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»Plünderer sind in Lebensgefahr«

aus DER SPIEGEL 6/1947

Arthur Fischer, Hofmaler, Professor, Inhaber vieler Orden, Ehrentitel usw., ein Berliner Original, seit Jahrzehnten stadtbekannt, seit einigen Tagen 75 Jahre alt, beging jetzt ein Jubiläum eigener Art: er malte sein 10 000. Bild.

In der Linden-Passage gehörte Prof. Fischers Laden zu den immerhin bemerkenswerten Einrichtungen dieses überirdischen Großstadt-Tunnels. Es gab da ständig eine Gemäldeausstellung von männlichen und weiblichen Porträts. Ehrwürdige Herren mit feierlichen Bärten, festlich aufgeputzte Damen mit Rüschenkleidern und wogenden Busen starrten die Vorübergehenden und Stehenbleibenden an und die Gassenjungen, die sich an den großen Fensterscheiben die Nasen plattdrückten.

Die Gemälde wirkten wie große Buntphotos, und ihren Schöpfer nannte man den »Aehnlichkeitsspezialisten«. Er war nie das, was man einen großen Künstler nennt. Was er wie kaum ein anderer konnte, war naturgetreu Photographien kopieren. In Blitzesschnelle konnte er das.

Man brauchte nur ein Paßphoto abzugeben. Drei oder vier Tage später erhielt man ein Gemälde in jeder gewünschten Größe. Ein Kolossalgemälde, wenn es verlangt wurde. Aehnlichkeit garantiert.

Der junge Fischer verstand sich darauf, sich auf den Zeitgeschmack einzustellen. Um die Jahrhundertwende gehörte es zum guten Ton, von ihm gemalt zu werden. Fischer wurde »Hofmaler« des Kaisers.

Die Ehrungen häuften sich. Als der erste Weltkrieg zu Ende war, besaß Arthur Fischer zwölf Hofmaler-Titel. Der Schah von Persien ernannte ihn dazu so gut wie der König von Bayern. In Rußland, Rumänien, Indien, in allen deutschen Ländern erntete er Titel und Orden.

Er hatte so viele Aufträge und bekam so viel Geld dafür, daß er stets 25 bis 30 Assistenten beschäftigte. Er reiste in der ganzen Welt umher und porträtierte auch »Teddy«, den USA-Präsidenten Theodore Roosevelt.

Die Nazis mochten ihn nicht. Sie nannten ihn »Schinkenmaler« und »Pinselritter« und schlossen seine bunte Ausstellung in der Passage. 1943 brannte dort ohnehin alles aus.

Immerhin, der alte Herr hat auch den zweiten Weltkrieg überstanden. Sein Heim in Rüdersdorf-Kalkberge blieb unversehrt. Auch die Regsamkeit des Greises. Er ist dabei, sein halb zerstörtes Atelier unter den Linden wieder auszubauen. Er hat wieder einen großen Kundenkreis.

Der Hofmaler a.D. malt nun Porträts von Lenin und Stalin, für Auftraggeber in Moskau und für Kasinos der Besatzungstruppen in Deutschland. Die Russen liefern Leinewand und Farben, und sie liefern Lebensmittel. Der alte Herr Fischer arbeitet überhaupt nur noch gegen Naturalien. Wenn einer durchaus mit Geld bezahlen will, müssen es schon mindestens 3000 RM sein.

Seit dem Zusammenbruch sind bereits wieder 52 Bilder entstanden. Sie stellen überwiegend Russen dar, auch ihre Familienmitglieder, sofern Photos vorgelegt werden. Auf diese Weise malte Fischer u.a. die Eltern von General Kotikow.

Er beschäftigt schon wieder eine Reihe Assistenten. Eine Empfangsdame öffnet den Besuchern die Tür. Eine russische Dolmetscherin steht bereit. Im Hinterhaus werden neue Atelierräume ausgebaut.

An der Eingangstür hängt ein Schild: »Warnung! Diese Arbeitsräume des Hofmalers Prof. Arthur Fischer stehen unter Schutz der russischen Kommandantur und sind mit automatischem Geheimsignal gegen Plünderer gesichert. Plünderer sind in Lebensgefahr!«

Ein Photo genügt - Hofmaler a.D. Fischer malt das ähnlichste Porträt danach

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