Bewerbungsgedicht für das Amt des Parlamentspoeten »Werde euch abends bei Tonic und Gin / mit fuchtigen Versen erschrecken«

Braucht Deutschland eine Parlamentspoetin? Im Bundestagspräsidium gehen die Meinungen über die Forderung auseinander. Unser Autor hat vorsorglich schon mal eine Initiativbewerbung gedichtet.

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Zwei Schriftstellerinnen, Simone Buchholz und Mithu Sanyal, und ihr Kollege Dmitrij Kapitelman hatten in einem Artikel in der »Süddeutschen Zeitung« die Forderung aufgestellt, Deutschland brauche eine Parlamentspoetin – ein Posten, den es in Kanada bereits gibt. Das Amt könne »die sinnliche Welt des Fühlens, Sehens, Schmeckens, Metaphernfindens, der Synästhesie in den Bundestag bringen«, hieß es in dem Artikel .

Dem »Redaktionsnetzwerk Deutschland«  sagte Initiatorin Simone Buchholz: »Wir würden uns wünschen, dass dort jemand tätig wird, die oder der nicht von vornherein willkommen ist, den Betrieb stört und zum Nachdenken bringt. Sich zum Beispiel zwei Jahre lang nur mit Rüstungslobbyismus beschäftigt – und der Bundestag muss das aushalten. Oder eine junge türkischstämmige Rapperin übernimmt das Amt.«

Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt von den Grünen empfing Buchholz und Kapitelman zu einem Gespräch über die Initiative und twitterte danach, sie sei begeistert von der Idee und trage sie »jetzt gerne ins Präsidium des Deutschen Bundestags«. Ihr FDP-Amtskollege Wolfgang Kubicki kann dem Vorschlag nicht viel abgewinnen. »Künstler sollen eigentlich Stachel im Fleisch der Herrschenden sein, nicht deren Angestellte«, sagte er dem »Tagesspiegel«  und sprach von einem »elitären Projekt«.

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Die Diskussion ist also in vollem Gange – doch wenn einer seit Langem komische und satirische Lyrik schreibt wie Thomas Gsella, dann kann es nicht schaden, sich vorsorglich schon mal zu bewerben.

Ans deutsche Parlament

EINE OFFENE BEWERBUNG

O nehmt meinen Antrag, erhört meinen Ruf,
Ihr Parlamentarier:innen!
O lasst mein Genie, wie die Muse es schuf,
Euch helfen mit all seinen Sinnen!

Die Macht tappt im Machen. Ihr dien' als Fanal
Der Dichtung erhellendes Wesen!
Ich tät's euch besorgen für sagen wir mal
Rund fünftausend netto (plus Spesen).

Begründung: Ich lebe als strahlender Stern
Des Fühlens, des Sehens, des Schmeckens
(Ich schmecke gern Nüsschen und sehe gern fern)
Und auch des, ja!, auch des Aneckens.

So ihr, zum Exempel, dem Drachen Türkei
Schiebt Panzer und Schießpulver rüber,
Dann ruf ich vom Pulte der Redner: Owei,
Da gehn wir doch gleich noch mal drüber!

Verschafft nämlich Rüstung den Arbeitern Brot
Und Brötchen den Arbeiterinnen,
So führen doch Kriege vom Leben zum Tod:
Was soll, wer’s verlor, noch gewinnen?!

Kurzum: Ich bin Wahrheit. Indem ich zum Stück
Das Für wie das Wider erwäge,
Besinnt ihr euch, ordert die Panzer zurück
Und schreddert die Lieferverträge.

Und steckt ihr den Bossen die Kohle wohin,
Und Elende sind, die verrecken,
Dann werd ich euch abends bei Tonic und Gin
Mit fuchtigen Versen erschrecken:

So geht das nicht! Prosit! Nur Fairness ist fair
Und wahrhaftig schön nur das Gute!
Und lang wird die Nacht und den Trinkenden sehr
Verwackelt und mulmig zumute.

Doch lallt ihr: »Bis morgen, du Spinnerter, du«,
Dann werde ich doch noch mal straffer
Und greife zum Werkzeug und schlage hart zu:
Mit einer beinharten Metapher.

»Ihr… Ärsche! Guts Nächtle! Ich h-hab uns so lieb!
Der Gin, yeah! Heut sind wir Besoffski,
Heut sind wir die Seinen, wie wer noch gleich schrieb,
Laut lachenden Mundes. Bukowski?« – –

So ungefähr wär ich. Beratet euch wohl!
Und schaut nicht aufs Zorneserröten
Der Mahner, die mosern, der Mumpitz sei hohl
Und anderer Zuwachs vonnöten:

Proleten gibt's keene; auf Lohnsteuer sind
Seit anfangs die wenigsten Eurer.
Das macht aber gar nix. Ein Dichter im Spind
Ist harmloser. Hübscher. Und teurer.

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Thomas Gsella

Ich zahl's euch reim: Neue politische Gedichte

Verlag: Kunstmann
Seitenzahl: 192
Für 18,00 € kaufen

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04.02.2023 07.47 Uhr

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