Start der Oberammergauer Passionsspiele Jesus bebt – vor Zorn

In Oberammergau feierten am Samstag die Passionsspiele Premiere: als tolles Jesuslatschen-Vergnügen, striktes Plädoyer gegen Krieg – und auch als Absage an die Idee, man könne mit Waffengewalt Frieden erreichen.
»Wahrt den Frieden!«: Jesus-Darsteller Frederik Mayet wirkt, als bebe er.

»Wahrt den Frieden!«: Jesus-Darsteller Frederik Mayet wirkt, als bebe er.

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LEONHARD SIMON / EPA

Natürlich macht das Heidenspektakel am meisten Spaß. Um kurz vor vier am Samstagnachmittag erscheinen in Oberammergau echte Schafe, Ziegen und Tauben auf der Festspielbühne, die als Tempel von Jerusalem hergerichtet ist. Im Tempel bieten geldgierige Händlerinnen und Händlern ihre Ware feil. Jesus und seine Getreuen spazieren herbei, Jesus predigt gegen das gottlose Tun. Das Passionsspiele-Publikum jedoch jauchzt begeistert über das Bühnengewimmel. Dazu strahlt vom weißblauen Himmel die Maisonne auf Mensch und Getier, eine frische Brise fährt durch die Baumkronen über dem Tempeldach, auch das Hippiehaar des Erlösers und seiner Jünger flattert im Wind.

Ach, herrlich und ein Hosianna der bayerischen Bergwelt, Fauna und Gottesfürchtigkeit: Es ist endlich wieder Festspielzeit in Oberammergau, wo im Jahr 1634 nach einer überstandenen Pestepidemie zum ersten Mal die Leiden von Jesus Christus nachgespielt wurden. Dieses Jahr finden die Passionsspiele zum 42. Mal statt, in einem für die 4500 Zuschauerinnen und Zuschauer überdachten Theater, in dem nur die Bühne unter freiem Himmel ist. Es spielen viele Hunderte Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner mit. Darunter eine Menge Kinder und, außer den schon genannten Tieren, zwei Kamele, ein Hahn, ein Esel und diverse Pferde. Und doch ist die Show insgesamt eine ernste Angelegenheit.

Im Jahr 2022 zeigen die Passionsspiele nämlich eine Hauptfigur, die den Krieg zu ihrem Hauptthema macht. »Ihr nehmt dem Volk seine Söhne und schickt sie in eure Kriege«, werden wütend die imperialistischen Römer angeklagt in einer der hübsch arrangierten Massenszenen des Abends. Etwas früher sagt der Jesusdarsteller der Premiere, der Frederik Mayet heißt, mit Pathos in der Stimme: »Wahrt den Frieden!« Und: »Wer das Schwert erhebt, wird durch das Schwert sterben.« Überhaupt scheint es so, als sei die Absage an die Idee, man könne mit Waffengewalt Frieden erreichen, die – im Augenblick in Deutschland eher nicht mehrheitsfähige – wichtigste Botschaft des Passionsspiels in diesem Jahr.

Der Regisseur will einen »lauten« Jesus

Festspielregisseur Stückl

Festspielregisseur Stückl

Foto: Oryk Haist / IMAGO

Für den Festspielgast, der sich, wie ich, die volle Premierenpackung geben will, beginnt der Tag mit einem Gottesdienst im Passionstheater um elf Uhr früh. Der Festspielregisseur Christian Stückl hat den anglikanischen Erzbischof Thabo Makgoba aus Südafrika eingeladen, der in englischer Sprache den Lord preist. Der katholische Kardinal Reinhard Marx spricht ebenso über den Krieg in der Ukraine wie der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. Bedford-Strohm sagt, man dürfe Waffen auch im Krieg nicht segnen, denn: »Waffen können nie Frieden schaffen.« Statt eines Altars haben die Oberammergauer in der Bühnenmitte eine große, mit Rosen geschmückte Dornenkrone aufgestellt.

Von halb drei Uhr am Nachmittag an spielt dann ein Riesenensemble aus Frauen und Männern, die Lederlatschen an den Füßen tragen und mit Palmenzweigen wedeln, den Jubel der Jerusalemer beim Einzug des Erlösers in die Stadt nach. Der Jesus der Oberammergauer Festspiele, der eigentlich alle zehn Jahre antritt und nun wegen der Coronapandemie zwei Jahre später zu sehen ist, sei »etwas lauter« im Vergleich zu früheren Passionshelden, hat der Festspielregisseur Stückl kurz vor der Premiere gesagt. »Weil er gegen die Welt anschreit, wie sie ist, und weil sie sich nicht ändern will.«

