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POP Ozzys bunte Horrorshow

US-Teenager finden ihn niedlich, ihre Eltern hassen ihn. Nun tourt Gruselrocker Ozzy Osbourne mit seiner Ex-Band Black Sabbath durch Deutschland.
aus DER SPIEGEL 50/1999

Am Portal zum Höllenreich sieht es aus wie in einem Immobilienprospekt für Superreiche. Statt Hexenbesen steht ein Range Rover in der strahlend weißen Kiesauffahrt zum schmucken Landhaus mit Park in der Grafschaft Buckinghamshire, statt Menschenfleisch werden in der Designerküche Lauchzwiebeln zerschnitten, statt Folterkellern mit Eiserner Jungfrau gibt es einen Fitnessraum mit Express-Laufband. Fans, die hier auftauchen, sind fassungslos - vor Enttäuschung.

»Sie erwarten nackte Hexen oder zumindest ein paar Särge«, sagt Ozzy Osbourne, 51, der immerhin schwarze Filzhausschuhe, einen schwarzen Morgenmantel und Sonnenbrille trägt.

Der Brite ist ein Pionier des Gruselrock - und nun erfreut er seine alten Verehrer, indem er noch einmal mit seiner längst legendären Band Black Sabbath auf die Konzertbühne steigt; auf seiner »Abschiedstournee« wird er diese Woche grell geschminkt und fluchend auch durch deutsche Hallen toben, Song-Klassiker wie »War Pigs« und »Paranoid« zum Besten geben und jene große Horror-Show inszenieren, die Black Sabbath und besonders ihn berühmt gemacht hat.

In den USA ist er dieses Jahr schon zum dritten Mal für die Aufnahme in die »Rock and Roll Hall of Fame« vorgeschlagen worden. Aber weil Ozzy Osbourne mit anderen Auserwählten wie Eric Clapton, Bonnie Raitt und James Taylor wenig gemeinsam hat, zürnt er, der ganze Hall-of-Fame-Zirkus sei das Werk von »Industrie-Schnöseln, die in ihrem Leben nie für ein Konzert oder eine Platte bezahlt haben«.

Auch für solche Wutausbrüche wird Osbourne von den Fans geliebt: Gut, er ist einer der Mitbegründer des grimmigen Heavy-Metal-Genres, vor allem aber ist er ein ewiger und dabei komischer Rebell.

So zählen Ozzy-Osbourne-Spielzeugpuppen dieses Jahr zu den Rennern im amerikanischen Weihnachtsgeschäft, Comic-Held Bart Simpson tätowiert sich O.Z.Z.Y. auf seine Faust, bevor er Gitarre spielen lernt, und in Hollywood sitzen sie längst am Drehbuch zu »Ozzy - Der Film«. Dafür hat sich der Sammler von Weltkriegsliteratur sogar bereit erklärt, einem Drehbuchautor seine Lebensgeschichte zu diktieren. Das Problem ist nur, dass er sich an weite Strecken dieser Geschichte gar nicht erinnert, weil er lange mehr mit Sex und Drugs als mit Rock'n'Roll beschäftigt war: »Man könnte den Film auch ,Keine Ahnung' nennen.«

Gesichert ist, dass John Michael Osbourne am 3. Dezember 1948 in Birmingham geboren wurde. Die Schule machte ihn so unglücklich wie die Aussicht, später wie sein Vater in einer Fabrik zu arbeiten. Eine alternative Traumwelt boten die Beatles: »Ich hoffte, dass John Lennon eine meiner Schwestern heiratet und mich adoptiert«, berichtet er. Daraus wurde nichts, und so beschloss Osbourne, selbst berühmt zu werden, nannte sich Ozzy und legte 1969 mit Black Sabbath los.

Allerdings waren die Spelunken, in denen sie anfangs lärmten, nicht halb so gut besucht wie das auf Gruselfilme spezialisierte Kino gegenüber ihrem Übungsraum. Deshalb färbten die Bandmitglieder ihre Jeans schwarz, spielten lauter und warfen böse Blicke ins Publikum. Und das war plötzlich begeistert.

Der Erfolg, zumal in den USA, erschreckte die Jungs so sehr, dass sie sich mit allen verfügbaren Drogen beruhigen mussten. Ozzy Osbourne übertrieb es derart, dass sich die Band gezwungen sah, ihn 1979 hinauszuwerfen. Doch statt sich danach in irgendeinem Penthouse zu langweilen, triumphierte er bald zur allgemeinen Verwunderung als Solo-Entertainer.

»Das Wichtigste an meiner Show war, dass mich so schnell keiner wieder vergessen sollte«, sagt er. So ließ sich Ozzy auf der Bühne enthaupten, knüpfte kleinwüchsige Statisten am Galgen auf und biss mal einer lebenden Taube den Kopf ab. Lauter Gruselstorys, an die er heute nicht mehr erinnert werden mag: »Okay, ist leider alles wahr. Ich war im Dauerrausch und hatte die Kontrolle verloren. Hätte nicht meine Frau eingegriffen, wäre ich längst tot.«

Seine resolute Gattin und Managerin Sharon sorgt dafür, dass Osbourne heute nur noch Tee und Diät-Pepsi trinkt, vor Konzerten und vorm Schlafengehen betet und statt Fast Food nur noch Vollwertkost zu sich nimmt. Sharon kümmert sich auch um den Schutz des Gatten vor jenen religiösen US-Fanatikern, die ihn immer wieder bedrohen: »Ich habe überall in den USA Polizeischutz«, berichtet er und erinnert an den Attentäter, der den Porno-Verleger Larry Flynt zum Krüppel schoss: »Da ist ein Haufen Irrer unterwegs.«

Nebenbei sieht sich der Rocker immer wieder mit Gerichtsverfahren konfrontiert. »Shakespeare kommt mit seiner Selbstmordgeschichte ,Romeo und Julia' sogar in der Schule durch«, klagt er, »aber wenn ich ein Lied über Suizid schreibe, werde ich auf der Stelle verklagt.«

Auch im Zusammenhang mit den jüngsten Gewaltausbrüchen amerikanischer Jugendlicher wird der böse Einfluss des Rockers Osbourne immer wieder beschworen. Der aber hämt nur: »Logisch bin ich schuld an 200 Millionen Feuerwaffen in den USA. Demnächst werden sie mich wahrscheinlich schon verklagen, wenn es anfängt zu regnen.«

Ob die aktuelle, »definitiv letzte« Abschiedstour mit den alten Knaben von Black Sabbath tatsächlich die letzte ist, darf man bezweifeln. »Ich hab Geld genug«, beteuert Osbourne immerhin, »und ich gehe in Zukunft lieber mit meinen Hunden im Park spazieren.« CHRISTOPH DALLACH

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