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GHETTO-KULTUR Poesie aus der Siedlung

Die Unterschichtskultur hat ihre TV-Programme, ihre Zeitungen, ihre Reisen. Vor allem hat sie Gangsta-Rapper, die sich in Berliner Straßenclans organisieren. Der neueste Star soll Massiv werden, ein ehemals krimineller Palästinenser. Von Philipp Oehmke
aus DER SPIEGEL 16/2007

Von dem Plan für sein neues Leben erzählte Wasiem Taha seinen Eltern zum ersten Mal vorletztes Jahr im Winter. Wasiem hatte, damals 22, seinen Vater Hani und seine Mutter Hiam ins Wohnzimmer bestellt, in dem die Familie damals zu viert lebte, die Eltern, Wasiem und seine Schwester Amani plus ein paar Katzen, eine Einzimmerwohnung in Pirmasens in der Pfalz.

Wasiem hatte sich genau überlegt, was er sagen wollte, und wie immer sprach er mit seinen Eltern Arabisch, er sagte: »Vater, Mutter, ich möchte, dass wir nach Berlin ziehen. Ich werde dort Gangsta-Rapper werden, ich werde Erfolg haben, reich werden und für euch alle sorgen können.«

Die Mutter schüttelte den Kopf. Dann fing der Vater an zu schreien. Ging denn mit diesem, seinem einzigen Sohn alles schief?

Die Familie Taha lebte seit über 25 Jahren in Pirmasens. Sie ist dort heimisch geworden, nachdem sie durch Zufall dort gelandet war, damals 1980, als sie wie viele Palästinenser aus dem Südlibanon fliehen musste. Der Vater hatte sich in Pirmasens einen Job erkämpft, von dem er nicht weiß, wie er auf Deutsch heißt, doch der damit zu tun hatte, Metallteile zu verzinken. Die Mutter hatte endlich ein bisschen Deutsch gelernt, es gab Freunde. Niemals würden sie dieses Leben aufgeben, nur weil der Sohn etwas von - wovon? - von Gangsta-Rap redete.

Ihr Sohn Wasiem ist in Deutschland geboren, er ist die zweite Generation, die anfällige, die radikalisierte, die im Wohlstandsrummel das Risiko nach unten eingeht: in fanatische Glaubenszirkel, in Halbweltgeschäfte, in die Idee vom schnellen Geld. Wasiem sollte alle Chancen haben, sagt die Mutter, doch in den letzten Jahren hatte er sich zu einem Koloss von 120 Kilo entwickelt, er hatte seinen Oberkörper mit Muskeltraining aufgepumpt, sich den Schädel rasiert und sich immer neue Zeichen und Bilder in die Haut tätowieren lassen, die die Eltern nicht verstanden. Wasiem hatte sein Geld damit verdient, Drogen zu verkaufen, und seine Freizeit damit verbracht, anderen die Köpfe einzuschlagen, er landete im Jugendarrest, später in Untersuchungshaft. Wasiem war gerade erst Anfang zwanzig, als das Jugendamt sagte, er habe schon keine Perspektive mehr in Deutschland.

Zu dieser Zeit, vor ein paar Jahren, begann Wasiem, immer wieder nach Berlin zu reisen. Manchmal blieb er zwei Wochen, andere Male monatelang. Er habe dort Freunde gefunden, berichtete er den Eltern, Araber wie sie. Sie hätten ihm geholfen, in Berlin Fuß zu fassen, und ihn beschützt. Außerdem hat er dort angefangen, kleine Geschichten aus seinem Leben aufzuschreiben, über Messerstechereien, über Kokainhandel, Freunde im Gefängnis und über »Nutten«. Diese Geschichten hat er über HipHop-Beats gerappt und aufgenommen.

Und jetzt, sagte Wasiem an jenem Tag vor anderthalb Jahren im Wohnzimmer in Pirmasens zu seinen Eltern, lasse sich in Berlin für jemanden wie ihn als Gangsta-Rapper Geld machen, viel Geld.

Manager in Berlin sahen in ihm den Star, der er immer sein wollte, und waren entschlossen, in ihn zu investieren - rund 250 000 Euro, viel Geld für einen Unbekannten.

Doch deutscher Rap mit haarsträubenden Texten - für die von der Krise geschüttelte deutsche Musikindustrie ist das ein Geschäft der Zukunft.

In den USA gibt es Gangsta-Rap schon seit fast zwanzig Jahren, Stimmen aus den Ghettos von New York oder Los Angeles, die den Realitäten eines Landes geschuldet sind, das weitgehend auf soziale Sicherungssysteme verzichtet. Bald erreichten diese Stimmen auch die Kinder der Mittelschicht, die die gerappten Räubergeschichten aus den fernen Ghettos mit der gleichen Lust konsumierten wie etwa einen Mafiafilm.

Heute gehört Gangsta-Rap in den USA zu den lukrativsten Geschäftsfeldern einer gebeutelten Plattenindustrie. Er wird von wohlsituierten Familienvätern in den Chefetagen der Unterhaltungskonzerne verlegt, die in Krisenzeiten keine Rücksicht mehr nehmen können auf den moralischen Gehalt dessen, was sie ihren Kindern anbieten.

In Deutschland gab es das alles lange nicht. Deutscher HipHop kam von smarten Abiturienten aus der Provinz, in den Texten ging es um Mädchen und um Liebe, um Spaß und manchmal sogar um Politik.

Doch Deutschland hat sich in den letzten Jahren verändert. Da war der Schüler Robert Steinhäuser, der am Erfurter Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen erschoss. Da waren die Hilferufe der Lehrer an der Neuköllner Rütli-Schule. Dann vermeldete das Statistische Bundesamt, dass über zehn Millionen Menschen in Deutschland, das sind 13 Prozent, entweder arm oder von Armut bedroht seien. Als arm gelten in Deutschland Menschen, die über weniger als 571 Euro im Monat verfügen.

Die Deutschen sahen sich plötzlich einem »abgehängten Prekariat« gegenüber, wie es die Friedrich-Ebert-Stiftung in einer Studie nannte: Es bezeichnet Menschen, die den Anschluss verloren haben, schon sozial ausgeschlossen sind - immerhin acht Prozent der in Deutschland lebenden Menschen. Sie richten sich in einer eigenen, hermetischen Welt ein, Reiseveranstalter bieten schon Hartz-IV-Reisen an, und der Milieuforscher Carsten Ascheberg identifiziert eine »hedonistische Unterschicht« als »eine mörderische Zielgruppe": Sie sei konsumbegeistert und von Werbung leicht zu überzeugen - und bleibt unter sich. Das Land blickt auf mehrere Millionen Menschen, die der deutschen Mittelschichtsdemokratie abhandengekommen sind - jede Menge Publikum für Typen wie Wasiem.

Inzwischen reden Sozialforscher wie zum Beispiel vom Heidelberger Institut Sinus Sociovision von einer »modernen« Unterschicht, die sich, so das Fazit der neuesten Untersuchung, von der traditionellen Unterschicht unter anderem durch ein trotziges »Underdog-Bewusstsein« und durch eine »besorgniserregend große Gewaltakzeptanz« unterscheidet.

Das Berliner Landeskriminalamt (LKA) kann Straßen in Neukölln, Kreuzberg oder Schöneberg benennen, die für die Polizei kaum noch kontrollierbar sind - die Rapper bestätigen dies. In einem Gemeinschaftssong einiger Berliner Untergrund-Rapper heißt es:

Kreuzberg, Neukölln, Schöneberg, Wedding, Tempelhof, Moabit, MV, H-Town!

Kommt vorbei, probiert Berlin bei Nacht aus

Schwule Touris, ihr seid zu mies

Geht in die falsche Ecke

seht, wie euer Blut fließt.

Aus genau diesen von ihnen besungenen Gegenden meldete sich im Jahr 2004 das Plattenlabel Aggro Berlin und präsentierte Sido, einen Rapper, der stets mit einer Chrommaske vor dem Gesicht auftrat und es mit schauderhaften Texten plötzlich in die Charts schaffte: In seinen Hits »Mein Block« und »Straßenjunge« schickte Sido Bulletins aus einer Realität im Märkischen Viertel, die für die meisten Hörer schockierend war. In dieses Terrain wollte sich Wasiem, der Junge aus Pirmasens, nun also wagen. Er bat an jenem Nachmittag in Pirmasens seine Eltern, ihm zu vertrauen und mit ihm nach Berlin zu kommen. Wasiem sagt, er glaube an wenig, doch an eines ganz sicher: an Gott und an seine Familie.

»Ich kann nicht ohne euch gehen«, sagte er damals zu seinen Eltern. Und zum Zeichen seiner Verbundenheit ließ Wasiem sich seine und die Initialen der Eltern auf den Oberarm tätowieren. HTWA steht da nun und - riesig über die Brust geschrieben - die Heimat der Eltern: Palästina.

