Fake-News-Forscher Pomerantsev "Die Coronakrise ist auch eine Desinformationskrise"

Um Propaganda und Falschinformationen zu bekämpfen, müssen die Demokratien des Westens die gesamte Kommunikation im Internet regulieren, meint der britische Autor Peter Pomerantsev.
Ein Interview von Nils Minkmar
Buchautor Peter Pomerantsev

Buchautor Peter Pomerantsev

Foto: Barcroft Media/ Barcroft Media/ Getty Images

SPIEGEL: Mr Pomerantsev, Sie haben sich mit dem Coronavirus infiziert - wie geht es Ihnen?

Pomerantsev: Ich bin müde, aber sehr dankbar, dass das Fieber nachgelassen hat. Jetzt fange ich an, darüber nachzudenken, wie ich in der Krise helfen kann. Die Coronakrise ist auch eine Desinformationskrise, eine Kristallisation all dessen, worüber ich in meinem Buch schreibe und was ich an der London School of Economics erforsche. Die Fragen sind: Kann der Journalismus in dieser Situation für mehr Empathie und Verantwortung sorgen? Und welche Formen des Journalismus hingegen heizen Panik und Verzweiflung erst richtig an?

Zur Person

Peter Pomerantsev, geboren 1977 in Kiev, arbeitet als Buchautor und Journalist. Er ist Visiting Senior Fellow an der London School of Economics und beschäftigt sich mit der Manipulation von Informationen. Er schreibt regelmäßig für "The Atlantic Monthly" und die "Financial Times". 2015 erschien sein Buch "Nichts ist wahr und alles ist möglich", in dem er seine Erfahrungen als TV-Produzent in Russland zur Jahrtausendwende schildert.

SPIEGEL: Facebook und Twitter behaupten, ihre Plattformen erfolgreich von Propaganda und Falschinformation über das Virus gereinigt zu haben - ist das auch Ihr Eindruck?

Pomerantsev: Es scheint so, als ob sie diejenigen Desinformationen, die das Leben von Menschen in Gefahr bringen könnten, herausfiltern: zum Beispiel falsche medizinische Ratschläge. Aber letztlich haben wir doch gar keine Ahnung, ob sie diese Desinformation tatsächlich filtern – oder eher fördern. Und anders als in anderen Bereichen, dürfte bei Fake News im Gesundheitsbereich sogar Einigkeit bestehen. Die will niemand. Da geht es nicht um Zensur.  

SPIEGEL: Inwiefern unterscheidet sich die Debatte über Corona denn von anderen Debatten?

Pomerantsev: Corona ist die ultimative leere Bedeutung, eine gesichtslose Furcht, die jeder Meinungskrieger zu seinem eigenen Vorteil zu nutzen versucht. Extremisten nutzen sie, um Minderheiten und Migranten anzugreifen. Staaten benutzen sie, um sich gegenseitig anzugreifen. Betrüger benutzen sie, um gefälschte Masken zu verkaufen und so weiter. Und dann gibt es noch die üblichen Gerüchte, die in den sozialen Medien umher wabern, mit weitergeleiteten Nachrichten im Stil von "meine Schwester ist Krankenschwester und sagte dieses und jenes". Einige davon könnten echt sein, aber viele könnten auch gezielt lanciert werden. Viele der heimtückischsten Desinformationskampagnen finden heutzutage in geschlossenen, verschlüsselten Gruppen statt, wie zum Beispiel bei WhatsApp, wo es unmöglich ist, sie zu verfolgen.

SPIEGEL: Mit der sozialen Distanzierung wächst die Rolle der digitalen Werkzeuge und Plattformen. Sehen Sie darin eine Chance für mehr Regulierung?

Pomerantsev: Eine massive Regulierung wird ohnehin kommen, in Europa auf jeden Fall und in Großbritannien auch. Aber ich befürchte, dass diese Regulierung nicht sonderlich intelligent umgesetzt werden wird. Die Regulierung muss sich auf die Algorithmen konzentrieren: wie sie bestimmte Inhalte fördern; wie unsere eigenen Daten verwendet werden, um uns gezielt anzusprechen. Aber oft zielt Regulierung lediglich auf einzelne Teile der von Nutzern generierten Inhalte statt auf das gesamte System.

SPIEGEL: Welche politischen Kräfte prägen das gegenwärtige Klima des Misstrauens und der Desinformation?

Pomerantsev: Sowohl demokratische als auch autoritäre Kräfte haben herausgefunden, dass sich Zensur der alten Schule oder intellektuelle Hegemonie in einem System der überbordenden Informationen kaum noch durchsetzen lassen. Viel erfolgsversprechender ist, Unsicherheit und Misstrauen zu verbreiten und dann zu behaupten, der starke Mann zu sein, der die Menschen durch diese dunkle, verwirrende Welt führen kann. Ob Trump oder Erdogan, Aleksandar Vucic oder Putin - ihre Propaganda beschwört eine Welt endloser dunkler Verschwörungen herauf, in der die Wahrheit unergründlich ist und in der Sie, der kleine Mann, nichts ändern können. Verschwörungstheorien untergraben den Sinn für demokratisches Handeln. Sie machen die Menschen passiv. Um das Verschwörungsdenken zu bekämpfen, muss man den Menschen das Gefühl geben, dass sie Einfluss haben.

