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THEATERBAU Pour le mérite

aus DER SPIEGEL 49/1960

Ungeachtet der Einwände international renommierter Architekten werden demnächst in Darmstadt die Bauarbeiten für ein 20-Millionen-Projekt beginnen, von dem selbst der entwerfende Architekt bislang nicht genau weiß, wie es im Detail endgültig zu gestalten sei. Allen Einsprüchen zum Trot hat die hessische Landesregierung beschlossen, den Neubau des Landestheaters nach einem Modell zu errichten, das der Darmstädter Hochschulprofessor Hans Gerhard Evers als »charakterlos« bezeichnete und vor dessen Verwirklichung ein eigens zur Prüfung eingesetztes Gutachter-Gremium nachdrücklich warnte.

Dieser ungewöhnliche Sachverhalt ist freilich nicht darauf zurückzuführen, daß die hessische Landesregierung etwa getreulich zu einem vor Jahren preisgekrönten Wettbewerbsentwurf steht, dessen Ausführung angesichts veränderter städtebaulicher Bedingungen nun nicht mehr opportun erscheinen könnte. Die groteske Situation ist vielmehr just dadurch entstanden, daß die Wiesbadener Regierung das Ausschreiben eines Wettbewerbs vermieden hat. Sie war von Anbeginn entschlossen, die Vergabe ihres größten Theaterbauprojekts höchst intern zu regeln und den kostspieligen Theaterbau einem ihrer Staatsdiener anzuvertrauen, dessen verdienstvolle Tätigkeit beim Wiederaufbau in Hessen mithin durch ein Sonderhonorar entlohnt wird.

Der Sonderlohn-Empfänger, der das zur Zeit umfangreichste staatliche Bauvorhaben Hessens auszuführen betraut wurde, ist Oberregierungsbaudirektor Hans Köhler, 53. Er steht an der Spitze der gesamten staatlichen Bauverwaltung.

Das uneingeschränkte Vertrauen der Regierung in die theaterbaufachlichen Qualitäten ihres höchsten Baubeamten kann sich allerdings nicht auf einschlägige Erfahrungen Köhlers gründen. Im Gegenteil, dem beamteten Diplomingenieur war bislang noch nie vergönnt, sich auf dem Gebiet der Theater-Architektur als Entwerfer zu betätigen. Statt dessen war er hauptsächlich mit dem Bau von Landhäusern, Fabrikhallen, Verwaltungsgebäuden, Bibliotheken, Kindergärten, Kasernen, Wohnkomplexen und Kuranlagen befaßt. Die speziellen Probleme des Theaterbaus hatten sich ihm mehr aus dem Blickwinkel eines privaten Hobbys erschlossen. Erläutert Köhler: »Ich bin ein begeisterter Theaterbesucher. In jungen Jahren habe ich oft als Edelkomparse am Theater mitgewirkt.«

Hatte der Landesbeamte Köhler für den Neubau des Darmstädter Landestheaters mithin keine durch die Praxis erhärtete Spezialerfahrung zu bieten, so qualifizierte er sich der Landesregierung durch eine Fähigkeit, deren sich nicht jeder Architekt rühmen kann. Er hat es bislang verstanden, seine staatlichen Bauvorhaben nicht nur termingerecht, sondern auch ohne Kostenüberschreitungen zu vollenden, so daß weder die Oppositionsparteien im Landtag noch der Landesrechnungshof an Hessens Bauprojekten Tadel üben konnten.

Obgleich diese Tüchtigkeit dem Staatsdiener Köhler Anerkennung einbrachte, schmerzte ihn doch ein Umstand sehr. Der Diplomingenieur, den es erst im reifen Mannesalter aus den Fährnissen des freien Berufs in die Geborgenheit des beamteten Daseins getrieben hatte, empfand es als mißlich, daß sein rastloses Wirken ihm nicht auch den finanziellen Lohn eintrug, der ihm seiner Ansicht nach gebührte. Köhler: »Ich kriege als Beamter nicht mehr Gehalt als das Anderthalbfache eines Fensterputzers. Dabei verbaue ich im Jahr 300 Millionen Mark.«

Die Chance zur Aufbesserung des anderthalbfachen Fensterputzergehalts bot sich, als die von der SPD beherrschte hessische Landesregierung darangehen mußte, ein Wahlversprechen einzulösen, das die Sozialdemokraten der Darmstädter Bevölkerung wiederholt gegeben hatten, nämlich das im Krieg zerstörte Landestheater des einstigen Großherzoglich-Hessischen Oberbaudirektors Georg Moller würdig wiederaufzubauen. Da die ausgebrannte klassizistische Ruine landeseigen war, wurde Köhlers staatliche Bauverwaltung beauftragt, mittels statischer Untersuchungen zu prüfen, ob es lohne, sie wieder herzurichten.

