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Per Uppercut nach Golgatha

SPIEGEL-Redakteur Urs Jenny über Eduardo Arroyos Boxertheater *
Von Urs Jenny
aus DER SPIEGEL 7/1986

Der spanische Maler Eduardo Arroyo, 48, ist ein Box-Enthusiast. Im männlichen Faustkampf sieht er eine »Metapher für jedes absolute Leben, das eines Künstlers, das eines Literaten«. Wie den Maler die weiße Leinwand, sagt er, so zieht den Boxer das grell erleuchtete Geviert des Ringes an: »Seine Arme und Beine schaffen das Werk.« Ohne den Ring ist der Boxer nichts, und so läßt Arroyo einen Boxer ausrufen: »Was wohl könnte ein Maler hervorbringen, der weder Pinsel noch Leinwand hat?«

Die rhetorische Frage wurde, am vorletzten Sonntag, im Münchner Residenztheater mit Gelächter quittiert. Denn dort war zu sehen, was ein Maler auch ohne Pinsel und Leinwand hervorbringen kann: Arroyo hat ein Bühnenstück geschrieben, und es wurde in München von dem Regisseur Klaus Michael Grüber (dem es gewidmet ist) uraufgeführt, ein Stück, das monologisch weitschweifig von Boxern erzählt, in dem aber kein wirklicher Faustschlag fällt.

Arroyos Boxer-Begeisterung ist Totenkult. Von den Idolen, die er verehrt - nicht die schwergewichtigen Rammböcke, sondern die zarten und flinken -, hat er keinen je selber kämpfen gesehen. Es sind die Stars der boxbegeisterten dreißiger Jahre, allen voran der schöne schwarzhäutige Bantam-Weltmeister »Panama« Al Brown, über den Arroyo vor vier Jahren eine akribisch recherchierte Biographie von gut 300 Seiten veröffentlicht hat. »Panama« ist für Arroyo die Offenbarung schlechthin: Er ist, »einem Meteor ähnlich, auf unseren Planeten herabgekommen, um der hohen Kunst des Boxens zu huldigen und um zu zeigen, wie man aus diesem Sport ein unvergleichliches Schauspiel macht.«

In dem Schauspiel »Bantam«, das Arroyo nun im Auftrag des Münchner Residenztheaters verfaßt hat, steigt der Unvergleichliche selbst nicht auf die Bühnenbretter herab. (Texte von Panama allerdings hat Arroyo, hier gar nicht akribisch, einfach anderen Boxern zwischen die Zähne geschoben.) Auf der Bühne liegt, wenn der Vorhang sich hebt, als Riesenleichnam »Panamas« Freund, der Senegalese Louis Phal, genannt »Battling Siki«, den ein Killer 1925 an einer Straßenecke in Manhattan erschossen hat, und später erscheinen drei von den Tapferen, die im Kampf gegen Panama auf der Strecke geblieben sind: Emile »Milou« Pladner, Eugene »Tigerkatze« Huat und Eugene »Metallkiefer« Criqui - der erste blind, der zweite blöd, der dritte stumm, allesamt Opfer ihres mörderisch-selbstmörderischen Berufs. Doch auch sie sind Helden, durch »Panamas« Niederschläge geadelt, denn »am meisten« fasziniert Arroyo am Boxen »die Tragödie dieses Blutbads, dieses Geschick, das gegen eine Armee zarter Männer wütet«.

Durch längst legendäre Grüber-Inszenierungen in den frühen siebziger Jahren

("Wozzeck«, »Im Dickicht der Städte«, »Die Bakchen") ist Eduardo Arroyo als Bühnenbildner in Deutschland berühmt geworden. Für seinen Box-Spleen, für seine monomane »Passion« hat nun Grüber (mit den gemeinsamen Maler-Freunden Gilles Aillaud und Antonio Recalcati als Bühnenbildnern) das Münchner Residenztheater in eine Weihehalle verwandelt: Eine private Devotionalie wird da groß intoniert, in Augenblicken durchaus bewegend und doch eine riesige Narretei. Wenn aber Grüber, der große Geheimnisvolle, am Werk ist, sei es auch weder Goethes »Faust« noch Wagners »Ring«, sondern bloß ein zusammengeschustertes Faust- und Ring-Werk, in dem ein »erstklassiger Uppercut« das »Golgatha« eines Boxers einläutet, dann werden Rezensenten zu ergriffenen Raunern.

Einen »Gesang von der Unmöglichkeit des Heldenliedes« vernimmt die »Frankfurter Rundschau« und sieht »Szenenbilder für ein Requiem«. »Dieser Raum, er ist mythisch«; erkennt auch die »Süddeutsche Zeitung": »Alles ist Zeichen. Für Männlichkeit: zwei Hydranten.« Die »Rundschau« setzt nach: »Nur in der Frau, wird uns bedeutet, sind die Kräfte der Emphase, des Enthusiasmus noch aufgehoben.«

Diese femininen Kräfte der Emphase werden auf einer Bühne, wo Hydranten der Männlichkeit rumstehen, dringend benötigt, weil die Boxer selbst ihre zerschlagenen Fressen nur noch schwer für ein paar Sätze aufkriegen. So klagt eine Frau um sie, erzählt von ihnen und spricht auch in Ich-Form für sie: Das ist in München Nicole Heesters, und sie gibt dem Boxer, wo er in seiner Qual verstummt, Pathos und Tremolo einer gelernten Tragödin.

Boxer sind arme Proleten und wären es immer geblieben, hätten sie nicht den todesmutigen Schritt in den Ring gewagt. Sie sind, so Arroyo, Sklaven, die sich selbst befreit haben - deshalb vergleicht er sie mit dem antiken Philosophen Epiktet, der dann auch gleich auf die Bühne kommt (im Kostüm des New Yorker Milchmannes, der die Leiche von »Battling Siki« entdeckt hat) und sportlichen Trainingsfleiß predigt.

Im zweiten Teil entschwebt Arroyos Werk ganz in antikische Ewigkeit: Heinz Bennent als philosophierender Olympia-Veteran steht allein mit seinem Hund auf der Bühne - erst im Zottelpelz eines Schäfers, dann mit nacktem Torso, immer in ungetrübtem Selbstgenuß -, träumt verflossenen Siegen nach und schimpft in einer stoischen »Diatribe« über die Schlappheit der Jugend, bis ihn ein Blitz des Himmels k.o. schlägt. »Eine Stimmung aus Mut und Schlaf und Verlangen und Trauer« hat bei der edlen Einfalt dieser Schlußstunde die »Frankfurter Rundschau« beschlichen: »Pan über der Szene.« Zu deutsch: Gott Grüber was here, oder auch: Weihnachten ist öfter.

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