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ANDEN-HOSPITAL Paten gesucht

aus DER SPIEGEL 38/1966

Die Gestapo setzte 1943 das humanitäre Werk in Gang. Während Dr. Oswald Kaufmann, damals Chirurg an der Hamburger Universitätsklinik, sich anschickte, einem Patienten den Blinddarm zu entfernen, verhafteten ihn die Häscher der Geheimpolizei. Grund der Verhaftung: Abhören von Feindsendern.

Erst 1949 kehrte der unbotmäßige Volksgenosse in die Welt außerhalb des Stacheldrahts zurück. Doch Konzentrationslager, Bewährungsbataillon und sowjetische Gefangenschaft hatten ihn nur empfindlicher gegen Gleichschaltung gemacht. Vergrämt von der Karrieresucht seiner Kollegen und verstört vom anbrechenden Wirtschaftswunder, entsagte Kaufmann bald darauf der Aussicht auf Professur und profitable Praxis. Er ging als Armendoktor nach Südamerika.

In den sechzehn Jahren seither hat der eigenwillige Arzt - mit wenigen Helfern und nur kärglich durch Hilfsorganisationen unterstützt - in einem Hochtal der peruanischen Anden für 50 000 Indios ein medizinisches und soziales Hilfswerk aufgebaut, das nicht minder erfolgreich ist als andere, vielgefeierte Unternehmen der Humanitas im afrikanischen oder südamerikanischen Urwald.

Kaufmann befreite die in Lehmhütten oder Erdhöhlen hausenden Bewohner des

Alto-Chicama-Tals von den Seuchen, die bis dahin zum Indio-Alltag gehört hatten: von Malaria, Typhus und Kinderlähmung.

Mit einer von der allamerikanischen »Allianz für den Fortschritt« finanzierten Schulspeisung lockte er die Indio-Kinder zum regelmäßigen Besuch der von ihm organisierten Grundschulen und bekämpfte so gleichzeitig die chronische Unterernährung.

Letzten Monat warb Kaufmann auf dem Welternährungskongreß in Hamburg für seinen neuesten Plan; er möchte in den Anden eine Gewerbeschule einrichten. Moderne Landwirtschaft und einträgliches Handwerk, so plädierte der Indio-Arzt, vermögen allein jenen unseligen Kreislauf zu unterbrechen, in den alle Unterentwickelten gezogen werden: Armut macht krank, und Krankheit macht arm.

Das Elend der Indios gewahrte Kaufmann, anfangs niedergelassener Arzt in Perus Hauptstadt Lima, erstmals auf einem Urlaubsritt. Im Alto Chicama, 140 Kilometer landeinwärts der Küstenstadt Trujillo, fand er eine teils völlig primitive, teils zivilisiert-verkommene Bevölkerung.

Als Campesino auf einer Plantage oder als Minenarbeiter verdient ein Indio gegenwärtig 300 bis 400 Mark im Jahr so er Arbeit findet. Um den Hunger zu betäuben, kauen Perus Indios, wie das peruanische Gesundheitsministerium ermittelte, jährlich zehn Millionen Kilo der stark kokainhaltigen Kokablätter; zum Teil sind schon die Drei- und Vierjährigen kokasüchtig. Und jeder Indio konsumiert durchschnittlich ebensoviel Alkohol wie ein Europäer - nur daß zwei Drittel der Rauschgetränke nicht destilliert sind und das Zentralnervensystem schädigen können.

Sechs von zehn Eingeborenen (durchschnittliche Lebenserwartung: 38 Jahre), so hatte der deutsche Arzt auf seinem ersten Erkundungsritt im Alto Chicama gesehen, sind krank. Kaufmann kehrte mit Medikamenten in das Hochtal zurück.

Er kam ein zweites und ein drittes Mal. Allmählich richtete er in dem Dorf Coina eine von seiner Praxis in Lima 800 Kilometer entfernte Ambulanz ein, zunächst in einem Zelt, dann in einem provisorischen Bauwerk aus Lehmziegeln. Als endlich eine massive Außenstation mit vier Betten stand, entschloß sich der Arzt, für immer zu bleiben.