Anderthalb Jahre später, im März 2007, öffnet Wasiem in Berlin die Tür, eine Zweizimmerwohnung in einem Wohnsilo im Wedding, vierter Stock von 15, im Treppenhaus riecht es nach Müllfäule, ein alter Kühlschrank gähnt einen an, die Wände sind mit Filzstiften bekrakelt.

»Hier wohnen nur Ausländer«, sagt Wasiem, »und von zehn Menschen sind zehn arbeitslos, das ist hier normal.« Aber

das genau ist das zentrale Milieu: Der Wedding ist eine repräsentative Adresse für einen kommenden Gangsta-Rapper, der Ausländeranteil liegt bei über 32 Prozent.

Ein halbes Jahr hat es gedauert, dann haben seine Eltern eingewilligt, seit fast einem Jahr sind sie nun in Berlin; der Vater hat seinen Job in Pirmasens aufgegeben, die Mutter die Freunde. Und Wasiem hat ein paar neue Tätowierungen: »Blut gegen Blut« ist auf dem linken Unterarm in großen Schnörkeln zu lesen, es ist der Titel seines ersten Albums. Und auf dem rechten Unterarm steht: »Wenn der Mond in mein Ghetto kracht«, so wird Wasiems erste Single heißen. Wasiem ist jetzt Gangsta-Rapper, und er heißt auch nicht mehr Wasiem. Er heißt jetzt: Massiv.

Massiv ist nun die größte deutsche Hoffnung des Musikkonzerns Sony BMG. Der ist sich sicher, dass Massiv die Investitionen einspielen wird, eine Viertelmillion Euro. Da macht es überhaupt nichts, dass Wasiem erst seit kurzer Zeit Musik macht. Da macht es noch nicht mal etwas, dass Wasiem vor lauter Drogengeschäften und Messerstechereien eigentlich nie die Zeit hatte, sich für Musik zu interessieren.

Was einzig zählt, sind Wasiems Biografie und sein brutales Aussehen - das, glaubt die Plattenfirma, werde schon ausreichen, um aus ihm den deutschen 50 Cent zu machen, also die deutsche Version jenes ehemaligen Drogendealers aus New York, der in seinen Texten mit seinen insgesamt neun Schusswunden prahlt und damit weltweit mehr als 20 Millionen Platten verkauft hat und somit zu einem der größten zeitgenössischen Popstars des Planeten wurde.

Deutschland war durchaus reif. Der Unterhaltungskonzern Universal hatte von Aggro Berlin bereits den Deutschtunesier Bushido übernommen, warf seine Marketingmaschine an und kreierte mit viel Mut und Geschick den ersten richtigen Gangsta-Rap-Star.

Innerhalb von kürzester Zeit wurde Bushido mit vier Goldenen Schallplatten ausgezeichnet, und von seinem aktuellen Album konnte Universal mehr als 150 000 Exemplare verkaufen - es steht somit kurz vor der Auszeichnung mit Platin.

Spätestens seit diesen Erfolgen wollen die drei anderen großen Unterhaltungskonzerne, Warner, EMI und Sony BMG, unbedingt auch einen deutschen Gangsta-Rapper.

An dieser Stelle kommt Guido Schulz ins Spiel. Schulz ist Talentsucher für den BMG-Musikverlag, kann aber auch anderen Plattenfirmen seine Entdeckungen anbieten. Er macht das schon seit über zwanzig Jahren, seine Haare werden ihm ein bisschen grau, doch er trägt sie noch immer bis auf die Schultern. In der Branche sagt man, Schulz liege selten falsch, er hat den Ruf eines etwas Verrückten, nicht aber den eines Schwätzers.

Jetzt sitzt Schulz in einem Frühstückscafé in Berlin-Mitte, jener Gegend von Berlin, über die Wasiem neulich auf der Durchfahrt feststellte: »Hier sehen ja alle Menschen gleich aus.«

Schulz sagt, er sei erstaunt gewesen, wie einfach es am Ende war, Wasiem alias Massiv aufzuspüren und zu verpflichten. »Jeder kannte ihn in der Szene.« Als Wasiem letztes Jahr nach Berlin kam, hatte er auf einem kleinen Label ein Album herausgebracht. 2000 Stück wurden davon gepresst, die waren in ein paar Wochen ausverkauft, und zu seinen Auftritten kamen damals schon tausend Leute.

