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BIOGRAPHIEN Partisan im verminten Gelände

Offener Brief des Harald-Juhnke-Fans und SPD-Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder an sein Idol - anläßlich der Veröffentlichung von Juhnkes Autobiographie »Meine sieben Leben«
aus DER SPIEGEL 25/1998

Lieber Herr Juhnke, als mich der SPIEGEL bat, Ihre Autobiographie »Meine sieben Leben« zu besprechen, fand ich die Idee zunächst eigentlich nur ganz witzig. Das »Sich Kennen und Mögen«, das Sie mir so nett schon auf den ersten Seiten bescheinigen, beruht nämlich auf Gegenseitigkeit. Und natürlich war ich neugierig, was ein altgedienter Komödiant und Fahrensmann so aus dem Nähkästchen plaudert.

Erst bei der Lektüre (die mir in diesen Zeiten ohne Rezensionsauftrag sicherlich entgangen wäre) ist mir klar geworden, welche Erwartung da auf mich zukommt: Eine Würdigung Ihrer Kunst und Ihrer Person im Mitteilungsblatt des »SPIEGEL-Gymnasiums«, wie Sie es nennen, ist Ihrer Meinung nach längst überfällig. Aber nun analysiert hier gar kein Professor mit dem Mandat, ein Reifezeugnis auszustellen, es schreibt Ihnen nur ein aufrichtiger Sympathisant.

Eines Ihrer sieben Leben ist das als Partisan im verminten Grenzgebiet zwischen hehrer Kunst und den Niederungen der Unterhaltung, und Ihrer Empörung über den »,Schießbefehl' von E nach U« geben Sie in Ihrem Buch breiten Raum.

Ich finde, da sind Sie, lieber Herr Juhnke, mit sich und den Gralshütern der Hochkultur etwas zu streng. Sie machen doch alles richtig: Sie brillieren als Hauptmann von Köpenick wie als Boulevard-Charmeur. Und wenn Sie, gekleidet im Smoking und Sinatra im Blick, die Bühne betreten, liegt Ihnen das Publikum begeistert zu Füßen.

Sie ignorieren die Grenzen, schlüpfen mit Leidenschaft in jede Rolle und füllen sie authentisch aus; Sie spielen fürs Publikum und nicht für die »grand jury« des Feuilletons: Für mich macht das den wahren Künstler aus. Und applaudieren Ihnen nicht anerkannte Instanzen wie Bernhard Minetti oder Hellmuth Karasek? Mich schimpfen auch manche populistisch, wenn sie populär meinen. Das ärgert mich auch manchmal.

Wenn ich so die Mosaiksteine Ihres Lebens betrachte, die Sie zu einem Gegen- »Bild« zusammenfügen, frage ich mich, ob Sie nicht vielmehr eine andere leidvolle Erfahrung im Sinn haben, wenn Sie sich von den Medien nicht angemessen gewürdigt fühlen. Sie beschreiben mit entwaffnender Offenheit, wie Sie, der Entertainer, Gegenstand der öffentlichen Unterhaltung geworden sind:

Mit und ohne Ihr Zutun fanden Sie sich in der Titelrolle des Fortsetzungsstücks »Juhnke, der Trinker der Nation« wieder. In Szenen, die Stärkere, als Sie es sind, aus den Pantinen hätten hauen können. Ich bewundere die Großzügigkeit, mit der Sie den Live-Berichterstattern und »Regisseuren« die Attentate auf Ihre Existenz verziehen haben.

In balkendicken Schlagzeilen erfuhr das Publikum, wie Sie immer wieder in die Fänge der Alkoholkrankheit gerieten und zu welch »originellen« Entgleisungen das führen kann. Animiert besichtigte das Volk seinen Lieblingsstar, wie er uns - scheinbar bereitwillig - auf alle Abwege mitnahm. Auch ich habe Sie so aus der Zeitung kennengelernt.

Mir kamen diese Berichte auch deshalb immer so tragisch vor, weil ich das Gefühl hatte, hier wird auch eine Sucht begafft, die sonst öffentlich meist verharmlost wird. Ich fand Ihren Lebensbericht da, wo er ohne Beschönigung Ihre Alkoholkrankheit beschreibt, am anrührendsten. Daß Sie, der so in seinem Beruf aufgeht, ausgerechnet an der Verfilmung von Falladas »Der Trinker« beinahe zerbrochen wären, ist da fast bittere Konsequenz. Ich habe den Film übrigens gesehen. Er hat mich sehr beeindruckt.

Daß Sie immer wieder aufgestanden sind, haben Sie Ihrem Beruf und Ihrer Kater-Natur, die mehrere Stürze übersteht, zu verdanken. Ich wünsche Ihnen Glück für Ihr nun begonnenes neues Leben.

Ihr Gerhard Schröder

P. S.: Nach dem Fax von mir an Sie, nach dem Sie auf Seite 31 so verzweifelt fahnden, müssen Sie nicht länger suchen: Es war kein Fax. Es war ein Anruf.

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