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Peter Stein - am Boden angelangt?

Gerade hatte er mit Tschechows »Drei Schwestern« seinen größten Erfolg seit Jahren feiern können, da eröffnete er, daß er als Leiter der Schaubühne aufhören wolle: Peter Stein, Motor und Identifikationsfigur von Deutschlands renommiertestem Theater, resigniert nach 15 Jahren als Theaterleiter - nicht als Regisseur. *
aus DER SPIEGEL 11/1984

Peter Stein war zum pädagogischen Plausch ins Friedrich-Engels-Gymnasium in Reinickendorf eingeladen. Und der Rias schnitt mit.

»Wie sind Sie zum Theater gekommen«, wollte anfangs eine Schülerin wissen, und der nach seinem »Drei Schwestern«-Triumph offensichtlich gut aufgelegte Schaubühnenregisseur erzählte, daß er früher einfach zu verklemmt und schüchtern gewesen wäre, um Schauspieler zu werden.

In das unbekümmerte Parlando (Stein über den Realismus Tschechows: »Ich habe mir die Eier zerbrochen") mit den Schülern, die über die parfümierte Schickeria in der Schaubühne und die Schwierigkeiten, Karten zu bekommen, motzten, platzte Stein mit einer Kündigungseröffnung.

Ende nächster Spielzeit lege er definitiv die Schaubühnen-Leitung nieder, da er nicht in der Lage sei, das Gesicht dieses Theaters nach außen zu prägen. Stein: »Ich bin am Boden angelangt.«

Die gut zwei Dutzend Gymnasiasten schienen die Sensation, die in dieser Mitteilung lag, nicht zu bemerken. Sie fragten weiter nach Besetzungen, Länge einer Aufführung, ob denn so leise auf der Bühne gesprochen werden müsse. Kurz: das Übliche.

Erst am Schluß sprach der Rias-Redakteur von der »kulturpolitischen Bombe«, die Stein gezündet habe. Stein: »Das ist keine Bombe, das ist eher ein Furz.«

Ob nun Verdauungs- oder Explosionsgeräusch - die morgendliche Schüler-Diskussion hatte etwas an die Öffentlichkeit gebracht, was die Schaubühne als sorgsames Geheimnis hütete - obwohl es seit der letzten Schauspieler-Sitzung allen Ensemble-Mitgliedern bekannt war: Peter Stein, Regisseur und Motor der Schaubühne, geht - zumindest als Leiter.

Was er den Schülern auch verriet: Der Inszenator Stein, der die Schaubühne mit Brecht/Gorkis »Mutter« (Therese Giehse spielte die Titelrolle) eröffnete, und dessen Inszenierungen (von »Peer Gynt« 1971 über Gorkis »Sommergäste« 1974, bis zum jüngsten Erfolg mit Tschechow) den Rang dieses Theaters bestimmten, dieser Inszenator bleibt dem Theater erhalten. »Um Gottes willen, wo soll ich denn hin? Es ist doch überall gleich beschissen?« meinte Stein dazu flapsig. Er hat es, so stellte er's den

Schülern dar, einfach satt, als verantwortlicher Leiter dazustehen, wenn er nicht mal in der Lage sei, ein Cafe, ein Restaurant nach seinen Vorstellungen in der neuen Schaubühne zu etablieren.

In der alten Schaubühne am Halleschen Ufer, da hätten Schauspieler und Zuschauer zusammensitzen können, »bei einem 5-Mark-Wein«, aber jetzt, im neuen Theater ginge das nicht mehr: »Meinst du, ich setz' das durch? Ich verlange ein anderes Außengesicht vom Theater!«

In der Tat hat der Umzug (1981) der Schaubühne vom Halleschen Ufer an den Lehniner Platz (sprich: Kurfürstendamm) dieses kollektiv konstituierte Theater in eine radikal veränderte Situation gebracht.

Zwar ist der modernisierte Mendelssohn-Bau, dessen technische Grundstruktur eher einem Filmstudio gleicht, das wohl variabelste Theater Deutschlands. Mußte die Schaubühne früher mit manchen Produktionen in Messehallen oder die CCC-Filmräume ausweichen, so kann sie ihre Bühne jetzt den jeweiligen Stückgegebenheiten anpassen (bei den »Drei Schwestern« hat sie beispielsweise die unerhörte Bühnentiefe von 48 Metern).

Und sie kann auch zwei Produktionen gleichzeitig an einem Abend spielen. Das Theater ist ein hydraulisches Wunderwerk.

Andererseits hat die Schaubühne ihr Umfeld verloren. Am Halleschen Ufer war sie hautnah an Türkenproblemen, Hausbesetzer-Szenerie und Sektorengrenze. Mit einem guten Teil ihrer Arbeit reagiert sie auf dieses soziale Umfeld. Jetzt, am Kurfürstendamm, lädt das modisch-weiße Foyer eher dazu ein, in der Pause den Sektkelch in die Hand zu nehmen. Das Theater verströmt weltstädtischen Chic, die Schauspieler, die man früher, am Halleschen Ufer, in jeder Pause am Nebentisch sah, sind in weite Star-Ferne entrückt.

Offensichtlich will Stein für ein derartiges Image nicht mehr geradestehen. Das sieht auch wie ein Politikum aus: Stein, der 1968 die Münchner Kammerspiele verlassen mußte, weil er nach dem »Viet Nam Diskurs« für den Vietcong sammeln ließ, der mit Bonds »Trauer zu früh« 1969 Zürichs bürgerlichem Publikum einen riesigen Theaterskandal beschert hatte, dieser Stein hatte auch bei der Schaubühne anfangs politische Akzente gesetzt und beispielsweise Enzensbergers »Verhör von Habana« 1971 oder die revolutionsverherrlichende »Optimistische Tragödie« 1972 gespielt.

Doch wenn jetzt Kommentare zu Steins Abgang betonen, er habe auch aus politischer Resignation gehandelt, so liefert das Gespräch mit den Schülern dafür keine Stichworte. Im Gegenteil.

Nicht nur, daß Stein sich nach wie vor für die wunderbaren Schauspielerinnen begeistert, mit denen er an der Schaubühne zusammenarbeiten kann. Und nicht nur, daß er stolz auf die unerhörten technischen Möglichkeiten dieser Bühne ist. Er ist auch offensichtlich zufrieden, daß er mit dem Ensemble endlich bei Tschechow angelangt ist, für den sein Theater, so Stein, lange nicht reif gewesen sei.

Und was das politische Theater anlangt: Brecht, mit dem Stein einst die Schaubühne programmatisch eröffnete, erscheint ihm inzwischen als zu simpler, zuwenig komplexer Autor, gegen dessen gradlinige Figurenzeichnung er die reiche Widersprüchlichkeit der Tschechowschen Geschöpfe setzt.

Mit Tschechows »Drei Schwestern« hat Stein ein Stück inszeniert, das vom Verschleiß durch die Zeit, durch das Altern handelt. In einem Interview mit der Zeitschrift »Theatre en Europe« hat er für sich selbst gesagt, die Vorstellung, noch 10 oder 20 Jahre an der Schaubühne weiterhin zu arbeiten, sei »nicht nur beängstigend, sie ist auch stupide«.

Ein Stück Freiheit gegen die drohende Stupidität hat sich Stein jetzt wohl erkämpfen wollen.

Was sich dadurch für die Schaubühne ändert, ist nicht abzusehen, auch wenn Direktor Schitthelm abwiegelnd meint, es würde sich so gut wie gar nichts ändern.

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