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MUSIKTHEATER Politischer Sumpf

In Bielefeld wurde George Antheils Oper »Transatlantik« von 1930 wieder aufgeführt. *
aus DER SPIEGEL 5/1987

Tenöre und Bässe raunen von hohen Parteispenden. Leo, der schmuddelige Funktionär, gesteht molto adagio seinen privaten Griff in die Parteikasse. Korruption wird staccato gesungen, und zur Bestechung tanzt man Tango.

Ajax, der machtgierige Millionär, verteilt seine Schmiergelder zu den schönsten Kantilenen. Die Schranzen in den Vorzimmern kuppeln zur Blasmusik, und unter den Seufzern des vollen Orchesters schieben sich die Knie der halbseidenen Sopranistin Gladys zwischen die politischen Kräfte

Hoch oben über dem Sumpf der Parteien, gleich unter dem Bühnenportal, verbreitet eine rote Laufschrift Parolen und Schlagzeilen: »Der Wahlkampf spitzt sich zu«, und »Die moralische Wende« stehe bevor.

Na endlich! Nun hat der politische Alltag auch das Opernhaus erfaßt, der Filz der schwarzen Kassen, der Dunkelmänner und Geheimabsprachen seine philharmonische Würdigung gefunden: Letzten Samstag, einige Stunden vor dem Anpfiff zum Endspiel Kohl gegen Rau, machten die Bühnen der Stadt Bielefeld aus Affären und Skandalen prall-aktuelles Musiktheater.

Doch Sang und Klang von Schiebung und Stimmenkauf wurden nicht wegen Flick & Co. angestimmt; kein Watergate war vom Libretto gemeint. Denn der Dreiakter »Transatlantik«, in dem der amerikanische Komponist und Librettist George Antheil (1900 bis 1959) den Verfall der politischen Sitten besingt, ist bloß eine ordinäre Vision - fast 60 Jahre alt, 1930 vom Frankfurter Opernhaus uraufgeführt und seitdem in der Ablage des Musikbetriebs verstaubt.

»Schon die Grundidee«, urteilte seinerzeit die Fachzeitschrift »Melos« nach der Premiere der Polit-Revue, sei »wenig glücklich«, »eine Präsidentenwahl« wohl kaum »als eine Art Kuhhandel zwischen Dollarschiebern und Liebeswütigen darzustellen«.

Mittlerweile, wo Klüngel und Schiebung in den politischen Schaltzentralen die Phantasie eines Operndichters weit übertreffen, glaubt der Bielefelder »Transatlantik«-Regisseur John Dew, 42, auf Interpretationshilfen weitgehend verzichten zu können: »Das Publikum weiß heute, was gemeint ist.«

In der gut zweistündigen Revue (brillante Bühnenbilder: Gottfried Pilz) wechseln die Szenen wie in einem hektisch geschnittenen Film: von der Reling des Ozeandampfers »Transatlantik« in futuristisch möblierte Gemächer und protzig ausgestattete Parteibüros, vom Lift, wo der Präsidentschaftskandidat Hektor seine baritonalen Liebesschwüre von sich gibt, in die Badewanne, wo Gladys lasziv ins Telephon girrt.

Im dritten Akt, der in weit über 20 zum Teil simultane Szenen gesplittet ist, marschiert die Heilsarmee auf, ein Revueboy trällert tänzelnd seine Moritaten, ein verhinderter Selbstmörder fällt mit dem Gipsbein aus dem Krankenbett, Hektor sieht in einem als Schwarzweißfilm gezeigten Alptraum seine angebetete Helena zehn Jahre später als Nutte, Ajax, der ölschwere Oberschieber, wird wegen Anstiftung zum Mord verhaftet, das Wahlvolk demonstriert, von widersprüchlichen Versprechungen verwirrt, mal für, mal gegen denselben Programmpunkt, und zum Happy-End wird Hochzeit gefeiert und ein Sonnenaufgang besungen - der Himmelskörper aus Dollarnoten.

