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Film PATRIARCH MIT FRAUEN

aus DER SPIEGEL 42/1993

Die Wüste lebt. Mitten aus der abgestorbenen europäischen Filmlandschaft mit ihren bröckelnden Ruinen früheren Ruhms, mitten aus der brachliegenden Einöde des deutschen Films ist ein Werk entstanden, das Ansprüche mit sich herumträgt, die an die Kolossalschinken des großen Kinos erinnern:

An gefühlvoll tragische Breitwandepen wie »Doktor Schiwago«, an von Kriegsflammen umloderte Familiensagas und Liebesromanzen wie »Vom Winde verweht«, an die geduldig-wuchtige Schilderung des schönen Gestern als Anachronismus im schnöden Heute wie »Der Leopard«.

Der Münchner Filmproduzent Bernd Eichinger hat mit dem »Geisterhaus«, der Verfilmung von Isabel Allendes Bestseller aus den Jahren vor, während und nach dem chilenischen Staatsstreich durch Pinochet, einen Coup gewagt, mit dem er Hollywood auf dessen ureigenstem Schlachtfeld herausfordert - dem des großen Schinkens.

Der Einsatz ist horrend, der ihn wagt, muß ein Spieler von Format (und Risikofreude) sein - wie es David O. Selznick war, als er, 1939, allein, gegen alle Vernunft der großen Hollywood-Studios, die Verfilmung des Mitchell-Bürgerkriegsromans riskierte.

Der Einsatz, das ist der Erwerb eines erfolgsträchtigen Stoffs, der auf ein weltumspannendes Interesse rechnen kann; der die Tränen der Zuschauer in Seattle wie in Garmisch oder in Bilbao hervorlocken kann - mit einer Geschichte, die alle trotz (oder gerade wegen) der lokalen Färbung und Bindung verstehen, nachfühlen, nacherleben können - das Spezielle als das Universelle, geeint im Kino der großen Gefühle.

Der Einsatz, das sind die Stars, die man für diesen Stoff gewinnt, die ihn über den Globus tragen, die weltweit zur Bewunderung und Identifikation einladen und in der Lage sind, die Leute weg von der heimischen TV-Feuerstelle ins unwirtliche Kino zu locken.

Der Einsatz, das sind über 45 Millionen Mark. Von dieser Woche an rollt Eichingers Kugel - zunächst in 250 deutschen Kinos, vom Februar an in den USA. Beim Start sieht es so aus, als habe sich der waghalsige Einsatz gelohnt, als hätte das Kino ausgerechnet aus Deutschland ein internationales Superepos a la Hollywood voller aufgewühlter Gefühle und hochgespannter Konflikte gewonnen - das »Geisterhaus« verspricht, der »Doktor Schiwago« der neunziger Jahre zu werden.

Das Glück lag schon im Finden des Stoffs. Normalerweise lassen die US-Major-Companies solche Geschichten wie Isabel Allendes »Geisterhaus« nicht achtlos herumliegen, sondern kaufen sie auf Verdacht vom Markt. Man kann nur vermuten, warum die Warner Brothers den Stoff, den sie schon gekauft hatten, dann doch wieder abstießen - wahrscheinlich schienen ihnen die politischen Implikationen des Stoffs dann doch als abträglich für einen Erfolg.

In der Tat: So »privat« sich die Geschichte des ultrarechten chilenischen Großgrundbesitzers und Politikers Esteban Trueba (Jeremy Irons), gesehen mit den Augen, erzählt aus der Erinnerung seiner Tochter Blanca (Winona Ryder), auch ausnimmt: Es ist die Geschichte der chilenischen Tragödie.

Und sosehr der Film den Gesetzen des großen Kino-Melodrams gehorcht und Konflikte in die Gefühlsausbrüche von Menschen verlegt - so sehr macht er deutlich, wie Menschen hier in den engen und daher haßgeprägten Vorstellungen ihrer Klassen leben.

Der große Vorzug von Isabel Allendes Roman ist es, daß sie mit den Konflikten einer Familie die Spannungen einer Nation (oder sogar: des lateinamerikanischen Kontinents) verdeutlichend nachzeichnet, personalisiert. Dieser Vorzug ist voll in den Film hinübergerettet, ja noch verstärkt worden.

»Das Geisterhaus« erzählt in einprägsam mitreißenden Bildern die Geschichte einer chilenischen Familie, die von den politischen Spannungen, die das Land schließlich 1973 blutig zerrissen, bestimmt wird, die diese Spannungen erzeugt, durchlebt, durchleidet. Es ist - so erzählt sie der »Pelle der Eroberer«-Regisseur Bille August gradlinig und ausschweifend, konzentriert und farbenprächtig zugleich - die Geschichte eines Self-made-Großgrundbesitzers, der voll in dem Glauben lebt und handelt, er habe seine Welt aus eigener Kraft geschaffen. Und dürfe ihr daher auch seine patriarchalischen Gesetze aufnötigen.

Isabel Allende erzählt das als Tochter einer solchen Familie, und der Film schafft das Paradox, das seinen zweifellos größten Reiz ausmacht: Er schafft das Lebensporträt eines imponierend starken, männlich verbiesterten Kerls, der keinen Widerspruch zu dulden scheint.

Er schildert, wie dieser Kraftkerl die drei Frauen seiner Umgebung - seine Schwester, seine Frau, seine Tochter - beherrscht, ruiniert, verliert, wie diese Frauen aber in Wahrheit, während sie scheinbar an ihm zerbrechen, ihn umformen und in einem schmerzhaften Prozeß zu der Einsicht führen, er habe die politische Tragödie dieser Welt mit auf dem Gewissen.

