Zur Ausgabe
Artikel 40 / 67
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

ARCHÄOLOGIE / SYBARIS Pfeifen zum Untergang

aus DER SPIEGEL 3/1969

Von der einst reichsten und sinnenfrohesten Stadt des Altertums kündete nur noch die Sage. Zweieinhalb Jahrtausende lang war Sybaris, griechische Kolonistengründung in Süditalien und Urbild üppiger Dekadenz, verschollen wie Vineta.

Seit 90 Jahren haben Archäologen vergeblich versucht, die -- mutmaßlich kostbaren -- Relikte dieser Metropole raffinierter Lebenskunst ausfindig zu machen. Letzten Monat meldete ein Team italienischer und amerikanischer Ausgräber Erfolg und neue Enttäuschung: Mit elektronischem Spürgerät ist es gelungen, die Grundfesten von Sybaris am Golf von Tarent, zwischen Absatz und Sohle des italienischen Stiefels, zu orten -- in vorerst unzugänglicher Tiefe. fünf Meter unter dem Grundwasserspiegel.

Wie die Lasterstätten Sodom und Gomorrha durch göttliches Strafgericht im Schwefelbrand, wie das von verderbtem Luxus beherrschte Pompeji in vulkanischem Aschenregen. so wurde auch das genußsüchtige Sybaris vom Erdboden getilgt. Die auf den Sand von Küstendünen gebaute Stadt. so ermittelten die Archäologen inzwischen, sank wahrscheinlich bei einem

Erdbeben unter die Wasserlinie des Mittelmeeres und wurde im Schlick begraben. Lediglich weitab gelegene Ruinen, wie etwa drei Tempel in der Zweigniederlassung Paestum, zeugten bislang vom Reichtum und Kunstsinn der Sybariter.

Mehr als 70 griechische und römische Schriftsteller und Historiker haben den antiken Tummelplatz der Mondänen geschildert. Sybaris, ein von fetten Äckern umgebenes Handelszentrum, soll zeitweilig über 25 andere Städte geherrscht haben und von 300 000 Menschen bewohnt worden sein. In ganz Süditalien mußten Griechen-Gründungen den sybaritischon Stier auf ihre Münzen prägen. Und Sybaris konnte es sich leisten, seinen silbernen Stater, die Einheitswährung, mit rund 125 Gramm etwas schwerer als die Münzen der Nachbarn zu machen.

Magnet-Meßgerät zum Aufspüren von Mauerresten und Einzelfunden im Erdreich.

Die verschwenderischen Sybariter kleideten sich in feinste Wolle, dekoriert mit Goldschmuck, zapften Wein wie Wasser aus Rohrleitungen, die von den Weinbergen bis in die Häuser führten, und erfanden zu ihrer Bequemlichkeit den Nachttopf. Sie ersannen das erste Patentsystem -- für lukullische Rezepte -- und machten sich in Dampfbädern fit für immer neue Schlemmereien. Sie hielten sich Zwerge als Spaßmacher. Aber im Leistungssport waren sie etwas träge; bei Olympischen Spielen gewann nur ein Sybariter einen Preis.

Durch Gesetz waren die Bürger der modisch extravaganten Stadt gehalten, Festlichkeiten ein Jahr im voraus anzusagen; die Damen sollten Roben und Schmuck in Muße zusammenstellen können. Die Straßen waren zum Schutz vor der Sonne mit Baldachinen überspannt. Und damit der Schlaf der einer mystischen Erotik huldigenden Sybariter nicht gestört wurde, waren lärmende Handwerker wie Zimmerleute und Schmiede aus der Stadt verbannt -- selbst Hähne durften in ihren Mauern nicht krähen.

Einer der edelfaulen Städter bekam. so wurde überliefert. als er an grabenden Bauern vorüberkam. vom bloßen Zusehen einen Bruch.

Sogar die Pferde wurden nur mehr zu Tanzspielen abgerichtet -- der Stadt zum Verhängnis. Als im Jahr 510 vor Christus ein Heer der benachbarten Athleten-Siedlung Kroton die Zitadelle des Wohllebens attackierte.

bliesen die Angreifer auf Pfeifen: Die Kavallerie der Verteidiger begann hilflos Hohe Schule zu reiten; Sybaris wurde erobert und, der Legende nach. durch Umleitung eines Flusses überschwemmt.

Tatsächlich entdeckten nun die italienischen und amerikanischen Archäologen, nach achtjähriger Suche, die Reste des verschwundenen Sybaris zwischen zwei alten Flußläufen. Wie die Leiter der Ausgrabungskampagne -- Dr. Froelich G. Rainey, Direktor des Museums der Universität von Pennsylvania in Philadelphia, und Professor Giuseppe Foti, Chefkonservator der süditalienischen Landschaft Kalabrien -- jüngst berichteten, hatte erst ein hochempfindliches Spürgerät Erfolg gebracht, das gleichsam die oberen Erdschichten röntgen kann: Ein sogenanntes Magnetometer, ursprünglich als Meßgerät für Weltraumsonden entwickelt, zeigte den Forschern jede Veränderung im irdischen Magnetfeld an, die durch begrabene Trümmer hervorgerufen wird.

Mit dieser modernen Wünschelrute. die bis zu sieben Meter Tiefe etwa Naturstein von gebranntem Ziegel unterscheiden kann, haben die Archäologen den Grundriß der Mauern, Gebäude und Säulen von Sybaris in einem Umkreis von zehn Kilometern lokalisiert. Versuchsbohrungen bestätigten, daß das Magnetometer sogar einzelne Scherben zuverlässig anzeigt.

Wegen des hoch im Boden stehenden Wassers konnten die Forscher jedoch bisher nur in sechs kleinen Gruben nach Funden schürfen. Bei einer größeren Testgrabung, die nun im Frühjahr unternommen werden soll, wollen die Wissenschaftler prüfen, oh ihre Hoffnung auf spektakuläre Ausbeute gerechtfertigt ist.

Dann erst wird entschieden, ob die gesamte versunkene Weltstadt, mit der sich selbst das antike Athen nicht vergleichen konnte, mit Millionenaufwand freigelegt werden kann. Vorsorglich haben die Archäologen hei der italienischen Regierung beantragt, das Areal von Sybaris für die Industrialisierung einstweilen zu sperren.

Zur Ausgabe
Artikel 40 / 67
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel