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Popmusik: Gossen-Prinz im Königs-Purpur

In seinen Shows führt er sich auf als Sex-Wüstling, seine Songs sind oft ein hemmungsloser verbaler Striptease, seine Musik ist eine aufregende Mixtur aus weißem Hardrock und schwarzem Funk und Soul - der 26jährige Prince wurde mit dem Kino- und Platten-Hit »Purple Rain« das neue Pop-Idol der amerikanischen Teenager. *
aus DER SPIEGEL 39/1984

Der schmale, kleine, dunkelhäutige Junge sieht eigentlich verboten aus: Die hautenge Hose steckt in Stiefeln mit stelzenhohen Hacken, aus einem purpurrot glänzenden Gehrock quillt ein weißes Spitzenjabot hervor, das ausdruckslos kühle Gesicht ist markiert durch einen lächerlichen Oberlippen-Flaumbart, kraus und wirr türmt sich auf dem Kopf das schwarze Haar.

Wie ein zu spät zur Welt gekommener Punk aus dem Rokoko fuhrwerkt er mit der E-Gitarre vor dem Leib herum. Die Saiten jaulen auf, als hätte Jimi Hendrix noch die Finger dran. Wie rasend wirft sich das Pop-Rumpelstilzchen auf den Bühnenboden, fängt ekstatisch an zu zucken, und die Hüften setzen an zur Schatten-Kopulation.

Extreme Klänge fahren dem Sänger aus der Kehle: Falsett-Akrobatik wie von einer Müll-Callas, flehentliches Winseln, schmieriger Balladen-Schmalz und ein trotziges Gekreische, als sollten ehrbare Pop-Schreihälse wie Little Richard und James Brown mit gezieltem Vokal-Exzeß ein für allemal erledigt werden.

Alles ist schrill, derb, obszön und neben dem sogenannten guten Geschmack, wenn Prince, der neue amerikanische Pop-Superstar, seine energischen Auftritte zelebriert. Mit seinem rüden Rebellen-Image liefert der 26jährige zur Zeit das Kontrast-Bild zum keuschen Pop-Engel Michael Jackson.

Auf dem Höhepunkt der Jackson-Verehrung platzte Prince ins Rampenlicht: Die Zeit schien reif, die Elterngeneration wieder einmal mit ein paar Becken-Schwüngen a la Elvis zu erschrecken.

Alles deutet darauf hin, daß nun die Stunde von Prince gekommen ist, und im Augenblick verbucht er gigantische Erfolge in den USA. Ein halbautobiographischer Spielfilm, Titel: »Purple Rain«, der das Showtalent in voller Bühnen-Aktion zeigt, ist der Kassenhit des Sommers. Der krude Film wurde mit einem niedrigen Sieben-Millionen-Dollar-Budget an Originalschauplätzen in Minneapolis, dem Geburts- und Wohnort von Prince, heruntergedreht und hat seit Anfang August 53 Millionen Dollar an den Kassen umgesetzt. In der Bundesrepublik läuft »Purple Rain« im November an.

Schon vor dem Film-Start hatte sich die Soundtrack-LP, Titel: »Purple Rain«, zu einem Millionen-Seller entwickelt. Sie verdrängte das jüngste Werk des weißen US-Rockidols Bruce Springsteen vom Platz eins der Hitliste und steht dort nun schon seit acht Wochen. Mehr als fünf Millionen Exemplare wurden inzwischen verkauft.

Zwar reicht auch diese hohe Auflage längst nicht an die 37 Millionen Exemplare von Michael Jacksons »Thriller«-Album heran, aber wie Jackson hat nun auch sein wilder Kron-Prince die Barriere überwunden, die schwarze Stars vom weißen Publikum fernhält. Diesen »Crossover«-Effekt schaffen Schwarze nur selten im US-Popbusiness, in dem, auf die sanfte Tour, die Rassentrennungs-Linie noch immer gilt.

Zum Prince-Durchbruch in den weißen Teenager-Markt hat vor allem beigetragen, daß Videoclips mit Songs aus »Purple Rain« mehrmals täglich im wirksamsten Werbemedium der Pop-Industrie, dem von Warner Communications und American Express betriebenen TV-Musikkanal »MTV«, ausgestrahlt wurden. Diese Ehre widerfährt schwarzen Künstlern sonst fast nie.

Nicht nur Millionen Prince-Fans, auch Kritiker sind von der »Purple Rain«-Musik sehr angetan. Dem Pop-Alchimisten ist die Verschmelzung von schwarzem Soul und Funk mit weißem Gitarren-Hardrock gelungen. Jenseits aller Klischees spielt er mit ausgefallenen Synthesizer-

und Streicher-Klangfarben und überraschenden rhythmischen Wendungen.

»Wenn die Hits dieses Sommers vergessen und die Jacksons- und Springsteen-Platten längst wieder weggepackt sind«, prophezeite die »New York Times«, »wird 'Purple Rain' als dauerhafter Rock-Klassiker im Gedächtnis und auf dem Plattenteller bleiben.«

Daß Prince Rogers Nelson, so sein ganzer Name, jetzt so erfolgreich auftrumpfen kann, hat er nicht dem bloßen Zufall und nur zum Teil der cleveren Marketing-Strategie des Platten- und Filmkonzerns Warner zu verdanken. Ganz wesentlich hängt dieser Erfolg zusammen mit seinen überdurchschnittlichen Talenten als Komponist, Produzent, Texter und als Erfinder synthetischer Klangfarben. Außerdem ist er ein virtuoser musikalischer Handwerker.

