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Paulaner gegen das Heimweh

Suhrkamp veröffentlicht erstmals die Briefe von Bertolt Brecht 25 Jahre nach dem Tode des großen Stückeschreibers und Theatertheoretikers erscheinen erstmals die gesammelten Briefe, die der Autor vom Juli 1913 bis August 1956 schrieb. Die 887 Briefe stellen ein Drittel der gesamten Korrespondenz Brechts dar: Noch immer sind viele private Mitteilungen des Autors nicht freigegeben.
aus DER SPIEGEL 33/1981

Bert Brecht und die Aufführungspraxis seiner Stücke sind wieder ins Gerede gekommen. Seine Erben und der Frankfurter Suhrkamp-Verlag haben dem Stuttgarter Schauspieldirektor Heyme die Inszenierung des »Guten Menschen von Sezuan« untersagt -weil Heyme Jahre zuvor in Köln bei seiner »Dreigroschenoper«-Inszenierung den Bettlerkönig Peachum antisemitischen Mißverständnissen ausgesetzt hatte.

Brecht und die Aufführungspraxis seiner Stücke: Soeben erscheinen im Suhrkamp-Verlag die Briefe des Stückeschreibers,

( Bertolt Brecht: »Briefe«. Herausgegeben ) ( und kommentiert von Günter Glaeser. ) ( Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 2 Bände; ) ( 1184 Seiten; 78 Mark. )

an denen sich (auch) ablesen läßt, wie er, nachdem er aus der Emigration in die USA über Zürich nach Berlin (Ost) zurückgekehrt war, sich bemühte, seine Stücke erst in beispielhaften Modellinszenierungen zu entwickeln, ehe er andere Aufführungen gestattete.

Verständliche Vorsicht eines Autors, der sich fast ein Leben lang Verboten, Mißverständnissen, Fehldeutungen, Verharmlosungen wie Verfälschungen ausgesetzt sah und der als Dramatiker prompt in die Grabenkämpfe des Ost-West-Konflikts geriet.

Brecht suchte in Ost-Berlin mit dem, was er als »Berliner Ensemble« aufbaute, aus seinen zumeist in der Emigration entstandenen Stücken eine gültige Theaterpraxis zu entwickeln. Zuerst im Deutschen Theater, das er sich mit dem Intendanten Wolfgang Langhoff teilen mußte, ehe er am Schiffbauerdamm ein eigenes Haus fand, das zum Mekka aller Theaterleute der fünfziger Jahre wurde.

1949, mitten in den Experimenten des epischen Theaters, gab er seinem Herold und Übersetzer, dem Theatermann Eric Bentley, einen Korb für Aufführungen in den USA: »Bitte lassen auch Sie sich nicht verbittern durch mein Zögern, Sie Stücke auf dem kommerziellen Theater inszenieren zu lassen.« Da »meine eigenen Versuche noch recht im Anfangsstadium stehen, möchte ich lieber, daß Sie bei uns erst einige Zeit praktizieren«.

Auch dem Staatstheater Dresden legte Brecht den Rücktritt vom Vertrag nahe, um eines seiner Stücke vor »Verballhornungen« zu schützen: »Bitte erblicken Sie darin keine unfreundliche Haltung -- es haben zu oft Stücke von mir selbst in der Inszenierung ausgezeichneter, aber nicht speziell informierter Regissöre starken Schaden gelitten.«

Den »Süddeutschen Rundfunk«, der den »Lindberghflug« senden wollte, bat er dringlich, den Titel in »Ozeanflug« zu ändern und auch sonst den Namen Lindberghs zu tilgen: »Lindbergh hat bekanntlich zu den Nazis enge Beziehungen unterhalten; sein damaliger enthusiastischer Bericht über die Unbesieglichkeit der Naziflugwaffe hat in einer Reihe von Ländern lähmend gewirkt.«

Die berühmte englische Regisseurin Joan Littlewood ("Oh what a lovely war") »belehrte« er, daß sie die kontrollierende Anwesenheit seiner BE-Mitarbeiter bei ihren »Courage«-Proben nicht irritieren dürfe: »Damit die Kunst mit der Zeit Schritt halten kann, müssen die Künstler die neuen Kunstmittel zur Kenntnis nehmen und sie dann souverän und nach ihrer Art anwenden.«

Und als der erfolgreiche Defa-Regisseur Wolfgang Staudte ("Rotation") die »Mutter Courage« verfilmen wollte, S.131 klagte Brecht gegenüber der Defa über den »fast unglaublichen Leichtsinn«, mit dem die Arbeit vorbereitet werde. Gleichzeitig ermahnte er sich und Staudte in einem Schreiben: »Wir sollten eisern an unserem Entschluß festhalten, uns nicht zu krachen.«