Um von der Regierung Land für ein Krankenhaus kaufen zu können, gründete er die »Fundación Médico-Social Hospital Andino/Coina«. Einziger Mäzen der wohltätigen Stiftung: Dr. Kaufmann mit dem Erlös aus dem Verkauf der väterlichen Praxis in Cochem.

Das Geld reichte für ein 30-Betten -Krankenhaus mit einfacher Einrichtung. Kaufmann ritt oder fuhr - mit einem Lkw der den Korea-Krieg überstanden hatte - durch das von Coina nach allen Seiten 25 Kilometer weit sich erstrekkende und 1500 bis 3000 Meter hoch gelegene Tal zu kranken Indios.

Nach den Statuten der von Kaufmann erdachten Krankenversicherung muß jeder erwachsene Indio - und auch nur, wenn er nicht völlig mittellos ist - bei der ersten Konsultation zwei Mark entrichten. Er wird dann ein Jahr lang kostenlos behandelt - Hausbesuche und chirurgische Eingriffe sind ebenfalls damit abgegolten.

Der Betrag ist ein Anerkennungs-Honorar, auf daß die ärztliche Versorgung den Indios nicht wertlos erscheine. Das Hospital (jährliche Kosten derzeit 16 000 Mark) muß mit Spenden unterhalten werden. Kaufmann: »Ich lebe praktisch nur vom Betteln.«

Der Indio-Arzt erbettelte immerhin ein Röntgengerät und, um es betreiben zu können, ein Dieselaggregat. Aber das klinikinterne Sparprogramm erlaubt nur Dieselöl für drei Stunden Strom täglich.

Eine Fördergemeinschaft bei Nürnberg sammelt Medikamente, die von den Arzneimittel-Firmen kostenlos an deutsche Mediziner verteilt werden (sogenannte Ärzte-Muster). Doch für die Fracht kommt selten jemand auf; und teure Tuberkulose- und Wurmmittel, die Kaufmann dringend braucht, werden auch von reichen Pharma-Häusern kaum verschenkt.

Inzwischen beginnen Hilfsorganisationen, Kaufmanns menschenfreundliche Unternehmungslust zu honorieren. Das US-Peace Corps entsandte drei Helferinnen nach Coina; die Allianz für den Fortschritt rüstete die Friedens-Mädchen mit Reitpferden aus. Drei Schwedinnen von der Emmaus-Vereinigung übernahmen es, im Alto Chicama ein Kinderhilfswerk aufzuziehen. Der Deutsche Entwicklungsdienst schickt ein Arztehepaar, drei Krankenschwestern und zwei Mechaniker.

Private Förderer wollen künftig das Hospital finanzieren. Eine Hamburger Ärztin, eine Studienkollegin Kaufmanns, nötigt Society-Freunde, die Patenschaft für jeweils ein Krankenbett (jährliche Unterhaltungskosten: 500 Mark) zu übernehmen. Bislang setzte sie 16 Betten ab; unter bundesdeutscher Prominenz freilich erst zwei.

Kaufmann bettelt indes auch auf eigene Faust weiter. Die 50 000 Indios der Region, so mahnte der Arzt auf dem Welternährungskongreß, müssen sich ausreichend ernähren können. Sein Wunsch: drei Landwirte, Vorhut einer Gewerbelehrer-Schar.

Die erste Voraussetzung für den Fortschritt, das Steuern der bislang unkontrollierten Geburtenzahl, getraut sich Kaufmann selbst zu schaffen; der Arzt propagiert unter den Indio-Frauen die Empfängnisverhütung. Für diese Kampagne fand er unkonventionelle Unterstützung: Verhütungsmittel empfiehlt neuerdings auch der im Alto Chicama wirkende Priester.

Anden-Arzt Kaufmann, Patient: Hilfe für 50 000 Indios

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