SPIEGEL: Erzählen Sie uns ein wenig über Ihr neues Buch - der Titel "Das ist keine Propaganda" ist faszinierend. Propaganda, die ihre eigene Natur verleugnet?

Pomerantsev: Es ist eine Anspielung auf das "Das ist keine Pfeife", das berühmte Gemälde des Surrealisten René Magritte. Seine Bilder zeigen eine Welt, in der Worte und Bedeutungen und Bilder ihre Verbindung verloren haben. Ähnlich ist es in der Welt, die ich in meinem Buch beschreibe: eine Welt, in der die Bedeutung solch grundsätzlicher Begriffe wie 'Demokratie', 'Europa', 'Freiheit', 'das Volk' in Frage gestellt wird. In dem Buch zeige ich, wie sie ihrer Bedeutung verlustig gingen, wie sie aktiv umgestaltet werden und der Wettbewerb um Bedeutung tobt.

SPIEGEL: Sind eine lebendige Demokratie und eine offene Gesellschaft ohne Regulierung der sozialen Medien noch möglich?

Pomerantsev: Ohne transparenten Informationsfluss gibt es keine offene Gesellschaft. 

SPIEGEL: Wäre Europa in besserer Verfassung und politisch besser koordiniert, eine Kraft, die antidemokratische Propaganda reguliert?

Pomerantsev: Regulierung ist die eine Sache, die die EU gut macht. Der von Europa definierte Regulierungsrahmen wird sehr wichtig sein. Was ich mir wünsche, ist, dass sich die Demokratien auf Grundprinzipien für ein liberal-demokratisches Internet einigen, das in einem robusten Gegensatz zu den sich rasch entwickelnden chinesischen und russischen Modellen steht. Was macht den mündigen Bürger im Internet aus? Was ist die demokratische Version der Internetsicherheit - brauchen wir eine Cyber-Nato? Und was ist ein demokratischer öffentlicher Raum im Internet? Sollten wir Onlineräume für öffentliche und politische Debatten haben, dafür öffentliche Dienstleistungen bereitzustellen, die nicht kommerziell genutzt werden?

SPIEGEL: Welche politischen Entscheidungen wären notwendig?

Pomerantsev: Einmal eine öffentliche Aufsicht über die Algorithmen, damit wir genau sehen können, wie die Informationen online organisiert werden, warum Algorithmen den Menschen einen Teil des Inhalts zeigen und nicht einen anderen, und ob diese Algorithmen mit den demokratischen Werten in Einklang stehen. Aber wir brauchen auch öffentliche Unterstützung für die Produktion von Inhalten, die die kommerzielle Logik des Internets ignorieren können. Wir sind in einer Polarisierungsspirale gefangen.

SPIEGEL: Inwiefern?

Pomerantsev: Da die traditionellen Medien, insbesondere die Printmedien, ums Überleben kämpfen, befinden sie sich in einem Online-Werbemarkt, der die skandalösen, persönlichkeitsgetriebenen, polarisierenden Inhalte bevorzugt, die populistische Politiker anbieten. Der digitale Werbemarkt ist zutiefst undurchsichtig. Er unterscheidet nicht zwischen Publikationen, die einen gemeinnützigen Auftrag und redaktionelle Standards haben einerseits und parteiischen oder absichtlich irreführenden Websites und Social-Media-Seiten andererseits. Dieser Markt wird von der algorithmischen Architektur des Internets und der sozialen Medien angetrieben, die auf hoch emotionales Material ausgerichtet ist. Es wird in diesem Umfeld für Nachrichtenorganisationen und einzelne Nutzer gewinnbringend, immer extremere und polarisierende Positionen einzunehmen - eine algorithmische Logik, die wiederum die populistischen Politiker genau dazu ermutigt. Diese wiederum schaffen Inhalte, die die Mainstream-Medien zu beschreiben glauben und so dreht sich die Spirale weiter.

SPIEGEL: Was folgt daraus?

Pomerantsev: Um diese zu durchbrechen, braucht man Medien, die sich nicht in dieses Spiel einmischen müssen. Dies ist nur mit öffentlicher Unterstützung von Staaten oder der EU möglich. Wir sollten uns fragen, wie die paneuropäischen, öffentlich-rechtlichen Medien der Zukunft aussehen.

SPIEGEL: Es gab viele Diskussionen über den WikiLeaks-Gründer Julian Assange - was ist Ihre Meinung zu diesem Fall?

Pomerantsev: Selbst die hinterhältigsten, frauenfeindlichsten, antisemitischsten Schurken haben Rechte.