Margarete Stokowski

Politiker und Flüchtlingsleid Eine Attrappe von Empathie

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Deutsche Politiker beschreiben die Brandbilder aus Moria hoch emotional als "erschütternd", "furchtbar" oder "grauenvoll". Das reale Elend und Leid der Flüchtlinge scheint sie jedoch kaltzulassen.
Nach dem Feuer: Migrantin in einem Zelt im neuen, provisorischen Lager in Moria auf Lesbos

Nach dem Feuer: Migrantin in einem Zelt im neuen, provisorischen Lager in Moria auf Lesbos

Foto: Elias Marcou / REUTERS

Wenn man es geschafft hätte, aus den Nachrichten nichts über das Lager in Moria zu erfahren, und dann die Twitter-App geöffnet hätte, als die Unterkünfte von über 13.000 Menschen in Flammen standen, und man dann versucht hätte, aus den Tweets von Politikern und Politikerinnen etwas zu erfahren, dann hätte man denken können, an einem Ort namens Moria sei eine Kunstausstellung mit Fotos eröffnet worden, so viel war von den "Bildern aus Moria" die Rede. 

"Die Bilder aus Moria sind furchtbar", schrieb Norbert Röttgen (CDU) . Es gebe jetzt "keine Ausreden mehr". Röttgen ist Mitglied der Bundestagsfraktion einer Regierungspartei. Als der Bundestag im März darüber abstimmte, ob Deutschland 5000 schutzbedürftige Menschen aus den Lagern von den griechischen Inseln aufnehmen solle, stimmte er dagegen .

"Die Bilder aus Moria sind grauenvoll", schrieb Lars Klingbeil (SPD) . "Alle Verantwortlichen in Bund und Ländern sind jetzt in der Pflicht." Klingbeil ist Mitglied der Bundestagsfraktion einer Regierungspartei. Als der Bundestag im März darüber abstimmte, ob Deutschland 5000 schutzbedürftige Menschen aus den Lagern von den griechischen Inseln aufnehmen solle, stimmte er dagegen.

"Die Bilder aus Moria sind erschütternd", schrieb Saskia Esken (SPD) , "und sie sind eine Schande für Europa." Die Bundesregierung müsse "jetzt den Weg frei machen für die Aufnahme in den Kommunen. Esken ist Mitglied der Bundestagsfraktion einer Regierungspartei. Als der Bundestag im März darüber abstimmte, ob Deutschland 5000 schutzbedürftige Menschen aus den Lagern von den griechischen Inseln aufnehmen solle, stimmte sie dagegen.

"Die Bilder aus Moria sind erschütternd", schrieb auch Christian Lindner (FDP) . Er ist - den Göttern sei Dank - nicht Mitglied einer Regierungspartei, aber im März, als der Bundestag... Sie wissen schon: Da stimmte er dagegen. Sein Parteikollege Stephan Thomae stimmte damals ebenfalls gegen die Aufnahme der Geflüchteten. Er twitterte zur Katastrophe in Moria : "Die schrecklichen Bilder aus Moria machen schnelle Hilfe notwendig." Und da wären wir beim Kern des Problems angelangt.

"Diese Bilder appellieren an uns alle in Europa, schnell Hilfe zu leisten", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert zum Brand in Moria . Diese Bilder, nun ja. Faktisch appellieren sehr viele Menschen seit sehr langer Zeit an Europa, Hilfe zu leisten und das Lager in Moria zu evakuieren. Es gab dort schon früher Brände, es gab Gewalt und Suizide, es gab einen Corona-Ausbruch. Es gab und gibt dort Menschen, die in unwürdigen Zuständen leben. Es gab davon auch vorher schon Bilder, aber die waren... vielleicht nicht dramatisch genug?

Man mag es für Zufall halten, dass so viele politisch Verantwortliche in ihren Statements zum Brand in Moria von den "Bildern" sprachen. Man kann aber auch das Gefühl bekommen, dass ihr Interesse für die Menschen in dem Lager exakt in dem Moment kurz erwachte, als die Katastrophe unübersehbar wurde.

Die Statements lesen sich dann aber auch nicht so, als sei jetzt das große Umdenken angebrochen. Sie lesen sich, als habe es in Moria aus heiterem Himmel ein ärgerliches PR-Desaster für die EU gegeben. Als sei es nicht die absehbare Folge einer Politik gewesen, die Menschen an den Grenzen Europas im absoluten Elend ausharren lässt.

"Die Bilder aus Moria lassen niemanden kalt", schrieb der österreichische Kanzler Sebastian Kurz , nur um direkt anzufügen, "es kann aber auch nicht sein, dass wir zulassen, dass sich 2015 wiederholt." Sprich: Leute, falls ihr wegen der Brandfotos aus dem Lager in euch so was wie Mitleid oder Empathie spürt, dann ist das verständlich, aber wir müssen solche Gefühle jetzt ignorieren.

Nur zum Vergleich: Als im April 2019 Notre-Dame brannte, twitterte Norbert Röttgen (auf Französisch) : "Heute steht Europa an der Seite von Paris. Wir denken an euch!" Und Christian Lindner schrieb : "An alle Franzosen: Wir weinen mit Euch!" Sebastian Kurz schrieb: "Wir hoffen, dass kein Mensch verletzt ist. Unsere Gedanken sind in Paris." Irre ich mich, oder waren da mehr Gefühle im Spiel, als eine Kirche brannte, als jetzt, wo über 13.000 Menschen fast alles verloren haben?

Es ist sicherlich schlimm, dass Notre-Dame gebrannt hat, aber am schlimmsten daran ist, dass man seitdem eine Ahnung davon hat, wie viele Emotionen Politiker entwickeln können, wenn es irgendwo brennt. "Wir weinen mit euch!" - Wäre es denkbar gewesen, dass ein Politiker das zum Brand in Moria twittert? Muss man Moria in Notre-Dame-Form wiederaufbauen, damit ein paar mehr Politikern das Herz bricht, wenn es dort das nächste Mal brennt?

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Susan Sontag schrieb 2004 : "Seit Langem - seit mindestens sechs Jahrzehnten - legen vor allem Fotos fest, wie wichtige Konflikte beurteilt werden und wie man sich ihrer erinnert." In dem Text ("Das Foltern anderer betrachten") fragt sie, ob die Menschen in den USA sich an die Bilder von gefolterten Gefängnisinsassen gewöhnen werden.

Haben sich die Menschen in Europa daran gewöhnt, immer wieder neue Bilder von Elend und Tod an den Grenzen Europas zu sehen? Oder helfen diese Bilder, bei denen es dann immer heißt, es müsse "jetzt" und "endlich" etwas "passieren", nur den politisch Verantwortlichen dabei, eine Attrappe von Empathie zu erhalten - eine Attrappe, die von der Tatsache ablenken soll, dass die Asylpolitik, die diese Zustände geschaffen hat, Katastrophen wie die in Moria bewusst in Kauf nimmt?

Solange von den Tausenden, die dort jetzt vor dem Nichts stehen, nur ein Bruchteil aufgenommen wird und solange diese Zahl dann auch noch als Erfolg für irgendetwas gehandelt wird, so lange muss man davon ausgehen, dass die "erschütternden" Bilder nichts erschüttert haben, sondern höchstens nerven.

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