Zur Ausgabe
Artikel 87 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Esoterik Potsdamer Mysterium

Ein cleverer New-Age-Manager plant eine private »Friedensuniversität« - ein Fall von Hochstapelei?
aus DER SPIEGEL 5/1995

In seinem Dienstwagen erhielt Ignatz Bubis, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, einen überraschenden Anruf.

Ob er tatsächlich im kommenden September an einer Potsdamer »Sommeruniversität« dozieren werde, wurde er gefragt. Bubis verneinte verdutzt - es war ihm unbegreiflich, wie er auf die Dozentenliste der obskuren Akademie gekommen war.

Ähnlich erging es anderen Prominenten: Sachsens Innenminister Heinz Eggert, Regisseur Richard Attenborough ("Gandhi"), auch die Mode-Fabrikantin Britta Steilmann - sie alle waren auf wundersame Weise als Lehrkräfte an eine »Friedensuniversität Potsdam« berufen worden. Dorthin, wo über so hintergründige Themen wie »Die Geschichte der Zauberei« oder »Mysterien der Frauen« debattiert und in ernsten »Studiengängen die intuitiven und emotionalen Grundlagen des menschlichen Seins« ausgelotet werden sollen.

An »Menschen aus allen Bevölkerungsschichten« soll sich dieses Potsdamer Mysterium wenden. Interessenten werden schon heute aufgefordert, Kurse im September für 460 Mark pro Woche zu buchen. Die Anstalt selbst allerdings soll erst am 1. Oktober in der Berliner Deutschlandhalle ins akademische Leben treten.

Verbreitet werden die vollmundigen Verheißungen vom »Förderverein zur Gründung einer Friedensuniversität« (FGF). Mißtrauische Beobachter vermuten dahinter jedoch einen Fall von Hochstapelei, ausgeheckt vom Vereinsvorsitzenden Uwe Morawetz, 29.

Der präsentierte letzten Dienstag auf einer Pressekonferenz stolz einen neuen Vorstand, darunter die ARD-Moderatorin Gabriele Krone-Schmalz und Ervin Laszlo, den Mitgründer des Club of Rome. Auch im Kuratorium nur illustre Namen: Sabine Christiansen, Horst-Eberhard Richter, Luise Rinser . . .

Morawetz, ein kahlköpfiger Yuppie aus dem West-Berliner Kiez, hat sich nach einem abgebrochenen Germanistikstudium als Manager in der New-Age-Szene etabliert. 1991 organisierte er das Potsdamer Esoterik-Festival »Die Kraft der Visionen«, an dem etwa der US-Schamane Brant Secunda und ein Sufi-Mystiker namens Pir Vilayat Inayat Khan teilnahmen. Zur parapsychologischen Erbauung war auch die selbsternannte Hexe Zsuzsanna Budapest herbeigeeilt, die laut Programmheft »die spirituelle Dimension in die Frauenbewegung eingebracht hat«.

Unter dem Vereinsnamen »Netzwerk der Kulturen« engagiert Morawetz Wunderheiler und Therapeuten, die Kurse in den »geistigen Gesetzen« erteilen. Daneben amtiert er als Geschäftsführer einer »Astrodata GmbH«, die »astrologische Textanalysen« vertreibt. Wohn- und Geschäftssitz zugleich ist die Schöneberger Akazienstraße 27. Neben einer esoterischen Buchhandlung haust dort auch die 1991 gegründete Fördergemeinschaft der Friedensuniversität - der Begriff Universität ist in Brandenburg nicht geschützt. _(* Im Mai 1991 beim Festival »Die Kraft ) _(der Visionen«. )

Thomas Gandow, Sektenbeauftragter der evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, rät zur »Distanz« gegenüber Morawetz und Co.

Schon im November vergangenen Jahres war der Vorstand des etwa 750 Mitglieder zählenden Vereins, bis auf den flotten Uwe, geschlossen zurückgetreten. Ex-Vorständler Ellis Huber, Präsident der Berliner Ärztekammer, rügt den Vorsitzenden als »idealistischen Traumtänzer«. Nachdem Morawetz ohne Absprache 300 000 Mark Schulden bei Mitgliedern und Freunden des Vereins gemacht hat, sagt auch die ehemalige Vorständlerin Manina Lassen-Grzech: »Morawetz ist ganz einfach unseriös im Umgang mit Finanzen«, sein »Drang, alle Veranstaltungen der FGF in Nobelquartieren abzuhalten« sei ruinös für den Verein.

Morawetz schwärmt derweil unverdrossen vom »inneren Frieden«, den seine Uni beschere. 25 Nobelpreisträger, die angeblich honorarfrei mitwirken, sollen zu Vorträgen anreisen - fragt sich nur, wohin: Noch hofft der New-Age-Manager, die Säle »entweder umsonst oder kostengünstig zur Verfügung gestellt« zu bekommen.

Nach einem potenten Sponsor hat Morawetz vergebens gefahndet, und auch die Politik läßt ihn noch hängen. Immerhin, so erklärt er kleinmütig, »haben wir Menschen im Senat, die sich für unser Projekt interessieren«.

Erst kürzlich hat er, womöglich in weiser Voraussicht, den Antrag durchgebracht, wonach der Vorstand nur für grobe Fahrlässigkeit hafte. Bei diesem Coup erwählte er gleich eine neue Finanzexpertin: Marie-Luise Schwarz-Schilling, Gattin des Ex-Postministers, die auch schon mit einem übersinnlichen Schmöker über die »Ethik des Kaufmanns« hervorgetreten ist.

Auf Fragen nach der aktuellen Finanzlage des Fördervereins weiß sie vorerst keine Antwort. Man möge sich doch an erfahrene Herrschaften richten, zum Beispiel den Vorsitzenden Morawetz. Y

* Im Mai 1991 beim Festival »Die Kraft der Visionen«.

Zur Ausgabe
Artikel 87 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.