Nur manchmal war er mitten im Kalten Krieg westdeutschen Aufführungen gegenüber etwas nachgiebiger. In einem Briefentwurf an den »Genossen Duncker« ist rechtfertigend zu lesen: »Du fragst mich -- nicht ohne eine gewisse Besorgnis, wie mir scheint -- warum ich zustimmte, daß westdeutsche Bühnen den ''Kaukasischen Kreidekreis'' ohne das Vorspiel aufführten. Bei der Abhängigkeit der künstlerischen Leiter dieser Theater von Staat oder Stadt könnten sie, selbst wenn sie wollten, das Stück mit dem Vorspiel nicht zur Aufführung bringen.«

Dem Theatermann Brecht war also Mitte 1955 eine Aufführung ohne den sozialistischen Rahmen lieber als gar keine Aufführung. Wie sehr Brecht unter der Abstinenz der Emigration gelitten hat, belegen die Briefe des Stückeschreibers mit ihrem rückhaltlosen Einsatz für die eigene Theaterarbeit -- sie ist das Kernstück der gesamten Korrespondenz.

Da buhlt Brecht, kaum daß er wieder auf dem alten Kontinent Fuß gefaßt hat, um Hans Albers für die Rolle des Mackie Messer. Da unterbreitet er Fritz Kortner wie Therese Giehse Angebote, bei ihm am Berliner Ensemble zu spielen, und malt Schauspielern die internationalen Vorteile Ost-Berlins in den rosigsten Farben.

Und da erteilt er Gustaf Gründgens mit witzigem Übergehen des jahrelang unterbrochenen Kontakts (immerhin lagen nicht weniger als tausend Jahre Nazireich dazwischen) eine Aufführungserlaubnis: »Berlin NW 7, den 18. 1. 49. Sehr geehrter Herr Gründgens! Sie fragten mich 1932 um die Erlaubnis, ''Die heilige Johanna der Schlachthöfe'' aufführen zu dürfen. Meine Antwort ist ja. Ihr Bertolt Brecht.«

Der Theatermann Brecht übersprang oft die Grenzen, die seine Staatstreue zur DDR ihm zu setzen schien. So dokumentieren die Briefe auch noch einmal Brechts Bemühen, mit Hilfe des österreichischen Komponisten Gottfried von Einem die österreichische Staatsbürgerschaft zu erwerben, während er von der Schweiz nach Ost-Berlin übersiedelte.

Er erweckte von Einem gegenüber den Eindruck, er wolle immer noch in Salzburg für die Festspiele arbeiten, als eigentlich schon feststand, daß er sich endgültig für Ost-Berlin entschieden hatte. Er dementierte im Oktober ''49 energisch »das unsinnige Gerücht«, daß er anstelle von Langhoff das (Ost-Berliner) Deutsche Theater leite. Daß Leonhard Steckel auf seinen Wunsch in Berlin die Hauptrolle des Puntila spiele und dies zudem noch auf der Bühne des Deutschen Theaters stattfinde, »das macht mich zu keinem Theaterdirektor«.

Theaterdirektor war ja auch, was das Berliner Ensemble anlangt, offiziell Helene Weigel, die Frau Brechts, die von Geburt Österreicherin war.

Zwar werfen die 887 abgedruckten Briefe Brechts in so gut wie keiner Lebensphase ein gänzlich neues Licht auf Leben und Schreiben des »armen BB«, sie bestätigen aber oft in frappierenden Einzelheiten die Mischung aus Unnachgiebigkeit, Überzeugung und pfiffigem Pragmatismus, die Brecht zu eigen war, der nicht zufällig den Schwejk zu seinen Lieblingshelden zählte.

Die fünfundzwanzig Jahre nach Brechts Tod erstmals veröffentlichten Briefe zeichnen das Bild des Autors nicht radikal neu und anders. Das liegt einmal daran, daß der Brecht-Biograph Klaus Völker, für seine 1971 veröffentlichte Brecht-Chronik und für seine 1976 veröffentlichte große Brecht-Vita, die im Brecht-Archiv einliegenden Briefe schon eingesehen hatte. Wohl auch solche, die in der jetzigen Ausgabe immer noch fehlen.

