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FOLK SONG Pop statt Pap

aus DER SPIEGEL 16/1966

Das Singen vaterländischer Lieder«, so klagte der Bundespräsident unlängst, »wird von der jungen Generation vielfach als veraltet und überholt angesehen.« Doch Heinrich Lübke klagte die deutsche Jugend zu Unrecht an. Lange bevor der Präsident das geringe Interesse am völkischen Liedgut bemängelte, hatten Primaner und Jungarbeiter, Studenten und Handwerker in der Bundesrepublik nationale Gesänge angestimmt; freilich nicht so national, wie Lübke sie sich wohl wünschte.

Denn es sind aggressive Strophen gegen Bürgertugend und Bundeswehrdrill, gegen Standesdunkel und Wohlstandsideologie, gegen Gewerkschaftspathos und Pastorenparolen. In Hamburg beispielsweise protestiert ein Karlheinz Freynik III.:

Ich bin ein Deutscher,

und ich bin nicht sehr stolz,

wenn ich mich in der Welt beweg.

Man ist ewig ein Fremder,

einige sind noch behender,

und schmeißen einen gleich wieder raus.

Man erinnert sich, schimpft

und zieht mich am Haar, denn ich bin aus Germania.

Auch ich bin ein Deutscher,

ruft ein Pastor voll Zorn,

und halt sein Gebetbuch versteckt.

Eure Bibel konnt ihr verteuern,

wir warten auf eure höheren Steuern

und wolln mehr politische Macht.

Im Namen Christi pariern,

tun als warn nur sie da,

und auch sie sind aus Germania.

Freyniks Deutschlandlied und ähnlich aggressive Songs seiner Sangesbrüder erschallen in Deutschland in Universitätsaulen, Konzertsälen, Teestuben und Hinterhöfen - und mittlerweile auf einem Dutzend Langspielplatten. Das berühmteste deutsche Protest-Ensemble, die Hamburger City -Preachers, sind sogar bei drei konkurrierenden Firmen unter Vertrag.

Fern der Wandervogel-Romantik und ohne jenes Liedertafel-Tremolo, das den jungen Deutschen jahrzehntelang den Zugang zum Volkslied verstellte, mucken die 17 Stadtprediger in wechselnder

Besetzung zu Buzukilärm, Mundharmonika- und Gitarrenklang gegen den sozialen Rechtsstaat auf. Mit ihnen singen:

- in Frankfurt die Soziologiestudenten Christopher Sommerkorn, 21, und Michael de la Fontaine, 20, »mit missionarischem Heilsarmee-Eifer gegen soziale Mißstände, gegen Unterdrükkung, gegen Rassenhaß« ("Frankfurter Allgemeine Zeitung");

- in Düsseldorf der Graphiker und Ostermarschierer Dieter Süverkrüp, 31 (SPIEGEL 1-2/1966), von »Parlamentalität«, »Humanitäteräh, Kompromißmut und Korrumpelstilzchen«;

- in Saarbrücken der Jurist Franz Josef Degenhardt, 34 (SPIEGEL 9/ 1966), gegen Ehrgeiz, Gott und Verdienstkreuz am Band;

- in Berlin sang der letzte Woche verstorbene Bariton Peter Rohland, 32, vorwiegend Vaganten- und Revolutionslieder in Vagabunden-Rotwelsch.

Das neudeutsche Volkslied und der aufrührerische Gesang der germanischen

Folklore-Meuterer ist indes, wie auch eine ähnliche musikalische Opposition in Großbritannien, Frankreich, Spanien und der Sowjet-Union, lediglich Ausläufer einer überwältigenden Volksmusik -Renaissance in Amerika. Sie umfaßt irische Aufstandslieder, Country Blues und französische Liebesballaden ebensogut wie Appalachen-Jodler und aktuelle Protestsongs.