Die Überprüfung ergab, daß »die stehengebliebenen Außenwände von schlechter handwerklicher Qualität waren« (Köhler). Als erhaltenswert wurde nur das haushohe Eingangsportal befunden, ein sechssäuliger Portikus in klassizistischer Manier. Von dem Denkmalswert dieses klotzigen Relikts ausgehend, entwarf der oberste Baubeamte Köhler daher ein neues Theater, das dem Mollerschen Urbild angeglichen war.

Die Darmstädter Lokalbehörden zeigten sich entzückt (Oberbürgermeister Dr. Engel: »Genau das, was wir haben wollen"), und auch die hessische Landesregierung schien das auf zwölf bis dreizehn Millionen Mark Baukosten geschätzte plumpe rechteckige Gebäude zu billigen.

Doch zum erstenmal war der unmittelbare Vorgesetzte Hans Köhlers, der hessische Finanzminister Dr. Conrad, mit den Planungskünsten seines Untergebenen unzufrieden. Ihn verdroß die phantasielose restaurative Lösung, zumal Kunstsachverständige bereits öffentlich auf die Ähnlichkeit des Köhler-Projektes mit gewissen Monstrebauten in der Sowjet-Union verwiesen hatten.

Der Minister verlangte einen neuen, in die Zukunft weisenden Entwurf. Erläutert Dr. Conrad: »Ich wollte da etwas Modernes haben. In fünfzig Jahren wird kein Mensch mehr über den Portikus diskutieren.«

Der Minister war auch bereit, das Entstehen der geforderten neuen Planungsideen auf besondere Weise zu beflügeln. Auf seinen Antrag hin erklärte sich das hessische Kabinett damit einverstanden, »daß Oberbaudirektor Köhler ohne Bezüge beurlaubt wird, um als privater Architekt das Landestheater in Darmstadt zu bauen«.

Schon bald darauf konnte Köhler ein neues Modell präsentieren. Er hatte das kompakte, zwanzig Meter hohe Rechteck des ersten Entwurfs durch ein riesiges niedriges Viereck ersetzt, das sich auf einer Grundfläche von über 8000 Quadratmetern geduckt lagerte. Nur zage stieg diese »ungeheure Ebenerdigkeit« (so der Darmstädter Kunsthistoriker Professor Evers) an ihrer Ostflanke von acht auf vierzehn Meter Wandhöhe treppenartig auf.

Dem Portikus der Ruine, der als »kunsthistorisch wertvoll« zum Stehenbleiben verdammt ist, war jeglicher Zusammenhalt mit dem Musentempel genommen. Hatte Köhler noch im ersten Entwurf ihm die einzig gemäße Funktion eines Eingangsportals zugebilligt, so figuriert er nunmehr als nebensächliches Relikt: Erst zwanzig Meter hinter dem einstigen Tempeltor breitete sich der 'Flachtheaterbau aus, so daß die klassizistische Säulenpforte, einem Mahnmal gleich, einsam an der Seite stehenblieb. Um klarzustellen, daß es nicht ratsam sei, sie dennoch als Eintrittstor zu benutzen, legte Köhler unmittelbar hinter ihrer Rückfront ein großes Wasserbecken an.

Auch bei der Gestaltung des Zuschauerraums hatte sich Hans Köhler im zweiten Entwurf etwas Besonderes einfallen lassen. War ihm beim ersten Entwurf ein der Mailänder Scala nachempfundener Hufeisenraum als beste Lösung erschienen, so konzipierte er nun ein breites Sechseck, dessen drei rückwärtige Seiten in schmale Logenkabinen zerstückelt waren, die dem Aufsatz eines Kinderkaufladens ähnelten.

Ebenso wich das Parkett vom üblichen Schema ab. Statt in die zunächst geplanten durchgehenden Sitzreihen wurde es jetzt in fünf voneinander getrennte und doch ineinander verschachtelte Platzgruppen mit kurzen oder halblangen Parkettreihen unterteilt, was nach Meinung des Entwerfers den Vorteil brachte, daß der Zuschauer sich in der Weite des Raumes nicht verloren, sondern mit seinen Nachbarn innig verbunden fühlt.

Mit diesem zweiten Entwurf hatte Oberregierungsbaudirektor Köhler die Auflage seines Vorgesetzten erfüllt, der sich »etwas Modernes« wünschte. Auch der Darmstädter Oberbürgermeister Dr. Engel fand nun plötzlich, daß die »zu strenge Massivität« des ersten Entwurfes unschön gewesen sei; Stadtverordnetenversammlung und Magistrat beeilten sich, das neue Projekt gutzuheißen.