»Ich war eigentlich überrascht«, sagt Schulz, »dass der noch zu haben war.« Als Schulz Ende letzten Jahres Wasiem der Sony BMG anbot, griff diese sofort zu.

Vor dem Wohnsilo im Wedding steht im Halteverbot ein metallicblauer Mercedes, schwer und nagelneu. Den hat Wasiem bis auf weiteres gemietet, 1500 Euro kostet ihn das im Monat, Wasiem hat schon einen Vorschuss bekommen. Jeden Tag fährt er nun mit stolzer Brust in diesem Mercedes nach Kreuzberg in das Aufnahmestudio des Produzenten DJ Desue, den die Sony BMG für ihn engagiert hat. Desue ist einer der angesehensten und teuersten Produzenten für Rap-Musik in Deutschland, man will kein Risiko eingehen.

Denn das Rap-Geschäft ist riskant. Der Konkurrent Warner zum Beispiel ist bereits gescheitert mit seinem Ausflug ins Gangsta-Land. Warner ist überhastet einen Deal mit den Weddinger Gangsta-Rappern des Labels Shok Muzik eingegangen, die sich vor allem Aufmerksamkeit dadurch versprachen, dass sie die anderen Berliner Rapper, Sido und Bushido, aber auch Massiv, in ihren Texten bedrohten und beschimpften. Bushido sagt, er habe diese in den Liedern ausgesprochenen Beleidigungen »privat geregelt«, was immer das heißt. Fest steht, dass das Album des Shockers D Irie sich nur äußerst schleppend verkaufte - der sonst so erfolgreiche Berliner Gangsta-Rap hatte seine erste große Pleite.

Man ist also gewarnt bei Sony BMG, es darf kein Fehler gemacht werden. DJ Desue und ein, zwei andere Gastproduzenten schreiben für Wasiem die Musik, alles, was er noch braucht, sind seine Texte und so viel Rhythmusgefühl, sie über die Musik zu sprechen. Das klappt erstaunlich gut. Wasiem steht in der Gesangskabine des Studios, er ist konzentriert, seine Stimme rau, aber er hält den Rhythmus. Wasiem hat sich eine schwere goldene Kette um den Hals gehängt, er hebt seine mächtigen Arme hoch zum Mikrofon, Arme so breit wie anderer Leute Beine, all seine Vorstrafen fänden darauf Platz und auch die seiner Freunde. Und was er nun zu der

Musik singt, ist genau, was Sony BMG sich gewünscht hat:

Ich bin ein Kanake, der vom Messerstechen Narben hat.

Wasiems Texte sind härter als das, was Bushido singt, sie sind pathetisch, humorlos und manchmal kitschig. Aber vor allem, sagt Sony BMG, seien sie authentischer als die von Bushido, der in der Szene längst als Kinder- und »Bravo«-Star gilt.

Das Leben ist wie Einzelhaft, ich ziehe die Knarre erst, wenn der Mond in mein Ghetto kracht.

Das wird der erste Hit, Wasiem ist sich sicher, Guido Schulz auch, Sony BMG hofft.

Nur ein paar Straßen weiter, auch in Kreuzberg, liegt die Zentrale von Aggro Berlin, das Epizentrum des Berliner Gangsta-Rap. Hier trifft man einen Mann, der sich Specter nennt und seinen Klarnamen nicht in der Zeitung lesen möchte. Specter ist einer der drei Chefs von Aggro Berlin, der Architekt der Karriere von Sido, der Entdecker von Bushido und Ziehvater der weniger berühmten Künstler des Labels wie zum Beispiel B-Tight.

Den hat Specter heute hierherbestellt, sein neues Album »Neger Neger« ist fast fertig, nun müssen noch Fotos gemacht werden. Dafür hat Specter zwei Stripperinnen kommen lassen, sie sollen sich mit ihren schönheitschirurgisch vergrößerten Brüsten neben B-Tight legen, er soll sich an sie schmiegen und dabei eine Maschinenpistole in der Hand halten. »Klar, Alter, kein Problem, mach ich«, sagt B-Tight, schließlich gehe es für ihn beim Rappen darum, »zu zeigen, was man hat«, und das sind in seinem Fall schöne Frauen, genug Dope, Mittel, sich zur Wehr zu setzen, und ein funktionstüchtiges Geschlechtsteil.