Die Protestsongs sind der bedeutendste Beitrag der mächtig schwellenden Folk -Song-Woge. Sie wollen nicht wie beim Schlager durch einen eingängigen Refrain, sondern mit Balladen-Versen überzeugen. Mit Gedankenlyrik, die meist überkommenen Volksmelodien angepaßt wird, lehnen sie sich gegen Rassendiskriminierung, gegen die Atombombe und den Vietnamkrieg auf. Vorgetragen werden die Widerstandslieder hauptsächlich zu eindringlichem Schlagzeugrhythmus, zu schrillem Mundharmonika- und Gitarrenklang. Die Gitarre - die »New York Times« ermittelte sechs Millionen klampfespielende Amerikaner - ist, wie die Züricher »Weltwoche« schrieb, zum politischen Instrument geworden.

Und seit die Gitarre den Protestgesang auch im Rock'n'Roll-Rhythmus begleitet, können sich Amerikas Folkloristen an der Spitze der Bestseller-Listen placieren. Über ein Jahr lang schon verzeichnen die amerikanischen Hitparaden ständig sechs bis acht Titel des berühmtesten Musik-Protestanten, Bob Dylan. Eine Langspielplatte des Volksmusik -Trios Peter, Paul und Mary, das selbst im fernen Sydney den Besucherrekord einer Beatle-Veranstaltung brach, erreichte gar die nur von »My Fair Lady« überrundete Auflage von zwei Millionen Exemplaren.

Die musikalische Gesellschaftskritik, die Zündkraft und ideologische Wirksamkeit der französischen Revolutionshymnen aufnimmt, wurde erstmals um 1960 bei den Bürgerrechts-Demonstrationen in den amerikanischen Südstaaten in Massen laut. Farbige und Weiße, die für die Gleichberechtigung der 20 Millionen amerikanischen Neger auf Straßen und Barrikaden gingen, attakkierten Gendarmen und Gefängnisaufseher mit rebellischen Stegreiftexten, die sie zu traditionellen Methodisten -Hymnen und Sklavenliedern sangen. Die Weise »We Shall Overcome« ("Wir werden's schaffen"), die von geduldiger Überwindung der Rassenschranken kündet und früher von Kirchgängern, Tabakarbeitern und Gewerkschaftlern gesungen wurde, gilt heute als Erkennungsmelodie der Civil-Rights-Bewegung. Inzwischen, so eine Schlagzeile der »New York Times«, »schwemmten die Freiheitslieder nach Norden«.

Vor allem die akademische Jugend der Großstädte engagierte sich für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Längst lehnten sich die Studenten nicht mehr ausschließlich gegen den Rassendünkel auf, sie formulieren ihr allgemeines Unbehagen an der Gesellschaft. »Die heutige Jugend, zermürbt von der Amoral der Gegenwart«, schrieb »Time«, »hat sich wieder der Einfachheit und Festigkeit der Pionierzeit zugewandt.«

Angesichts der Vietnam-Eskalation ihres Präsidenten Johnson attackierten die Protestsänger das sinnlose Sterben auf Reisfeldern, die Atomstrategie und die Teilnahmslosigkeit ihrer Landsleute. »Die größten Verbrecher«, sagt der Stimmführer der Bewegung, Bob Dylan, 24, »sind immer noch diejenigen, die sich abwenden und das Unrecht nicht sehen wollen, obwohl sie wissen, daß es Unrecht ist.«

Der zottelköpfige Dylan ("New York Times": »Eine Kreuzung zwischen einem Chorknaben und einem Beatnik"), der sich seine Kordsamthosen täglich von einem Kammerdiener zerknautschen läßt und aus Publicitygründen Menüreste auf den Hemdkragen schmiert, begleitet seinen harschen Sinksang auf Mundharmonika und Gitarre. Honorar -Star Dylan, der nicht mehr unter einer Abendgage von 50 000 Mark auf die Bühne geht, hat nicht die Stimme eines Erweckungspredigers, er winselt vielmehr wie ein Muezzin. Seine oft unverständlichen, selbstgedrechselten Verse, gelegentlich Pubertäts-Poesie, schienen der sonst literarisch anspruchsvollen »New York Times« so kunstvoll daß sie den Reimer Dylan zum Erben Faulkners und Hemingways verklärte.