Allerdings, kaum wurde in der Öffentlichkeit ruchbar, was die hessische Landesregierung bauen wollte, da sahen sich Köhler und seine Förderer heftiger Kritik ausgesetzt. Der Darmstädter Kunsthistoriker Professor Evers verurteilte den »rohen Primitivismus« und die überdimensionale Flächenhaftigkeit des geplanten Baues, die weder ästhetisch noch städtebaulich zu vertreten sei.

»Moderne Baukunst will gekonnt sein«, warnte der Professor in einem Schreiben an den Darmstädter Oberbürgermeister. »Mit Gags allein ... ist es nicht getan...« Ein Flachbau sollte »sinnvollerweise innerhalb einer weiten Landschaft stehen«, nicht aber im Herzen einer Großstadt, wo er von den dort bereits vorhandenen Hochbauten plattgedrückt werde. Auch die Technische Hochschule meldete Bedenken an.

Angesichts dieser Fachkritik schien es dem Köhler-Vorgesetzten Dr. Conrad ratsam, bei international anerkannten Städtebauern und Architekten Rückendeckung zu suchen. Er erbat von dem Präsidenten des Bundes Deutscher Architekten, Wilhelm Wichtendahl, dem Hamburger Baudirektor Paul Seitz, dem höchsten Baubeamten von Baden-Württemberg, Ministerialdirigent Horst Linde, und dem Frankfurter Architekturprofessor Johannes Krahn ein Gutachten über den Köhler-Plan.

Nachdem die Gutachter ihren gemeinsamen Prüfungsbericht abgeliefert hatten, verspürte Minister Dr. Conrad freilich keine rechte Neigung, ihn der interessierten Fachwelt zu publizieren. Die Gutachter waren zwar des Lobes voll über die rein theatertechnischen Vorzüge des Entwurfs ("die vorwiegend horizontale Entwicklung der Betriebsräume stellt eine optimale funktioniegerechte Lösung dar"), bemängelten jedoch, daß diese betriebstechnische »Perfektion« nicht den entsprechenden gestalterischen Ausdruck gefunden habe.

»Die strenge Abgeschlossenheit der quadratischen, raumausgreifenden Grundform«, »ihre ausgebreitete Flächigkeit und die geschlossenen Außenfronten« des Kühler-Theaters erschienen den Prüfern städtebaulich nicht gelungen. Sie beklagten vor allem, daß »der äußeren Gestaltung ... eine ... besonders notwendige Differenziertheit und feine Plastik« fehle, und tadelten, daß der als einsamer Torso weit vor der Theaterfront verbliebene Säulenportikus im »Mißverhältnis zu den Baumaßen des Neubaues« stehe.

Auch der sechseckige Zuschauerraum und das von Köhler geplante abgestufte Foyer fanden nicht ihre Zustimmung: »Das Fluktuieren der Menschen während der Pausen über verschiedene Höhen«, gutachteten sie, »ist in der dargestellten Form nicht gut möglich.« Desgleichen mißfiel ihnen, daß »die künstliche Asymmetrie der Sitzplatzgruppen ... wie auch die rückwärtige Anordnung der Logen« die erwünschte räumliche Einheit des Zuschauerraums vermissen läßt.

Die Gutachter kamen zu dem Ergebnis, daß der Köhler-Bau »zur Ausführung nicht empfohlen werden kann«.

Jedoch, weder Minister Dr. Conrad noch das hessische Kabinett ließen sich durch diese Einwände beirren. Resümiert Dr. Conrad: »Das Gutachten hat bestätigt, daß der Köhler-Entwurf technisch einwandfrei ist. Das ist für mich das Wichtigste.«

DieLandesregierung beschloß, den auf zwanzig Millionen Mark veranschlagten Bau auszuführen und den Beamten Köhler für die Dauer der Bauzeit aus Landesdiensten zu beurlauben, auf daß er als privater Architekt zu privatwirtschaftlichen Bedingungen sein Werk vollenden könne.

Dieser Beschluß bedeutet nichts anderes, als daß sich der Beamte Köhler in der Gewißheit ans Werk machen darf, für den Staatsauftrag das übliche Architektenhonorar kassieren zu können: 4,2 Prozent der Bausumme für die »Architektenleistung« und 1,5 Prozent der Bausumme für die »Bauführung«.

Das sind bei 20 Millionen Mark Baukosten über eine Million Mark.

Oberregierungsbaudirektor Köhler: »Irgendeinen Ausgleich für die jahrelange Arbeit für Hessen muß es ja mal geben.«

Geplanter Neubau des Landestheaters in Darmstadt (Modell): Entwurf aus dem Blickwinkel ...

... eines Edelkomparsen?: Darmstädter Landestheater-Ruine

Beamteter Theaterplaner Köhler

Urlaubsgeld: eine Million

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