Für diese Konstellation ist die Besetzung des »Geisterhauses« ein Glücksfall: Jeremy Irons verkörpert den Großgrundbesitzer durch alle Lebensalter, den rohen, stolzen, unbeherrschten Aufsteiger wie den aus seiner Altersverbitterung noch einmal zur Tat aufbrechenden Greis. Er hat hier ein Format gefunden, das in der Tat an Burt Lancasters Leistung im »Leoparden« erinnert (dem weitaus edelsten und veredeltsten Exemplar der Gattung Familienschinken).

Meryl Streep spielt seine Frau Clara. Es ist äußerst eindrucksvoll, wie diese Schauspielerin zu zeigen vermag, daß ihre sanfte Bestimmtheit nicht aus der Unterordnung, sondern aus dem gefestigten Selbstbewußtsein erwächst.

Deren Schwägerin spielt Glenn Close, sicher die bedeutendste Filmschauspielerin unserer Epoche. Sie ist die zum Opfer verdammte Schwester Truebas, die zuerst die todkranke Mutter unter Verzicht auf eigenes Leben pflegt, dann als geschlechtslose Verwandte in der Familie aufgenommen wird.

Wie Close das unzerstörbare, unlöschliche Feuer der Ferula fühlbar macht, die mit ihrer unterdrückten Lebenslust das Leben der Schwägerin und Nichte anfacht und ermutigt, das zeigt die geheimen, fast magischen Kräfte, die der Film aus dem Buch herübergerettet hat. In dem geopferten Leben der Ferula läßt der Film erkennen, aus welchen Kräften sich die Chancen zu einer allmählichen Änderung der verkrusteten Familienwelt nähren.

Der Familientyrann merkt sehr schnell, daß die beiden Frauen seine Tochter von ihm wegerziehen, und versucht, das drakonisch zu verhindern. Er versteht erst sehr spät, daß diese Abwendung die eigentliche Zuwendung ist: weil sie ihn schließlich auch aus seinen verknöcherten Beschränkungen befreit. Insofern ist das »Geisterhaus« ein Film als imposanter Erziehungsroman: Schmerzhaft muß ein Mann erleben, daß die Welt, die er bewahren möchte, sich nur noch um den Preis der faschistischen Militärdiktatur erhalten läßt. Und die rettet in Wahrheit nicht die Zustände, an denen er als Konservativer hängt, sondern mißbraucht sie zynisch bis zur Selbstzerstörung.

Augusts Film hat die Tage des Militärputsches von 1973 eindringlich rekonstruiert und ins Bild gebannt, als Panzer in Santiago de Chile die gewählte Linksregierung platt walzten, als die Demokratie von mordenden Terrorhorden und Folterern vernichtet wurde.

Der Film schönt nichts, er zeigt, daß die Entwürdigung neben der puren Auslöschung die gemeinste und wirksamste Waffe der neuen Peiniger war. Aber er zeigt auch (indem er das auf die Familie personalisiert), daß die Bestialität nicht aus dem heiteren chilenischen Himmel gefallen ist.

Es ist der uneheliche Sohn (Vincent Gallo), der seine eigene Schwester foltert und an ihr, unbewußt, bestialisch all die Erniedrigungen abreagiert, die sein Vater seiner indianischen Mutter zugefügt hat, die er wie ein Stück Vieh jagte, vergewaltigte und dann mit einem Bettel aus dem Haus jagte.

Das Buch der Isabel Allende ist in jenem magischen Realismus lateinamerikanischer Autoren geschrieben, dessen markantester Vertreter Gabriel GarcIa Marquez ist. Es ist ein Realismus, der die Welt nicht schönt und verbiegt - im Gegenteil: ihre jähe, sinnlose Brutalität brüsk und unvermittelt hervorkehrt.

Das »Magische« daran ist die Fähigkeit dieser Prosa, der Phantasie das gleiche Recht und die gleiche Kraft einzuräumen wie der Realität. Traumbilder sind nicht weniger wahr als die Wirklichkeit, Ahnungen nehmen körperliche Gestalt an. Das ist der Versuch, durch das Erzählen doch noch so etwas wie Sinn in eine sinnlos entmenschte Welt zu mogeln: Es ist die Magie der Familie, es ist der Sinn der tradierten Liebe, an die Buch wie Film glauben.

Natürlich erzeugt dies den Sog, den jedes Melodram auf die Gemüter seiner Zuschauer ausübt. Der Film kann sich dabei im Verlauf seiner Handlung mehr und mehr von der (ohnehin sparsam eingesetzten) Magie der Traumbilder und prophetischen Schreckensvisionen verabschieden - und ganz auf die Kraft seiner realistischen Erzählweise verlassen.

Er läßt die Familiengeschichte des Landlords, der seinen sozialistischen Schwiegersohn, das Kind seines Gutsverwalters, erst ermorden will und viel später vor den Junta-Schergen unter Einsatz seines Lebens rettet, aus der bewährten Perspektive der erzählenden Rückblenden wiederauferstehen. Und so stiftet er den Sinn, den das Publikum braucht.

Es ist die versöhnende, wenn auch resignative Rückschau auf das längst gelebte Leben, die dem Film so etwas wie den Atem der Versöhnung leiht. Einen geduldigen Atem.

In seinem Genre jedenfalls ist das »Geisterhaus« ein imposanter Wurf. Der Glücksspieler Eichinger hat eine ähnlich konsequente Verrücktheit betrieben wie sein Geistesverwandter Selznick einst bei »Vom Winde verweht«. Jetzt können die Tränen in den Kinos fließen. Y

Hellmuth Karasek
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