Die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« hielt den Vergleich mit den großen Amerikanern für zu gering. Sie sieht in Dylan »einen amerikanischen Homer und den jungen Beethoven in einer Gestalt«. Homer oder Hemingway - eine Umfrage an den amerikanischen Universitäten ergab, daß Bob Dylan nach dem erstplacierten John Fitzgerald Kennedy als »markanteste Persönlichkeit unserer Epoche« gilt.

Doch der Intellektuellen-Troubadour hält nichts von derlei Unsterblichkeit. Dylan: »Ich will nicht Bach, Mozart, Tolstoi, Gertrude Stein oder James Dean sein: Die sind alle tot. Die großen Bücher sind geschrieben, all die großen Worte sind gesagt. Ich will nur mit ein paar Bildern skizzieren, was hier manchmal los ist.«

In der Flut der Protestlyrik - ein Ernie Marrs, Autor des Liedes »Birmingham Bull«, schrieb in fünf Jahren rund 3000 Texte - sind Dylans Skizzen vom radioaktiven Regen, von den Slums in Spanish Harlem und vom Mörder in Uniform die wirkungsvollsten. Seine Agitprop-Dichtung, in die er Kunstwendungen der modernen Gedankenlyrik und Sprachklischees der Pseudopoesie der dreißiger Jahre (Maxwell Anderson, Clifford Odets) verwebt, fand auf sieben Langspielplatten Platz.

Die Katalogisierung seiner Werke macht er sich leicht. Dylan: »Was ich singen kann, ist ein Song. Was ich nicht singen kann, nenne ich Gedicht. Was zu lang ist für ein Gedicht, ist ein Roman.« Alle Verlegerversuche, die nicht singbaren Poeme und Novellen zu edieren, schlugen bisher fehl. Denn Dylan gibt nichts auf gedruckte Literatur. »Nur durch Schallplatten und Rundfunk«, sagt der Folk-Song-Struwwelpeter, »nicht aber durch Bücher oder Theater, können heutzutage Gedanken an die Masse gebracht werden.«

Seit Ende letzten Jahres nahmen 48 verschiedene Popsänger Dylan-Moritaten auf Schallplatten. Beim Musikverleger Joe Mass in Los Angeles waren Dylan-Partituren in sechs Monaten fünfmal vergriffen. Das bestverkaufte Dylan -Opus: »Blowin' in the Wind«. Das typischste: »With God on our Side":

Und das Land, in dem ich also lebe,

hat Gott auf seiner Seite.

O, das steht in allen Geschichtsbüchern.

Die Reiter luden die Gewehre, und die

Indianer fielen ...

Denn die Toten zählen nicht,

wenn man Gott auf seiner Seite hat.

Und als dann der Zweite Weltkrieg

zu Ende ging, da vergaben wir den

Deutschen und wurden gute Freunde

mit Ihnen...

Obwohl sie sechs Millionen gemordet und

in Öfen verheizt haben,

haben sie jetzt auch Gott auf ihrer Seite

Die von Dylan in letzter Zeit bevorzugten spirituellen Themen waren zunächst seine Sache nicht. Mit fünfzehn, am Beginn seiner Karriere als Songschreiber und -interpret, beschäftigten ihn irdische und handliche Objekte: In seiner ersten Ballade rühmte er Lippen und Busen von Brigitte Bardot. Damals hieß der 1941 in der Grubenstadt Duluth an der kanadischen Grenze geborene College-Student noch Robert Zimmerman. Seinen Namen änderte er nach der Lektüre des von ihm hochverehrten walisischen Lyrikers und Whiskytrinkers Dylan Thomas.

Eine ihm »angeborene Unrast« (Dylan) trieb ihn vom College und aus dem Elternhaus Bevor er volljährig wurde, griff ihn die Polizei siebenmal als Tramp auf - das erstemal im Alter von zehn. Auf seinen Hitchhike-Touren lernte er CoUntry Blues und Landstreicherballaden kennen. Den von ihm lange gesuchten Folk-Song-Pionier Woodrow Wilson ("Woody") Guthrie, 54, der zwei Jahrzehnte vor Dylan auf den Highways hin und her getrampt war und als legendärer Urvater der modernen Folk Singer gilt, sah er im King's Country Hospital in Brooklyn dem Tod entgegendämmern.