Specter, der Labelchef, ist in Paris und Washington groß geworden, seine Eltern waren Aufsteiger, doch Specter sagt, er fühlte sich früh abgestoßen von ihrer gesellschaftlichen Welt, ihn zog es auf die Straße in ein, wie er sagt, »authentisches Leben«.

Specter redet und denkt schnell, er springt durch die Räume, als hätte ihn jemand an einem Rädchen auf dem Rücken aufgezogen. Jetzt sagt er: »Wenn du von ganz unten kommst, aus der untersten Unterschicht, wenn du im letzten Loch gelebt hast, bei keinem Scheiß-Amt gemeldet warst, noch nicht mal eine Krankenversicherung hattest - ist es dann nicht in Ordnung, dass man stolz ist auf das bisschen, was man erreicht hat - auch wenn barbusige Frauen dazugehören?«

Für die Mittelschicht sei die Musik von Aggro Berlin wie ein Besuch im Zoo, sagt Specter, mit ihr könne man eine Kultur miterleben, die für einen Moment die gesellschaftliche Pyramide umdrehe. »Die Straße steht dann ganz oben«, sagt Specter, »die Unterschicht. Die Mittelschicht und die Oberschicht schauen in dem Moment, in dem sie unsere Musik hören, zu uns herauf.«

Das hat es tatsächlich bisher in Deutschland nicht gegeben: eine Unterschichtskultur, die sich selbstbewusst als solche artikuliert und die eigenen Merkmale ästhetisch überhöht. Das bestätigt der Milieuforscher Carsten Ascheberg, er sagt: »Die konsum-materialistische Unterschicht, die wir bisher in unseren Untersuchungen angetroffen haben, würde sich selbst nie als Unterschicht beschreiben. Im Gegenteil, ihr Verhalten war immer darauf ausgerichtet, den Anschluss an die Restgesellschaft zu finden.«

Man schere sich nicht um den Anschluss, verkündet B-Tight. Und Wasiem sagt, er sei stolz, die »Schattenseiten Deutschlands zu repräsentieren«.

Wasiems Rapper-Biografie hatte bloß einen Haken: Er ist nicht aus Berlin. Er hat hier keine Revierrechte. Das ist wie im Tierreich.

Doch Wasiem hatte vorgesorgt. Noch von Pirmasens aus hatte er für dieses Problem eine Lösung organisiert.

Und diese Lösung wartet an diesem Nachmittag in einem arabischen Schnellimbiss auf der Sonnenallee in Neukölln, wo Wasiem seinen Miet-Mercedes nun hinsteuert. Er ist stolz auf diese Lösung und will sie vorstellen. Sie heißt Kubilay, Aschraf und Haider. Wasiem nennt sie »mein Rücken«.

Den Abschnitt der Sonnenallee, auf dem der Schnellimbiss liegt, nennen Kubilay, Aschraf und Haider »Gaza-Streifen«, weil er voll ist mit arabischen Wasserpfeifen-Cafés und -Restaurants. Es ist einer der ersten warmen Tage des Frühlings, auf den Straßen blubbern die BMW, die Auspuffrohre dick, die Reifen breit, die meisten sind alte Cabrio-Modelle, darin arabische Männer. Sie tragen Sonnenbrillen. Es dröhnt die Musik.

Kubilay ist Kurde, Haider ist Türke und Aschraf kurdischer Libanese, aber das ist nicht so wichtig, zusammen gehören sie zu einer arabischen Großfamilie. So bezeichnet das Landeskriminalamt Berlin die arabisch geführten Gruppen, die weite Teile der Berliner Rotlicht-, Drogen- und Nachtlebenszene kontrollieren. Haider und Aschraf haben früher zusammen Raubüberfälle verübt, sie saßen dafür im Gefängnis, Haider sechs, Aschraf nur drei Jahre.

»Das sind meine Brüder«, sagt Wasiem und stellt einen nach dem anderen vor. Die Brüder sind höflich, sie sprechen zuvorkommend, und bald beginnt Aschraf von seiner Jugend in Neukölln zu erzählen, von der Rütli-Schule, wo er mit zwölf im Unterricht rauchen konnte, von all den anderen Schulen, von denen er geflogen ist, und davon, dass er von vornherein keine Chancen in Deutschland hatte. »Mein Leben ist versaut«, sagt Aschraf, er habe keine Perspektive mehr in Deutschland. Er hat eine Duldung, darf aber Berlin nicht verlassen.