Der Editor Günter Glaeser bemerkt daher auch mit Bedauern, daß die Briefausgabe trotz ihrer knapp achthundert Seiten Text und rund vierhundert Seiten Anmerkungen »als vorläufig gelten« müsse. Es fehlt, so Glaeser, die reine Geschäftskorrespondenz: »Sie wurde ohnehin in den meisten Fällen von Mitarbeiterinnen aufgesetzt.« So weit, so gut. Schmerzlicher stimmt die folgende Erklärung: »Ausgespart in dieser Ausgabe sind auch Briefe, die legislativ fixierte Persönlichkeitsrechte berühren, sich überwiegend auf die Privatsphäre beziehen oder von den jeweiligen Rechtsinhabern zur Zeit noch sekretiert sind.«

Es fällt auf, wie spärlich die privaten Irrungen und Wirrungen in den späten zwanziger Jahren hier durch Korrespondenz dokumentiert sind -- viel lakonischer, als es Völkers Biographie nahelegt.

Ähnliches gilt offenbar für die späten Jahre, wo man schon froh ist, wenn man aus Briefen erfährt, daß Brecht in Berlin mittels Paulaner-Bier sein Heimweh nach Bayern stillte. So jedenfalls schreibt er es dankbar dem Spender (und Exegeten) Schumacher nach München.

Daß ihm Amerika nicht gefallen hat, weiß man spätestens seit der Publikation des »Arbeitsjournals« (1973). Auch in den amerikanischen Briefen fehlt so gut wie jede Schilderung der amerikanischen Umwelt, die Brecht S.132 verachtete und ignorierte. Seinem marxistischen Mentor Korsch schrieb er über das kalifornische Exil in Santa Monica: »Die Feindschaften gedeihen hier wie die Orangen und haben wie die keine Kerne.« Und er fügt bitter an, daß er selbst im hintersten Finnland nicht so »aus der Welt« gewesen sei.

Doch ob in oder aus der Welt -- das schwierige Gleichgewicht zwischen seiner Familie in Kalifornien und seiner Geliebten und Mitarbeiterin Ruth Berlau in New York veranlaßt den geplagten Mann zu mancherlei Jongleurkunststücken.

Er ermahnt die ungeduldige Geliebte im Juni ''42: »Liebe Ruth, anscheinend bist Du entschlossen, alles zu tun und nichts zu unterlassen, um mich in wirkliche Bitterkeit zu bringen. Willst Du wirklich aus dem Exil nichts anderes machen als nur eine unendliche Lovestory mit Auf und Ab, Vorwürfen, Zweifeln, Verzweiflungen, Drohungen usw. usw.?«

Auch bei seiner Frau Helene Weigel mußte er schon um die Jahreswende 1932/33 brieflich Eifersüchteleien schlichten: »Wir sollten«, so schreibt er der »lieben Helli«, »nicht ohne jeden Sinn eine nicht nötige Kluft unnötig verbreitern. Wie ich Dir sagte und wie ich es auch meinte, war die Unterbringung der Grete eine rein praktische Frage ... Liebe Helli, Du solltest daraus keine große Sache machen. Ich habe einen großen Widerwillen dagegen, mich von Klatsch und Rücksicht auf die Phantasie einiger Spießer beeinflussen zu lassen.«

Neben satirisch übermütigen Briefen an George Grosz, neben einem imposanten Schreiben an Thomas Mann, in dem er 1943 Deutschland gegen dessen blinden Verdammungsspruch zu verteidigen suchte, neben den lebenslangen Zeugnissen der Freundschaft zu Caspar »Cas« Neher, seinem Augsburger Jugendfreund und Ost-Berliner Bühnenbauer, stehen solche Beschwichtigungszeugnisse des zwischen den Frauen Lavierenden als Zeichen, daß finstere Zeiten nicht nur große Probleme zeitigen.

1927 teilte er dem Finanzamt Wilmersdorf-Nord mit, warum er sich »für steuerfrei« hielt: »Da ich mit meinen Stücken vorläufig beinahe nichts einnehme, bin ich bis über den Hals meinen Verlagen gegenüber in Schulden geraten. Ich wohne in einem kleinen Atelier in der Spichernstraße 16 und bitte Sie, wenn Sie Reichtümer bei mir vermuten, mich zu besuchen.«

Wohnungssorgen hatte er auch noch, als er Mitte ''53 sein Atelier in der Chausseestraße mit Blick auf den Friedhof fand. Noch im November monierte er: »Die Wohnung ist halbwegs, Klo funktioniert nicht, auch nicht der Badeofen. Sie kann aber sehr schön werden.«

Sie wurde die letzte.

S.130Bertolt Brecht: »Briefe«. Herausgegeben und kommentiert von GünterGlaeser. Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 2 Bände; 1184 Seiten; 78 Mark.*

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