Nach der Krankenvisite widmete der Besucher dem Siechen rührende Verse: »1000 Meilen weit bin ich hergekommen, dich zu treffen«, sang er. »Die Wege bin ich gegangen mit Volkssängern, Bauern, Prinzen' und Königen; ich werde dir ein Lied von der neuen Welt singen, die da kommt. Sie sieht müde aus und zerschunden ...

In der müden und zerschundenen Welt des New Yorker Künstlerviertels Greenwich-Village (Dylan: »Greenrich Village") wurde der fahrende Scholar seßhaft und begann in Guthrie-Manier zu singen und zu sagen. Heute, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, kann er im eigenen Turboprop-Privatflugzeug zu seinen Konzerten einschweben - so auch zu einem Deutschland-Gastspiel, das er für den Herbst dieses Jahres plant.

Mit sicherem Instinkt für erfolgversprechende Publicity wählte der smarte Dylan die bereits arrivierte »Muse des Folk Song« ("Time") Joan Baez, 25, zunächst zur Sangesschwester, dann auch zur Gespielin. Die dunkelhäutige Tochter aus guter Familie, die jedes Make up verschmäht und meistens auf einem Hausboot an der kalifornischen Küste mit fünf Katzen, fünf Hunden und einem Psychiater zusammenlebt, singt, »mit einem Sopran, so klar wie Herbstluft« ("Time"), hauptsächlich Lieder aus dem 19. Jahrhundert. Neuerdings läßt sie sich auch von Bob Dylan Songs schreiben.

Wie eine Jungfrau von Orleans marschierte sie im März 1965 an der Spitze einer Bürgerrechts-Rallye von Selma nach Montgomery (Alabama). In Paris und London, in Tokio und San Francisco hielt sie pazifistische Ansprachen. In New York klebte sie Plakate gegen die Atomrüstung; im Ruhrgebiet nahm sie in - diesem Jahr am Ostermarsch der Atombombengegner teil.

Im Stil der guten alten Star-Exzentrik fuhr sie schließlich in einem Leichenwagen mit, den goldenen Insignien »JB« zum Newport Folk Festival, wo auch die Protestsong-Manager Charlie Green und Brian Stone ihr 70 000 -Mark-Auto geparkt hatten.

Die Mammutzusammenkunft der Folkniks aus ganz Amerika im Millionärbadeort Newport auf Rhode Island im Juli 1965 war entscheidend für den neuen Zweig des Folk Songs: das kommerzielle Protestlied, das Bob Dylan als »Folk Rock« schon vor den Festspielen kreiert hatte. Nachdem Dylan beim Newport-Festival (74 000 Eintrittskarten wurden verkauft) seine Protestbotschaft zu harten Rock'n'Roll-Rhythmen intoniert hatte, wurde er von den Folk -Puristen ausgebuht und abgeschrieben. Weinend verließ Dylan die Festspielwiese.

Doch der Bankauszug, den Dylan, nach New York heimgekehrt, vorfand, ließ ihn wieder lächeln. Sein »Folk Rock« hatte mittlerweile weltweites Echo gefunden. Die neuesten Dylan -Platten verkauften sich, wie der Londoner Korrespondent der Show-Zeitschrift »Variety« meldete, »besser als jede andere Spezies populärer Musik«. Der amerikanische Musik-Kolumnist Herrn Schoenfeld, der die Ära der Primitivschlager von Brenda Lee und Elvis Presley dahinschwinden sah, jubelte: »Endlich Pop statt Pap!«

Dylans Gesangs- und Gesinnungsgenossen von gestern, vor allem Pete Seeger, der um 1940 mit seinen Liederabenden, den sogenannten Hootenannies, dem amerikanischen Folk Song einen neuen Impuls gegeben, hatte, mochten die kommerzielle Wendung zum schlagerhaft geschonten Volkslied nicht mitmachen. Seeger: »Das klingt doch alles nicht echt.«

Echt oder nicht - die neueren Dylan -Hits und der marktgängig verpackte Protest des Dylan-Adepten und ehemaligen Rohrlegers Barry McGuire sind »so gewaltig« ("Variety"), daß sie die amerikanische Nation spalteten.