Schon als siebenjähriger Knabe fing Prince an, Klavier zu spielen. Mit Zwölf, so kolportierte die schwarze US-Musikzeitschrift »Right On!«, beherrschte das Wunderkind mehr als 20 Instrumente. Noch bevor er Zwanzig war, bekam er 1977 einen hochdotierten Schallplattenvertrag, der ihm fast völlige künstlerische Freiheit zusicherte.

Die nutzte er total. Seine erste LP, Titel: »For You«, spielte er im Alleingang ein. In ehrgeizig verbissener Studio-Tüftelei war er Plattenproduzent, Drummer, Bassist, Gitarrist, Keyboardspieler und Sänger in einer Person.

Daneben spürte er, sozusagen ein Pop-Fassbinder von Minneapolis, neue Talente in seiner Umgebung auf. Er half einer Reihe junger Gruppen und Show-Acts bei der Plattenproduktion und hievte sie auf die Startrampe zu eigenen Pop-Karrieren. Er protegierte »The Time«, »Vanity 6«, Sheila E. und seine »Purple Rain«-Filmpartnerin »Apollonia« Patricia Kotero, und in deren Musik ist deutlich die Prince-Handschrift zu spüren. Was aus der Musik-Großhandlung Prince & Co. kommt, wird inzwischen als Minneapolis-Sound identifiziert.

Früh hatte der scheu und zurückgezogen lebende Prince die Devise seines ersten Managers beherzigt, daß Skandale immer für verkaufsfördernde Publicity gut seien. Seit ein paar Jahren meidet er den Umgang mit der Presse und verweigert jede Auskunft über sein Privatleben. Das führte zu dem schönen PR-Effekt, daß seine Biographie geheimnisvoll unbekannt blieb und die Prince-Deuter gut zu tun hatten.

Vor allem das Sexualleben des androgynen Showstars ist, wie das von Michael Jackson und Boy George, Gegenstand schnüfflerischer Klatschspalten-Storys. Denn auf der Bühne gab sich Prince zunächst verrucht: Unterm geöffneten langen Mantel trug er meist nicht mehr als einen knappen Slip und schwarze Damenstrümpfe.

Dazu sang er Texte, in denen er sich wie ein Sex-Maniac aufführte. In seinen

Songs erzählte er von den Freuden des Inzests und lesbischer Liebe und propagierte den oralen Sex. Seine Shows gerieten zum hemmungslosen verbalen Striptease. Das brachte ihm die besondere Aufmerksamkeit der Medien und ein Rundfunk-Verbot für Songs seiner dritten LP »Dirty Mind«.

Auf den Sex-Trip war Prince, wie er 1981 in einem Interview erklärte, schon als Kind durch die Lektüre von Porno-Romanen gegangen, die seine Mutter vergeblich vor ihm versteckt hatte. »Die gefielen mir viel besser als Comics.«

Natürlich hatte Prince, ein gläubiger Christ, der seine Werke Gott zu widmen pflegt, mit dem Thema Sex Missionarisches im Sinn. »Ich verwende anstößige Texte, um uns alle von der Repression zu befreien, die unsere früheren Generationen kaputtgemacht hat«, behauptete er einmal. Die Alten seien so verklemmt, daß ihre »fehlgeleiteten Energien« in Form von »Massenmord« und »Atomkrieg« explodieren müßten.

Im Ton gemäßigt und fast immer ziemlich bekleidet, präsentiert sich Prince nun in seinem ersten Film, einem abendfüllend gestreckten Musikvideo mit einer durchgehenden Story. Da mimt er The Kid, eine aufstrebende Pop-Größe aus Minneapolis, die auf der lokalen Szene von der Nummer zwei an die Spitze aufrücken möchte.

Doch wie bei allen großen, zunächst in ihrer wahren Bedeutung nicht gewürdigten Künstlern pflastern dramatische Ereignisse auch Kids hürdenreichen Weg zum Ruhm. Sein Vater, ein erfolgloser Pianist, verprügelt im beengten Heim regelmäßig die hysterisch keifende Mutter. Dies soll sich auch im wirklichen Leben von Prince so abgespielt haben: Sein Vater war Jazzpianist und hat seine Frau, eine Sozialarbeiterin, verlassen, als Prince sieben Jahre alt war.

In »Purple Rain« zeigt sich Prince alias The Kid zunächst von seiner schlimmen Seite: Seine Freundin, die aufstrebende Sängerin Apollonia, behandelt der Macho aus Eifersucht wie ein Stück Dreck, Prügel inklusive. Seine Band, in der zwei Damen mitmischen, regiert er wie ein Tyrann. Und immer fährt er in Purpur-Kluft auf einem schweren Motorrad durch die Gegend.

Am Ende sind alle trüben Stimmungen wie weggefegt: Das Publikum kürt The Kid, der nun ein bißchen netter ist, zum Lokalmatador; er widmet dem Vater einen Song und gewährt generös seinen Musikerinnen die kreative Mitbeteiligung. Rotzigkeit und Rebellion werden zu den Akten gelegt.

Nach diesem kommerziell so erfolgreichen Kino-Einstand rief das Magazin »Newsweek« den Jungstar eilig zum »Neuen Prinzen von Hollywood« aus. »Purple Rain«-Drehbuchautor William Blinn beurteilt das Werk etwas nüchterner: »Der hat sein ganzes Geld für Psychoanalytiker gespart und es in den Film gesteckt.«

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