Samira El Ouassil

Staatsgeförderte Dichtkunst Poesie für Krisenzeiten

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Die Idee, eine Parlamentspoetin anzustellen, provoziert Widerspruch und Spott – so eine sei doch überflüssig. Doch tatsächlich kämen wir ohne Kunst kaum glimpflich durch die Pandemie.
Foto: Klemen Surk / iStockphoto / Getty Images

Was mich in den vergangenen Tagen irritierte, nicht unbedingt störte oder gar ärgerte, nicht besonders aufregte, sondern wirklich nur für eine Irritation sorgte, ist der von einigen Kommentatoren und Politikern geäußerte Vorwurf, bei der Idee einer/s Parlamentspoetin / -poeten handele es sich um ein klassistisches, »elitäres Projekt«, und Bürger, die nichtakademische Berufe ausübten, hätten keinerlei Interesse daran, dass hierfür Steuergelder ausgegeben werden.

Ich möchte mich nicht begriffsstutziger geben, als ich bin. Natürlich hat der klassische deutsche Gedichtekanon durch die hochgestochenen Federn alter Poeten ein Vokabular, das den Zugang zu ihren Inhalten erschweren kann, wenn man in seiner jugendlichen Sozialisierung mit dieser staubigen Diktion nicht freiwillig (Ledereinband-Riesenbibliothek der Eltern) oder unfreiwillig (Auswendiglernen unter den drakonischen Augen von Gymnasiumsdeutschlehrern) zu tun hatte.

Aber da fängt meine Irritation auch schon an. Mein Haushalt ist kein bildungsbürgerlicher, kein elitärer, dennoch würde ich es retrospektiv als kränkend und ausschließend empfinden, wenn man mir aus Rücksicht auf meine Herkunft und Klasse eine lyrische, gehobene Sprache nicht hätte zumuten wollen oder schlimmer noch: sie mir nicht zugetraut oder gesagt hätte, dass diese für mein Leben keine Wichtigkeit besäße.

Man braucht keinen Abschluss, um zu verstehen und zu fühlen, worum es in Zeilen geht.

Hinzu kommt, dass für mich eine falsche Vorstellung von deutschen Gedichten vermittelt wird, so als gäbe es nur Goethe und Schiller. Was ist mit Brecht, Tucholsky, Kästner, Morgenstern, Schwitters, Benn? Ihre Texte erlauben verschiedene Zugänge – und wieso sollten eine Krankenschwester oder ein Facharbeiter nicht der Ansicht sein, dass die Welt und möglicherweise auch die Politik durch die Brille solch einer Poesie eine schönere, erträglichere oder gar bessere werden könnte? Man braucht keinen Abschluss, um zu verstehen und zu fühlen, worum es in Zeilen geht. Genau das ist ja das poetische Versprechen: eine ästhetische Wahrnehmung der Welt und ihrer Widrigkeiten über die Sprache der Vernunft und Sachlichkeit hinaus.

Meine Großmutter ist Analphabetin, aber wenn ich ihr Celans Todesfuge vorlese, spürt sie augenblicklich, wovon der Text erzählt. Wenn man also argumentiert, dass man mit Gedichten einen Teil der Bevölkerung nicht erreichen kann beziehungsweise angeblich sogar ausschließt und hart erarbeitetes Steuergeld verschwendet, dann höre ich auch, dass man einem Teil der Bevölkerung das Empfinden dieser Texte nicht zugesteht. Dann höre ich: »Arme Menschen sind nicht gebildet genug zum Verstehen und Fühlen, wenn die Gefühle in komplizierte Worte verpackt sind. Gedichte machen sie nicht satt.«

Es gibt natürlich die mutmaßlich Rotwein-trinkenden Sprachsnobisten, welche mit großer Überlegenheitsgeste ihre Reclam-Meter als passiv-aggressive Errungenschaft ihres Bildungsweges missbrauchen, um sich in ihrem Habitus vom Pöbel abzugrenzen. Der so gepflegte Distinktionswunsch wäre das, was der Soziologe Pierre Bourdieu als symbolische Gewalt beschreiben würde, die auch auf institutionalisierter Ebene erfolgen kann, wenn beispielsweise klassische Musik instrumentalisiert wird, um obdachlose Menschen von möglichen Schlafplätzen zu vertreiben . Hier wird Ab- und Ausgrenzung auf brutale Weise sicht- und hörbar und Kunst zugleich auf abscheuliche Weise als Foltermethode zweckentfremdet.

Aber die symbolische Waffe bei der Parlamentspoesie ist eben nicht die Lyrik selbst, sondern die gesellschaftliche Einigung darauf, dass es sich dabei um etwas Elitäres, Ausgrenzendes handelt, zu dem andere Gruppen keinen Zugang finden werden. In dem Moment, wo wir das Lyrische so breit wie möglich demokratisieren, kann es nicht mehr zur Distinktion und damit nicht zur Herabsetzung anderer verwendet werden.