Jesusdarsteller Rochus Rückel am Kreuz (Probenfoto): Gotteslob auf Hebräisch

Jesusdarsteller Rochus Rückel am Kreuz (Probenfoto): Gotteslob auf Hebräisch

Foto: ANDREAS GEBERT / Getty Images

Tatsächlich wirkt der Christus-Darsteller Mayet von Anfang an, als werde er von einem erheblichen inneren Zorn angetrieben, als laute diesmal das Motto der Festspiele: Jesus bebt. Seine Jünger sind ein Haufen von Revolutionären, die ihn auffordern, sich zum Herrscher des Landes Israel aufzuschwingen; ihr Anführer sagt: »Ich werde nicht streiten.« Die Hohepriester schmähen Jesus als aus der Fremde Zugereisten und als falschen Propheten; der aber bietet ihnen keineswegs besonders sanft, sondern störrisch und äußerst wortkarg die Stirn. Aus dem Zustand der Welt und der Menschen, die ihn erst bejubeln und ihn später brüllend ans Kreuz wünschen, scheint dieser Jesus auch für sich selbst längst den einzig logischen Schluss gezogen zu haben. Es ist derselbe, den er im Tempel als Befehl an die Ungläubigen ausgibt: »Fort von hier!«

Der Spielleiter Stückl, der 60 Jahre alt ist und zum vierten Mal Regie führt, hat die antisemitischen Sprüche und Typisierungen aus dem Passionsspiel getilgt. Auf der Bühne sprechen die Jünger ihren Anführer konsequent als »Rabbi« an, Jesus selbst verkündet beim letzten Abendmahl das Gotteslob auf Hebräisch. Der Judas wird von einem Moslem gespielt: Cengiz Görür, der an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule lernt, erweist sich im Lauf der Aufführung als glühend engagierter Schauspielprofi unter sehr vielen Laiendarstellerinnen und Laiendarstellern. Ohnehin besteht die Regiekunst in Stückls Passion nicht unbedingt aus feinsinniger Personenzeichnung, sondern aus kühner Breitwandmalerei: Die furiosen Massenaufläufe und die in lebenden Standszenen nachgestellten alttestamentarischen Bibelkapitel zeigen seine Spezialbegabung.

Früher spielte man die Passion auf dem Dorffriedhof

Ursprünglich haben die Oberammergauer das Passionsspiel übrigens direkt auf dem Dorffriedhof über den frisch zugescharrten Gräbern der Pesttoten aufgeführt. Und womöglich wäre das Spektakel bis heute eine finster-trübe und sogar phasenweise todlangweilige Angelegenheit, gäbe es nicht die mal aufregende, mal lyrisch-schwelgerische Musik. Sie stammt größtenteils von dem an Haydn und Mozart geschulten Komponisten Rochus Dedler (1779 bis 1822) und wurde aufpoliert von Markus Zwink, dem derzeitigen Musikleiter der Festspiele. Dessen Arbeit ist fürs Gelingen des Ganzen seit vielen Festspieljahrgängen ebenso wichtig wie die von Stückl. Die Gesangssolistinnen und -solisten, die Chorsängerinnen und Chorsänger agieren im malerisch arrangierten Bühnengewusel stets vollkommen gleichberechtigt mit dem Schauspielpersonal.

Es ist ein großes Fest, das da am Samstag praktisch den ganzen Tag in Oberammergau gefeiert wird. In einer langen Spielpause am späten Nachmittag gibt es einen Empfang mit Gästen aus dem Show- und Politikgeschäft. Zu denen gehört außer Uschi Glas und Eckart von Hirschhausen natürlich auch der für Faschings-Verkleidungsspäße berühmte bayerische Landeschef Markus Söder.

Von acht Uhr abends ist dann noch mal zweieinhalb Stunden der Spaß vorbei und das Leiden eines Friedensfürsten in einer verrohten Welt auf der Festspielbühne zu bestaunen. Deren grimmiger Bösewicht ist schwarz gewandet wie alle Römer in Jerusalem, heißt Pontius Pilatus und wird von Anton Preisinger gespielt: ein kalter, mit der Liquidierung seiner Feinde prahlender Machtmensch, der fast zwangsläufig als putinesk verstockter Maniac markiert ist.

Manchmal wirkt es fast karikaturhaft überzeichnet, wie der römische Grobian brüllt und stampft, während sein Gegenüber Jesus mehr und mehr in grollendes Schweigen verfällt, sich blutig geißeln und ans Kreuz heften lässt. Als er droben in der Höh den Märtyrertod gestorben ist, starren die Übriggebliebenen starr und fassungslos hinauf zum Gekreuzigten, als fragten sie sich: Was bitte hat die Welt so ruiniert? Die Antwort hat schon früher am Tag der Apostel Simon formuliert: »Ein böses Tier ist der Krieg!«

Oberammergauer Passionsspiele , noch bis 2. Oktober 2022; Spieltage jeweils Dienstag, Donnerstag, Freitag, Samstag, Sonntag.

Anmerkung der Redaktion: In einer vorigen Version des Artikels wurden die Besetzungen zweier Rollen verwechselt. Wir haben die entsprechenden Stellen korrigiert.

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