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NEUERER Papas Kies

aus DER SPIEGEL 10/1962

Die Rebellion fand in der Volkshochschule statt. Die Losung lautete: »Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen.«

Mit diesem Manifest, das am Mittwoch letzter Woche im Konferenzzimmer der Bildungsstätten von Oberhausen verkündet wurde, erhoben 25 jüngere Herren und eine Dame - vorwiegend experimentierlustige Dokumentar- und Kurzfilm-Künstler - Machtansprüche auf den deutschen Film. Sie machten sich anheischig, den verblichenen Glanz heimischer Filmkunst für wenig Geld aufzupolieren.

Sie erbaten fünf Millionen Mark Vorschuß und stellten dafür zehn abendfüllende Spielfilme in Aussicht. Jedes Lichtspiel der Film-Neuerer (selbstgewählte Sammelbezeichnung: »Junger deutscher Film") würde damit nicht einmal die Hälfte dessen kosten, was die etablierte Filmindustrie für einen Durchschnittsfilm ausgibt (1,2 Millionen Mark).

Allerdings wollen die Leinwandrebellen - unter ihnen der Böllflim -Regisseur Herbert Vesely (siehe Seite 90) und der renommierte Kameramann Wolf Wirth - nur unter drei Voraussetzungen kurbeln: »Freiheit von den branchenüblichen Konventionen, Freiheit von der Beeinflussung durch kommerzielle Partner, Freiheit von der Bevormundung durch Interessenten-Gruppen.«

Jahrelang mußten sich die freiheitsdurstigen Film-Adepten damit begnügen, Kurzfilme anzufertigen. Etliche Dutzend Preise fielen ihnen zu, darunter: je ein Goldener und Silberner Bär der Berliner Filmfestspiele, sechs Bundesfilmpreise, zwei deutsche Kritikerpreise, zwölf Erste Preise auf internationalen Festspielen.

In die deutschen Spielfilm-Ateliers aber durften die jungen Leute nicht. Ihren intellektuell anspruchsvollen, mitunter allerdings auch verblasenen Filmideen zeigten sich geschmacksbiedere Branchenherrscher verschlossen.

So freute es die Ausgesperrten denn auch; als dem von ihnen verachteten kommerziellen Filmbetrieb nach der künstlerischen Auszehrung nun auch der finanzielle Zusammenbruch drohte. Wie ein hämischer Nachruf auf die Ufa wirkte der Text grüner Aufkleber, mit denen junge Münchner Filmleute ihre Privatpost zierten: »Papas Kino ist tot.«

Dieser Slogan, den der französische Kritiker Jean-Louis Bory nach der Uraufführung, des avantgardistischen Resnais-Films »Letztes Jahr in Mairienbad« geprägt hatte, um die Antiquiertheit herkömmlichen Filmens festzustellen, war auch auf den Einladungskarten, zur Oberhausener Neufilmer -Versammlung, am Mittwoch letzter Woche zu lesen. Er stand sogar über einem Leitartikel, den der ergraute FAZ-Feuilletonist Karl Korn den jungen Filmkünstlern am selben Tage mit gemessenem Wohlwollen widmetet: »In der Reserve der Kurzfilm-Regisseure und -Kameramänner stehen, Leute bereit, mit denen ein neuer Anfang gewagt werden müßte.«

Solidarität bewies schließlich auweh Deutschlands »Junge Filmkritik«. Die ebenfalls - anläßlich der VIII. Westdeutschen Kurzfilmtage - in Oberhausen versammelten jungen Kritiker sprachen ihren Preis, für den verkannten Film des Jahres« zwei Manifest -Unterzeichnern zu: den Rebellen Hans Rolf Strobel und Heinz Tichawsky (für den Film »Notizen aus dem Altmühltal"). Der »Preis für die schlechteste Leistung eines bekannten Regisseurs« fiel an den Regie-Papa Helmut Käutner für die beiden Lichtspiele »Schwarzer Kies« und »Der Traum von Lieschen Müller«.

Die Jury, so wurde mitgeteilt, habe sich nicht darüber klarwerden können, welcher der beiden Käutner-Filme der schlechtere sei.

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