Zur Ausgabe
Artikel 61 / 89
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Literatur Pionier im Hudsonbabel

Nick Carter, 1884 in der »New York Weekly« geboren, war der erste serielle Groschenheft-Held. In diesem Frühjahr wird er per Faksimiledruck zu neuem Leben erweckt.
aus DER SPIEGEL 15/1972

Unser deutsches Volk scheint von einer Art Wahnsinns befallen. Wie unter dem Zwange eines unheimlichen Wahnes drängt sich die Menge nach jenen schreiend-bunt gezierten Heften«, deren »Sensationsmache, skrupellose Schwindelei und verblödende Sprache sich kaum noch überbieten läßt.«

So stand es 1907 in der Berliner Halbmonatsschrift »Ethische Kultur«, und beseelt von gleichem Ethos eiferte noch manch anderer Volkswart im Reich gegen die neue »Pest«. Denn eine gewaltige Sund-Flut von Groschenheft-Serien, in denen Wildwestheroen wie Kit Carson und Meisterdetektive wie Nat Pinkerton für billige Wonnen sorgten, war nach der Jahrhundertwende über den Atlantik gekommen.

Der damals berüchtigste aller Heftchen-Helden aber, verrufener noch als Sherlock Holmes, war Nick Carter, »Amerika's größter Detectiv« -- jetzt erweckt ihn die Hildesheimer Olms Presse, die sich seit zwei Jahren mit Reprints um die Bewahrung altehrwürdigen Trivialguts, etwa der Kolportageromane Karl Mays, verdient macht, per Faksimiledruck zu neuem Leben*.

Kein Zweifel: Nick Carter war ein Pionier, ein Avantgardist in mancher Hinsicht. 1884 hatte ihn der US-Journalist John Russell Coryell in der »New York Weekly« zur Welt gebracht; ab 1906 brachte ihn die Dresdner Verlagsbuchhandlung A. Eichler unters deutsche Volk und machte, mit Auflagen von 45 000 Zwanzig-Pfennig-Heften pro Woche, beste Geschäfte dabei -- schließlich waren das ja ganz neuartige Attraktionen, die sich da den lesenden Massen, den Schülern zumal, darboten:

Statt der endlosen, figurenreichen und in ihren vertrackten Handlungsknäueln kaum entwirrbaren Hundert-Heft-Romane à la Karl Mays »Waldröschen« erschien nun über den Straßen-, den Tabak- oder Papierwarenhändler erstmals ein Serienheld, der sich jede Woche in ein neues Abenteuer stürzte und es -- immer sieghaft -- innerhalb von 32 Seiten auch zum Abschluß brachte.

Und noch dazu bewegte sich dieser durchaus moderne Held auf seiner Jagd nach dem genialen Verbrecherkönig

* »Nick Carter. Amerika's größter Detectiv«. Olms Presse. Hildesheim; 25 Lieferungshefte in zwei Bänden; je 19,80 Mark.

Carruthers und dem »weiblichen Dämon« Inez Navarro durch eine literarisch bisher kaum erforschte Welt: Er, der Nachfolger des Wildwest-Scouts Buffalo Bill, ist der erste große Einzelgänger im Asphaltdschungel, im »ungeheuren Hudsonbabel« New York.

Tollkühn hetzt er über Häuserdächer, springt er über Straßenschluchten; er turnt an Blitzableitern, schnüffelt in Luftschächten und dürstet in unterirdischen Gängen; er kämpft auf rasenden Lokomotiven und überlebt manch eine Dynamit-Explosion.

Dabei hat er wenig gemein mit seinem eleganten, galanten französischen Zeitgenossen, dem »Gentleman-Einbrecher« Arsène Lupin (der gegenwärtig vom Züricher Diogenes-Verlag wiederbelebt wird); und schon gar nichts mit seinem kopflastigen englischen Kollegen Sherlock Holmes, der seit 1887 seinen Tätern auf der Spur war.

Nick Carter, so erläutern die französischen Krimi-Autoren Boileau und Narcejac in ihrer Studie über den »Detektivroman«, sei vielmehr »eine Art Supersheriff«, der »schneller darin ist, mit seinem Colt zu spielen, als seine »kleinen grauen Zellen' zu gebrauchen": Nick Carter »ist bereits das Heldenlied des einsamen Mannes in der Metropole aus Brettern und Beton«.

Einsame Wölfe wie die amerikanischen Großstadt-Detektive Dashiell Hammetts und Raymond Chandlers haben dieses desperate Heldenlied später wieder angestimmt -- ganz im Sinne Nick Carters, wenn auch mit mächtigerem Espressivo.

Und damit war die Wirkung des Groschenheft-Helden keineswegs erschöpft. Das serielle Konstruktionselement der Nick-Carter-Hefte, so instruiert im Olms-Vorwort der Marburger Soziologe Hans-Friedrich Foltin, hatte noch weiter reichende Folgen: »Es eroberte von Amerika aus nach 1900 nicht nur England, Frankreich und Deutschland (und über diese Zwischenstationen alle übrigen europäischen Länder), sondern neben dem literarischen auch andere Sektoren der Unterhaltungsindustrie: die Comicstrips, den Kriminalfilm, das Familien- und das Kriminalhörspiel und schließlich die Unterhaltungsproduktionen des Fernsehens.«

Mit anderen Worten: »Der Einzelgänger« und »Der Kommissar«, die Cannons und die Cartwrights, Mannix und Mini-Max, Simon Templar und Paul Temple, der Baron und Graf Yoster und der unvergeßliche Richard Kimble, besonders aber die einstigen Groschenheft-Helden John Kling und Percy Stuart -- sie alle stammen von Nick Carter ab.

Nick Carter ist daran schuld, wenn unser deutsches Volk sich wie unter dem Zwange eines unheimlichen Wahnes vor den Bildschirm drängt, um die Leute von der Shiloh Ranch zu sehen.

Nick Carter ist an allem schuld.

Zur Ausgabe
Artikel 61 / 89
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.