Vor ein paar Monaten, im Januar, hat wieder jemand auf ihn geschossen, mitten auf der Straße, hier in Neukölln. Doch die Waffe hatte Ladehemmungen, keiner der Schüsse hat ihn getroffen.

Aschraf sagt, er weiß weder, wer geschossen habe, noch warum geschossen wurde. Und spätestens jetzt wird klar, die Welt des Gangsta-Rap hat auch viel mit misslungener Integration zu tun: Außer Sido sind fast alle der Berliner Gangsta-Rapper fremder Abstammung. Das typisch gerollte R, die harten Konsonanten, so klingt Deutsch im Gangsta-Rap.

Axel Bédé ist Chef des Dezernats für Organisierte Kriminalität beim Landeskriminalamt in Berlin. Er kennt Wasiems sogenannten

Bruder Aschraf, beim LKA existiert eine ganze Akte über ihn. Bédé nennt jemanden wie Aschraf nicht »Bruder«, sondern Gewalttäter, er gehört zu einem der mächtigsten Clans. Warum auf Aschraf geschossen wurde, darüber hat Bédé auch keine, wie er sagt, gesicherten Erkenntnisse, allerdings hat er, um das herauszufinden, am Tag nach den Schüssen 350 Beamte in Gang gesetzt und in Lokalen und Cafés der Araberszene Razzien durchführen lassen. Ergebnislos zwar, allerdings vermutet Bédé hinter den Schüssen einen Streit zwischen Aschrafs Clan und ausgerechnet jener Araberfamilie, die enge Verbindungen zu dem Rapper Bushido unterhält.

Das Geschäft der Straße wird mit Mitteln der Straße geführt. Zwischen Massiv und Bushido etwa bahnt sich nicht nur eine künstlerische Rivalität an, es besteht bereits jetzt eine Rivalität der Schutztruppen im Hintergrund.

Um ebendiesen Schutz geht es an diesem Nachmittag im Neuköllner Schnellimbiss. Man dürfe das bitte nicht mit Schutzgeld verwechseln, sagt Aschraf. Man sei doch befreundet. Natürlich passe man auf Wasiem ein bisschen auf. Und wenn sich Wasiem außerhalb seines Terrains bewegt, ist immer einer von Aschrafs Jungs mit dabei.

Bei der letzten »Echo«-Verleihung trafen Wasiem und Bushido aufeinander. Beide eskortiert von ihren Clans. Es ging ausgesprochen friedlich ab, und doch ist die Veranstaltung in den Akten des LKA verzeichnet, als ein besonderes Vorkommnis.

Man fragt sich, ob dem Unterhaltungskonzern Sony BMG in seiner Zentrale im fernen München klar ist, was er sich mit seinem Glücksgriff Massiv alles mit eingekauft hat.

Am Abend, als Massiv nach Hause kommt, hat sein Vater auf ihn gewartet. Er hat keine Arbeit mehr seit dem Umzug der Familie nach Berlin, doch jeden Morgen steht er um sechs Uhr auf, denn jeden Morgen ist irgendwo in Berlin ein Markt. Der Vater fährt dorthin und hilft, die Stände aufzubauen. »Du kriegst kein Geld dafür«, sagt Wasiem zu ihm, »warum machst du das?« Der Vater zuckt dann mit den Schultern, irgendetwas müsse er doch tun.

In solchen Momenten bekommt Wasiem manchmal ein schlechtes Gewissen. Und was, wenn das doch alles nicht klappt mit dem Gangsta-Rap-Startum?

Er ruft dann schnell seinen Agenten an. Ob alles klar sei mit dem Vertrag, fragt er. Auf der anderen Seite wird etwas geantwortet, Massiv sagt immer wieder »Hammer« und »auf jeden«, dann wieder »Hammer«. Kein Grund zur Beunruhigung.

An diesem Abend hat der Vater seinen Sohn gefragt, ob er ihn vielleicht mit seinem Mercedes in die Beusselstraße fahren könne. Was er denn da wolle, hat Wasiem zurückgefragt. Eine libanesische Eisdiele sei da, sagte der Vater. Die suchten eine Aushilfe.

Wasiem hat kurz überlegt. Dann hat er den Kopf geschüttelt und dabei mit der Zunge geschnalzt. Warum begreift der Vater es nicht? Es wäre ja noch schöner, wenn der Vater eines Gangsta-Rap-Stars in der Eisdiele arbeiten würde.

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