McGuires Weltuntergangslied »Eve of Destruction«, dessen Text zur Resignation angesichts der unaufhaltsamen Atomisierung auffordert, löste wütende Gegen-Proteste aus. Obwohl das Mc-Guire-Lied wochenlang an der Spitze des amerikanischen Schlagerumsatzes lag, weigerten sich Rundfunk- und Fernsehsender in allen Teilen der USA, es zu spielen. Stationen, die es ausstrahlten, ließen dem linken Song eine rechte Weise folgen. Eine Gesangsgruppe namens »The Spokesmen« setzte dem »Abend der Zerstörung« einen »Morgen der Berichtigung« entgegen: »Dawn of Correction«

Verschreckte Gouverneure in den Südstaaten versuchten die Protestwelle mit Mitteln zu stoppen, die schon in der McCarthy-Ära erfolgreich erprobt worden waren: Sie verhängten Auftrittsverbote. So dürfen Peter, Paul und Mary in Alabama nicht mehr musizieren. Und eine Fernsehsendung Pete Seegers in Atlanta (Georgia) wurde wegen der ultralinken Vergangenheit des Barden abgesetzt.

Auch einige Hochschulverwaltungen hören die politischen Lieder nicht gern. An mehreren US-Universitäten untersagten die Prorektoren den anarchistischen Gesang auf dem Campusgelände. Als den Studenten der Universität von Kalifornien in Berkeley Repressalien angedroht wurden, stürmten 3000 Jungakademiker ihre Alma mater und besetzten die Hörsäle. Sie griffen in die Gitarrensaiten, ließen Dylan-Melodien erschallen und sahen alte Chaplinfilme. In einem Physiksaal wurde, als die Nacht hereinbrach, für die Demonstranten ein kleiner Imbiß bereitet.

400 vom Kalifornien-Gouverneur Pat Brown alarmierten Polizisten gelang es schließlich, die Studenten zu vertreiben; sie mußten jeden Aufrührer einzeln aus dem Gebäude schleifen. Erst nach 13 Stunden war die Aktion beendet. Als dann der Oberrebell Mario Savio, 21, wieder aus der Polizeihaft entlassen wurde, versammelte er 27 500 Berkeley -Studenten um sich und versprach: »Wenn die Polizei sich hier noch mal sehen läßt, werden wir diese Universität stilllegen.«

Dergleichen akademische Massenaktionen sind in Deutschland vorläufig nicht zu befürchten. In Hamburg, Frankfurt und Berlin waren studentische Protestsong-Veranstaltungen schwach besucht. Denn deutsche Kommilitonen, um schnelle bürgerliche Karriere besorgt, lassen sich meist ungern zum Demonstrieren verführen. Nur die Ostermarschierer, an ihrer Spitze die farbige Fasia Jansen, 35, und der militante Pazifist Dieter Süverkrüp, 31, putschten mit dein neuen Lied auf.

An diese Protestsong-Bewegung hängten sich nun auch die deutschen Schlagersänger. Die Musical-Sängerin Heidi Brühl und der Heimweh-Bariton Freddy Quinn beispielsweise boten im Fernsehen und bieten auf Schallplatten einen ursprünglich amerikanischen Pro-Vietnamkampf-Song als protestierendes Antikriegslied dar - in deutsch-rührseliger Schnulzen-Intonation. Aus »The Ballad of the Green Barrets« war »Hundert Mann und ein Befehl« geworden. Kommentar eines US-Musikverlegers: »Selbst aus toten Soldaten machen die Deutschen noch Gartenzwerge.«

Um aus dem Folk Song eine wirkliche Volksbewegung zu machen, rief der Süddeutsche Rundfunk unlängst junge Liederdichter und -interpreten dazu auf, »die Lieder anderer Nationen nicht nur einfach zu übernehmen oder zu übersetzen«, sondern dem eigenen Volk auf den Mund zu schauen. Durch einen Wettbewerb - ("Wir suchen Folk Songs mit Texten, die aussagestark sind") will der Sender diese Bemühungen fördern.

Der Erste Preis: eine Reise zum nächsten Folk Festival in Newport, USA.

Protestsänger Freynik, Partnerin

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