Zur Ausgabe
Artikel 82 / 117
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Film Porno fürs Gehirn

»Strange Days«. Spielfilm von Kathryn Bigelow. USA 1995.
aus DER SPIEGEL 6/1996

Die Idee muß jeden Filmemacher faszinieren: daß er irgendwann Bilder schaffen kann, die unmittelbar ins Gehirn, in die Nervenzellen, in die Blutbahn schießen. Bilder, die reinknallen wie wirkliche Erlebnisse, viel lebensnäher und intensiver, als ein Film je auf der Leinwand wirken kann.

Im Science-fiction-Thriller »Strange Days« wird mit Bildern dieser Art, Clips genannt, in Hinterzimmern schmieriger Bars gehandelt. Clips werden mit Hilfe einer Art von digitalem Haarnetz im Hirn eines Menschen mitgeschnitten und in dem eines anderen Menschen wieder abgespielt. Wer einen Clip anschaut, versetzt sich 30 Minuten lang in das Leben eines anderen. Er kann wilden Sex erleben, einen Laden ausnehmen, jemanden umbringen - und das alles, ohne auch nur seinen Sessel zu verlassen.

Es ist diese grandios simple Clip-Idee, die »Strange Days« (Drehbuch: James Cameron und Jay Cocks) zu mehr macht als nur einem weiteren apokalyptisch ambitionierten Zukunftspanorama auf den Spuren des »Blade Runner« oder des »Terminator«.

Clips sind die perfekte Metapher für den Entertainment-Wahn, der unsere Zivilisation befallen hat, einen Wahn, der nach immer extremeren Phantasie-Erlebnissen verlangt. Und »Strange Days« reizt diese Metapher aus in einer brandintelligenten Meditation darüber, was wir mit den Bildern und was die Bilder mit uns machen.

Der Held des Films handelt mit Clips und ist ihrer Wirkung zugleich selbst verfallen: ein halbseidener Clip-Junkie namens Lenny (Ralph Fiennes), der sich in den letzten Nächten vor der Jahrtausendwende wie ein gefallener Engel in jenem anarchischen Armageddon herumtreibt, das sich Los Angeles nennt, und der sich neuen Kunden gern geschmeidig als »Magic Man« anpreist. Seine Freundin Mace (Angela Bassett) allerdings findet, daß Lenny nichts anderes sei als ein mieser kleiner Gehirnporno-Lieferant. »Na und«, sagt Lenny dann, »echter Sex kann dich umbringen.«

In der dekadenten Neo-Noir-Welt von »Strange Days« kann einen aber auch schon der falsche Clip ins Grab bringen. Und Lenny werden gleich mehrere brisante Aufzeichnungen von sadistischen Gewalttaten zugesteckt. Diese Clips schicken ihn und Mace auf die Jagd durch eine Schattenwelt voller Paranoia, Rassenhaß, Gewalt und Korruption - bis das ungleiche Paar um Punkt Mitternacht, rechtzeitig zum Anbruch des neuen Jahrtausends, alle Gegner aus dem Weg geräumt hat.

»Strange Days«, gedreht von Kathryn Bigelow, 43, der einzigen Frau unter den amerikanischen Actionfilmern von Format, feiert das Potential der bewegten Bilder mit opernhaften Stadt-Tableaus und mit Clips, die alles aufbieten, um den Zuschauer zu bannen und mitzureißen, selbst das heftigste Entsetzen.

So einfach will es Bigelow den Zuschauern nicht machen, Clip-Konsumenten wie Lenny zu verdammen. Denn während sie Lenny beim Betrachten zuschauen, erleben sie selbst die Kraft des Spektakels, den Reiz dessen, was er sieht: als Voyeure in doppelter Hinsicht, gefangen in der Bilderfalle des Films.

Wenn es tatsächlich die Technik gäbe, um solche Clips herzustellen: Würde die Regisseurin sie nutzen? »Aber sicher«, sagt Kathryn Bigelow erstaunt, »Wissen ist Macht.« Y

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 82 / 117
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.