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KOBELL Pinsel am Feind

aus DER SPIEGEL 34/1966

Goethe lobte ihn für die »Reinheit des Colorits« und die »Nettigkeit des Pinsels«; der König von Bayern verlieh ihm eine Professur und den erblichen Adel; die Kunst-Akademien in Wien und Berlin ernannten ihn zum Ehrenmitglied. Dennoch war der Maler Wilhelm Kobell (1766 bis 1853) schon bei seinem Tod fast vergessen.

Neues Ansehen gewann er in Etappen: 1906 war der Jury der Berliner »Jahrhundertausstellung« der Maler Kobell so wichtig, daß sie 15 seiner Gemälde zu der großen Rückschau auf die deutsche Malerei des 19. Jahrhunderts zuließ. 1923 erschien die bisher einzige Kobell-Monographie - ein Buch des Münchner Kunsthistorikers Waldemar Lessing, das nun in einer neuen Ausgabe angeboten wird*.

Endgültig wiederentdeckt haben Forscher und Laien den königlichen Mal-Professor jedoch erst jetzt, im Jahr seines 200. Geburtstages. Zum erstenmal wird gegenwärtig in München - und vom 28. September an in Kobells Geburtsstadt Mannheim - ein Überblick über sein Werk präsentiert: 285 Ölgemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Radierungen - 74 Bilder mehr, als Lessing 1923 aufzählen konnte.

Doch auch die Gedächtnis-Schau im »Haus der Kunst« (Veranstalter: Bayerische Staatsgemäldesammlungen) bietet nur einen Teil des heute bekannten Kobell-Oeuvres. Die gesamte Produktion wird erst in einem Werkverzeichnis aufgezählt, an dem die Aussteller seit zwei Jahren arbeiten. Die Vorarbeiten haben mehr als 1700 bisher unbekannte Bilder Kobells an den Tag gebracht.

Der gewaltige Material-Andrang, vor zwei Jahren durch Inserate in Kunstzeitschriften ausgelöst, hält an; denn die Münchner Ausstellung veranlaßte wiederum Sammler, unbekannte Kobell -Bilder anzumelden.

Die Neuentdeckungen sind überwiegend zivile Porträts und Landschaftsstücke. Sie können indes den kriegerischen Ruhm nicht mindern, den sich Kobell zwischen 1806 und 1815 mit einer Reihe von Schlachtenbildern für seine bayrischen Landesherren erwarb.

Für solche Aufträge konnte sich Kobell, 1793 von Mannheim nach München übergesiedelt, nachdrücklich empfehlen - durch exakte Konterfeis der Krieger, die mit Napoleon nach Bayern gekommen waren. Kobell zeichnete und malte die Uniformen so genau, daß die Bayern leicht zwischen Freund und Feind unterscheiden lernten und daß seine Blätter, als kolorierte Radierungen an hoher Auflage verbreitet, auch als Vorlagen für Nürnberger Zinnsoldaten dienen konnten.

Den ersten Auftrag, eine komplette Schlacht in Öl zu malen, gab ihm dann der Bayern-König Max Joseph. Die Majestät bestellte sieben Darstellungen aus dem Feldzug von 1805, die er dem französischen Marschall Alexandre Berthier schenkte.

Zwei Jahre später wurde auch Kronprinz Ludwig Kobells Kunde. Der Königssohn wollte seine Heldentaten an der Seite Napoleons - gegen Preußen und Russen - in einem Gemäldezyklus verherrlicht sehen. Wunschgemäß stellte der Schlachtenmeister den kämpfenden Ludwig ("Nur das Große wirkt groß auf den Menschen") ganz groß dar. Format der Bilder: zwei mal drei Meter. Die fertigen Darstellungen, befahl der Prinz, seien sorgsam zu hüten, regelmäßig abzustauben und auf keinen Fall den »unästhetischen Pratzen der Zimmerputzer« auszusetzen.

Ludwig, um realistische Kriegs-Kunst besorgt, schickte den Maler auf das Schlachtfeld von Eggmühl, wo sechs Monate zuvor das französisch-bayrische Heer die Österreicher in die Flucht geschossen hatte.

Kobeil skizzierte die Landschaft, daheim in München schnitt er dann Pappkameraden aus und schob sie auf dem Entwurf so lange hin und her, bis sie für Schlacht und Bildkomposition gleichermaßen günstig standen.

Dramatische Schlachtenbilder kamen auf diese Weise nicht zustande: Die umrißscharfen Soldatengestalten Kobells stehen ruhig oder schreiten gemessen, der Kampfplatz gerät zur Idylle, gefochten wird im Hintergrund, Tote und Blessierte sind selten. Ein »Hauch von Friedensmanöver« (Lessing) liegt über Kobells Schlachtengemälden. Es sind Landschaften mit militärischer Staffage.

Landschaften gehörten bereits zu Wilhelm Kobells ersten Arbeiten, die er um 1786 als Schüler seines Vaters Ferdinand Kobell malte: Einige Ansichten aus der Gegend von Aschaffenburg, die bislang als Werk des Vaters galten, werden jetzt von Kunsthistorikern dem Sohn zugeschrieben. Mit diesen Ansichten ging Kobell eigene Wege. Anders als die barocken Niederländer, an denen er sich schulte, rahmte er die Landschaft nicht mehr durch seitliche Fels - oder Baumkulissen. Der Münchner Kobell-Forscher Siegfried Wichmann sieht daher in den Bildern den eigentlichen »Beginn der deutschen Landschaftsmalerei«.

Landschaften malte Kobell auch wieder, als er das königliche Schlachten -Soll erfüllt hatte und beim Bürgertum oder Landadel neue Auftraggeber fand. In diese Landschaften - immer bayrischer Boden - stellte der alternde Sonderling ein »hoch aufgeschossenes, kleinköpfiges Geschlecht«, mit dem er sich - so Wichmann - »ein eigenes, ihm verständliches Menschenvolk« fern der Wirklichkeit schuf.

Den Maler dieser spielzeugähnlichen Bayern-Typen hielten Zeitgenossen für ein minderes Talent. Heute jedoch wird Kobells planvolle Naivität bewundert. Die Gedächtnisausstellung hatte einen unerwarteten Andrang: Bislang kamen 23 000 Besucher ins Münchner »Haus der Kunst«.

* Waldemar Lessing: »Wilhelm von Kobell«. Verlag F. Bruckmann, München; 160 Seiten; 32 Mark.

Kobell-Bild Bayerische Chevaulegers, Dragoner und Artilleristen: Pappkameraden ...

Maler Kobell

... wurden hin- und hergeschoben

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