Die Angst vor spießigem Kitsch, vor peinlicher Mittelmäßigkeit, vor der Ablenkung von realpolitischen Problemen durch vermeintlich feingeistige Performances im ungekonnten Poetry-Slam-Gewand kann ich sogar nachempfinden. Aber auch nur, weil ich mich in meinen teutonischen Momenten für meine eigene Peinlichkeit und generell vor Affektäußerungen geniere. Es ist auch ein neurotisches Unbehagen vor unverhoffter Anmut an einem Ort wie dem Bundestag. Eben vielleicht, weil es in der aktuellen Rhetorik so wenig davon gibt. Und auch weil ich wirklichen poetischen Punks, die sich bestenfalls ohne das komfortable Netz der Sachlichkeit oder einem doppelten Boden der Ironie, ungesichert in das lyrische Sprechen stürzen, ihre Furchtlosigkeit neide. Es ist immer ein ästhetisches Wagnis, die politische Pragmatik oder die parodistische Persiflage zu verlassen und in den Pathos der Poesie zu preschen (Alliterationen in Gedichten und Kolumnen übrigens oftmals superpeinlich!). Die Befürchtung jedoch, dass die Kunst hier gefälliges Ornament werden könnte, rhetorisches Brokat am Saum des Parlaments (Metaphernketten auch gefährlich!), unterstellt den möglichen Kandidaten und Kandidatinnen eine dumpfe Käuflichkeit, so als hätten Kunstschaffende keine Haltung, Rückgrat oder Meinung zum politischen Geschehen, so als gebe es keine Tradition politischer Lyrik in Deutschland.

Auch haben die Initiatoren doch explizit auf die gewünschte widerständige Position des Poeten hingewiesen, der auch »als Irritation, als Störfaktor« dienen soll. Es geht ja bei dem Vorschlag genau um die Suche nach einer politischen Poetik, die bestenfalls disruptiv ist. Daher verstehe ich nicht, weshalb der alte Revolutionsromantiker Wolfgang Kubicki genau diese Forderung mit dem Satz »Künstler sollen eigentlich Stachel im Fleisch der Herrschenden sein« zu parieren versucht.

Und auch das Ausspielen einer politischen Entscheidung für eine Kunstförderung zum Nachteil armer Menschen und den Ausgaben für dieses Amt ist am Thema so vorbei wie ein schiefer Reim.

Es gibt seit 1978 einen festen Ankaufsetat im Budget des Deutschen Bundestages zum jährlichen Erwerb zeitgenössischer Kunst . Was ist also der Vorwurf? Dass insgesamt zu viel Steuergelder für Kunstbeschaffungen ausgegeben werden? Oder das bei Einsatz eines Dichters oder einer Dichterin nicht mehr genügend Geld für Gemälde da sein könnten? Sind die CDU-Abgeordneten plötzlich unter die besorgten Kunstsammler gegangen, wenn ein Parlamentarier twittert: »Das Geld für #Parlamentspoetin sollten wir direkt einsparen«?

Ich verstehe, dass es um Priorisierungen geht, aber das legitimiert argumentativ nicht, falsche Widersprüche wackelig wie meine Grundschul-Chiasmen zu konstruieren – und vielleicht wird durch diese spöttische, fast reflexhafte Aversion gegen den Vorschlag dann doch wieder nur eine heimliche Verachtung des Künstlerischen spürbar. An anderer Stelle kritisiert eine Parlamentarierin : »Pandemie, Energiekrise, Ukrainekrise, Klimakrise. Stimmt. Was wir jetzt unbedingt brauchen, ist ein/e Parlamentspoet/in.«

So, als schließe das eine das andere komplett aus. Das ist dieselbe Argumentation, die Kunstschaffenden entgegengebracht wurde, als sie aufgrund der Pandemie um mehr Unterstützung gebeten haben: Ihr seid nicht systemrelevant, wir haben gerade wichtigere Probleme. Dabei wurden die Kunst- und Veranstaltungsbranche zusammen mit der Gastronomie und der Pflege am meisten mitgenommen. Und mehr noch: Gerade in den Krisen haben uns vor allem kulturelle Erzeugnisse durch die schlimmsten Phasen der Isolation gebracht: Die Filme, die Serien, die Videos, die Bücher, die Musik, die Wohnzimmerkonzerte, die Lesungen, die Unterhaltungsmedien, das lineare Fernsehen – alles gemacht von Poeten verschiedener Disziplinen.

Hätten wir diese Poesie nicht gehabt, was hätten wir in der Zeit gemacht? Die Steuererklärung? Das Grundgesetz gelesen? Dieses konstruierte Gegensatzpaar der Krise auf der einen Seite und der Kunst auf der anderen, ignoriert, wie vital und existenziell für das Funktionieren einer Demokratie und Gesellschaft nicht nur eine freie, sondern eine institutionell in ihrer Wichtigkeit anerkannte und gewürdigte Kunst ist – eben besonders in Krisenzeiten. Und vielleicht ist deshalb eine parlamentarische Anerkennung dieser Funktion, wie in den USA, Großbritannien und Kanada der Fall, gar nicht mal so albern oder spaltend, wie erste Impulse glauben machen wollen.

Meine bescheidene Empfehlung für den Posten übrigens: Oliver Polak. Wir haben die Coronakrise, die Ukrainekrise, die Klimakrise, eine Pflegekrise, eine Bildungskrise, eine Armutskrise – und eine Kunst, die versucht, all das zu verhandeln, ohne selbst dabei zu verhungern. Wenn also konservative Kritiker plötzlich ihr Herz für die ach so bildungsfernen Proleten entdecken, um sie vor so unglaublich elitaristischem, nutzlosem Quatsch wie Poesie zu schützen, und wenn eine kritische Linke den möglichen Künstlern auf dem Posten nicht zutrauen, durch ihre Anwesenheit genau die Subversion zu erzeugen, die sie fordern, dann spricht das traurige Gedichtbände.

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