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FERNSEHEN Potenter Typ

»Die Verrohung des Franz Blum«. TV-Film von Reinhard Hauff. ARD, 26. März, 21 Uhr.
aus DER SPIEGEL 13/1974

Am 11. Mai 1965, 12.58 Uhr, überfiel der Jurastudent Burkhard Driest, damals 26, 10. Semester, drei Wochen vor dem Staatsexamen, mit ungeladenem Revolver die Sparkasse in Burgdorf. Beute: 5670 Mark. Erst jetzt zahlt die Tat sich aus.

Driest erhielt fünf Jahre Zuchthaus, drei Jahre und vier Monate mußte er absitzen. In dieser Zeit hat er »die Mechanismen der Anstalt« -- »vom Scheißhaus bis zum Oberinspektor« --

* Als Darsteller im TV-Film »Die Verrohung des Franz Blum

nicht nur durchlitten, sondern auch durchschaut, schließlich sogar bedient, hat Marcuse, Genet und Marx gelesen.

Als er »wegen guter Führung« vorzeitig entlassen wird, startet er zu einer fast drehbuchreifen Aufsteiger-Karriere. Er schleppt Säcke im Hamburger Hafen und bosselt an einem Italo-Western, kellnert, fährt Coca-Cola aus und verfaßt zwei Drehbücher, für die ihm ein US-Produzent 30 000 Mark zahlt.

Dann schreibt er sich seine Erfahrungen aus dem Zuchthaus Celle und dem Moorlager Lührsbockel von der Seele: »Die Verrohung des Franz Blum«. ein bissig verknapptes Protokoll vom deutschen Strafvollzug (und wie ihm beizukommen ist), »zu zwei Dritteln meine eigene Geschichte«, doch durch fremde Namen unkenntlich gemacht.

Die Verleger winken zunächst ab. Und doch: Der gestrauchelte Sohn aus gutem Hause (Vater: Diplom-Volkswirt, Mutter: Klavierlehrerin), ein Rechtsbrecher, firm sogar in Kirchenrecht, der resozialisierte Selfmade-Mann, dem mittlerweile auch die modischen Links-Wörter geläufig sind -- er ist, auch ohne die PR irgendeines Beierlein, das Wunschkind für jenen Kulturbetrieb, der Kunst im Knast, einen Schuß Caritas dazu, einträglich zu vermarkten versteht.

Rühmkorf und Walser loben den ungedruckten »Blum«. ZDF-»Aspekte« und WDR lichten Driest für den Bildschirm ab: pockennarbiges Gesicht, T-Shirt. Lederjacke, pralle Jeans mit Löchern an den Gesäßtaschen -- ein 1.93-Meter-Dressman der Subkultur, »der es mit allen treibt, heißt es, notfalls auch mit Goldfischen« ("Die Zeit").

Solche Anzüglichkeiten sind Driest nicht unlieb, sie päppeln das Image vom vielseitigen Draufganger. Nach einer Literaten-Party beim Verleger Unseld tritt er, sturztrunken, tiefe Beulen ins Auto des Gastgebers. So mag man ihn: den potenten Gewalt-Typ, der dichtet -- wie fürs Fernsehen geschaffen.

Nun steht er auf der TV-Rampe und hat sein »erstes Erfolgserlebnis": Am Dienstag sendet die ARD »Die Verrohung des Franz Blum«. Sein Werk. Er hat mit dem Regisseur Reinhard Hauff den inzwischen bei Rowohlt gedruckten »Bericht« zum -- weitgehend geänderten -- Drehbuch umgeschrieben, das Aufnahmeteam an den Drehorten (Zuchthaus Hamburg-Fuhlsbüttel, Lührsbockeler Moor) sachverständig beraten, als Häftling Kuul selbst vor der Kamera gestanden. Kuul ist Blums Gegenspieler. Soweit Blum Driest ist, fährt der Autor also in die Haut seines Widerparts.

Der Film beginnt mit der Einlieferung Blums ins Zuchthaus. Dort schlägt er sich zunächst auf die Seite der ärmsten Schweine, auch mit Fäusten. Er hält zu den Schwachen und auf Gerechtigkeit, man schneidet ihn, er wird so, mehr als durch die Einzelzelle, isoliert.

Erst allmählich lernt er, »wie man im Knast überleben kann": Er macht sich lieb Kind bei den Beamten. denunziert seine Zellennachbarn, prügelt sich zur Respektsperson hoch, reißt den zelleninternen Schwarzmarkt mit Schnaps und Tabak und den anstaltseigenen Sportverein an sich, geht schließlich sogar über eine Leiche, um die er dann scheinheilig trauert. Gemein und gewalttätig hat er Zucht in den Laden gebracht; der Haufen, zu dumpf, seine Ausbeuterei zu durchschauen, pariert, die dankbare Anstaltsleitung läßt ihn vorzeitig frei: »Wir hoffen, aus Ihnen ist ein anderer Mensch geworden. Machen Sie weiter so!« Eintritt in die Gesellschaft.

Resozialisierung, sagt Driest, »war für mich nie ein Thema« -- nun macht er eins draus: »Zumindest wollte ich zeigen, was hierzulande eigentlich darunter verstanden wird.«

Gewiß, gegen seine Recherchen am eigenen Leibe ist Widerspruch schwierig. Aber selbst authentisches Anschauungsmaterial blendet, wenn es zu glänzend verpackt wird. So schön sind im deutschen Fernsehen die Fressen noch nicht poliert worden. So photogen schwitzen Häftlinge nur vor der Kamera von Profis. Noch der geschmuggelte Tabak verqualmt hier ästhetisch im Gegenlicht. Farbenflut bei brennendem Schuppen, Glanzlichter auf der Glatze des Vollzugsbeamten -- soviel Perfektion macht Driests Debüt zum virtuosen Thriller, aber als Klageschrift oder auch nur als Bestandsaufnahme eines Insiders kaputt.

Mit wackelnder Handkamera, schwarzweiß, und unbeholfenen Aussagen Entlassener hat das Fernsehen früher den deutschen Strafvollzug überzeugender kritisiert. Der Pranger, an den Driest die Verhältnisse stellt, strahlt in full color: zu schön, um wahr zu wirken. Klaus Umbach

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