Verpackt ist der ganze quirlige Tingeltangel aus der Neuen Welt in eine Beziehungskiste, wie sie die Oper nun mal über alles liebt. Denn Hektor, den der stinkreiche Ajax als den ihm genehmen Präsidentschaftskandidaten ausersehen hat, verliebt sich in die schöne Helena, die ihn eigentlich nur um den kleinen Finger wickeln und so ins Weiße Haus locken sollte. Nun aber sind sie über alle kurzzeitigen Enttäuschungen hinweg, einander verfallen, bis daß der Tod sie scheidet, und Antheil muß schon mehrfach Kobolz schlagen, um seine Love Story bis zur schließlichen Paarung abendfüllend zu längen. Was den Inhalt betrifft: eine Räuberpistole.

Musikalisch indes ist die Polit-Kolportage glänzend gemacht. So rasch wie die Szenen wechseln die Stile, die Musik wird ein-, aus- und überblendet, als sei Oper so fix und flexibel wie Kino. Eine Arie, die eben noch wie dezent imitierter Puccini schmelzt, kippt unversehens in stampfende Rhythmen um; wo es gerade noch jazzig fetzt, schwelgt im nächsten Moment ein sämiger Klangkörper. Manchmal überlappen sich schräge

Rhythmen und wohliger Belkanto, oder die Musik lahmt wie in Zeitlupe dahin und stirbt schließlich ab wie ein Grammophon, das den Geist aufgibt.

Als selbsternannter »Pianist-Futurist«, der in den USA bei Ernest Bloch Komposition gelernt hatte, war der Schuhhändlerssohn aus New Jersey Anfang der 20er Jahre in Europa aufgetaucht und schon bald der Bürgerschreck in Abonnementskonzerten und der Darling intellektueller Sympathisanten.

Standen seine »Sonata Sauvage« oder die »Airplane Sonata« auf dem Programm, wuchtete er Oktaven und Ackorde wie ein Preßlufthammer in die Tastatur. Die meisten seiner Auftritte endeten - oft vorzeitig - in Skandalen und handfesten Schlägereien.

Als bei einem Budapester Recital die Krakeeler überhandnahmen, ließ er die Saaltüren abschließen und legte die Pistole, die er stets bei sich trug, demonstrativ auf den Steinway. Den meisten Wind machte sein ursprünglich als Begleitmusik zu einem Film des Malers Fernand Leger konzipiertes Stück »Ballet mecanique«, dessen Pariser Premiere mit acht Klavieren, riesiger Schlagzeug-Batterie und einem Flugzeugpropeller in einem Tumult endete: Fans und Gegner prügelten sich, die Polizei besetzte die Hauseingänge.

Mit einem Schlag war es Antheil nun leid, seine Musik nur den Maschinen abzulauschen und sie stumpfsinnig wie die Kolben eines Motors von sich zu geben. Als Freund von Hemingway, James Joyce und Ezra Pound kehrte er nach Amerika zurück, komponierte für Hollywood, schrieb einen Krimi, Kommentare gegen die Nazis und eine vierte Symphonie über das Kriegsjahr »1942«. Er gab Zeitschriftenlesern Tips für ihr Liebesleben und die rechte Formung der weiblichen Brüste, erfand zusammen mit der Filmschauspielerin Hedy Lamarr einen funkgesteuerten Torpedo und ernannte sich in seiner Autobiographie kokett zum »bad boy« der Tonkunst.

Doch so provokant sich der spleenige Yankee in seinen wilden Jahren auch aufführte - sein ehrgeizigstes Stück, der bizarre Cocktail namens »Transatlantik«, ist allemal ein kurzweiliger Rechenschaftsbericht über die letzte große Umbruchphase der Musik.

Mehr als ein halbes Jahrhundert nach der Uraufführung taucht »Transatlantik« nun gleich zweimal aus der Versenkung auf. Am Freitag will auch das Ulmer Theater das Stück vom Stapel lassen, allerdings eher im Taschenformat.

Statt ausgewachsenem Orchester werden nur vier Musiker aufspielen, der Chor kommt vom Band, das Ballett bescheidet sich mit zehn Beinen, und Bühnenbilder gibt es überhaupt nicht: Das Schurkenstück wird Kammerspiel.

Mag sein, daß die Oper auch im Pocket-Format noch ihre Reize hat. Den bunteren Abend bietet Bielefeld.

Klaus Umbach

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