemann verstarb 2010, ihre Ostkreuz-Mitgliedschaft ist postum erhalten geblieben, es bestand der Wunsch, das Andenken der Mitbegründerin noch einmal zu ehren. Ihre stimmungsvollen Schwarz-Weiß-Fotos zeigen die Stadt im Herzen Europas ganz friedlich. Die neuen Bilder von Tod und Zerstörung nach den Terroranschlägen wirken umso krasser und tragischer. Die Ostkreuz-Leute nennen diesen Raum "Das gebrochene Herz".

Die anderen Arbeiten könnten unterschiedlicher kaum sein, sie sind in erster Linie als Versuch von Antworten auf offene Fragen zu verstehen: Was ist Europa eigentlich? Ist es geografisch oder politisch zu erfassen? Wie leben wir hier? Den Fotoserien sind Podcasts zugeordnet, die auf der Website  zur Ausstellung abrufbar sind, in der Akademie der Künste zudem über Soundduschen hörbar. Die Künstler und Künstlerinnen sprechen darin über ihre Motivation, ihre Erlebnisse, ihre Ideen.

Alle Bilder sprechen für sich

Wir sehen: würdevolle, dabei tieftraurige Porträts von jungen Männern, die Fotografin Sibylle Fendt berichtet im Podcast dazu von ihrem Langzeitprojekt mit Geflüchteten, die in einer abgelegenen Unterkunft im Schwarzwald gestrandet waren.

Wir sehen: ein weißes Pferd im viel zu engen Stall. Und hören im Podcast, dass der in Norwegen geborene Espen Eichhöfer ursprünglich über das Erstarken nationalistischer Tendenzen in Europa fotografisch erzählen wollte. Dabei kam er über sein persönliches Verhältnis zu Herkunft und Heimat ins Grübeln – und fotografierte auf dem norwegischen Hof seines Großonkels. Einige Motive wirken sehr elegisch: geschlossene Grenzbäume während des Corona-Lockdowns oder Landschaften an Elbe, Donau, Rhein, Wolga und Po.

In der Serie "Papa, Gerd und der Nordmann" beschäftigt sich der in Norwegen geborene Espen Eichhöfer mit seinem Verhältnis zu Heimat und Herkunft

In der Serie "Papa, Gerd und der Nordmann" beschäftigt sich der in Norwegen geborene Espen Eichhöfer mit seinem Verhältnis zu Heimat und Herkunft

Foto: Katharina Stegelmann / DER SPIEGEL

Alle Bilder sprechen für sich. Über die Podcasts, in denen die persönliche Verbundenheit der Künstler mit ihrem Werk deutlich wird, entwickeln sie für den Besucher besondere Intensität. Die Serien liefern keine klare Antwort auf die Frage, was Europa denn nun ist – natürlich nicht, wer könnte die schon geben. Trotzdem geht man klüger aus der Schau heraus.

Die Ausstellung "Kontinent - Auf der Suche nach Europa" ist bis zum 10. Januar in den Räumen der Akademie der Künste in Berlin zu sehen.

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