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GRAPHIK / COMIC STRIPS Pow, Wap, Bang

aus DER SPIEGEL 18/1968

Tagtäglich entrückt ein Zehntel der Menschheit auf fliegenden Raketenteppichen zu fremden Sternen. Droben bändeln die Entrückten mit nymphomanen Hexen an, lassen sich von sadistischen Zwergen quälen und von atomaren Zauberern blenden.

Von derlei fabelhaften Wesen werden Woche für Woche etwa 300 Millionen Menschen zwischen New York und Kapstadt verführt -- zur Lektüre der abenteuerlichen, brutalen, scherzhaften und sentimentalen Comic strips.

Die Bildgeschichten vom Superman, von Phantom, Batman, vom Spinatfresser Popeye, von Barbarella, Jodelle und Blondie fesseln eine klassenlose Gesellschaft: Kinder und Erwachsene, Schlichte und Gebildete eint die gleiche Sprache: »Whaam«, »Crash«, »Pow«, »Wap«, »Bang« und »Peng«.

Die Comics und ihre knallige Lautmalerei gehören zum amerikanischen Alltag wie Kaugummi, Coca-Cola und Pop Corn: Selbst für 46,8 Prozent der College-Absolventen sind die Comics unentbehrlich geworden, und in Washington schmücken die Senatoren ihre Rede gern mit Zitaten aus den satirischen Bildgeschichten von »Pogo« und »Li'l Abner«,

Amerikanische Strips haben den American Way of Life in mehr als 60 Länder exportiert; in Europa rechnen sich 50 Prozent aller Beamten zu den Comics-Konsumenten, und selbst die Blinden nehmen an den Abenteuern teil: In England. werden die Dialoge der Comics, sonst als Spruchwolken ("Ballons") im Bild, regelmäßig im Rundfunk verlesen -- ein Einfall, den als erster der New Yorker Bürgermeister La Guardia hatte: Um sich bei einem unpopulären Druckerstreik durchzusetzen, seine Wahlchancen zu sichern und die Kinder nicht um ihr Sonntagsvergnügen mit Comics zu bringen, sprach er Ballontexte ins Mikrophon.

Doch 70 Jahre nach ihrem Einzug in die Massenpresse sind die Comic strips nicht mehr allein zum Vergnügen da: Sie sind Objekt der Sozial- und Kunstgeschichte geworden.

Die Mitglieder eines agilen Pariser Comic-Klubs. der »Société d'Etudes et de Recherches des Littératures Dessinées«, zum Beispiel führen schon den Namen der neuen Wissenschaft, Comicologie, im Schilde und sehnen die Zeit herbei, »da »Professors of Comic« ihren rechtmäßigen Platz neben Literaturprofessoren einnehmen und unsere Kinder große Stücke aus Comics als Hausaufgabe bekommen«.

Für den Anbruch dieses neuen Zeit-· alters präparieren sich die Comicologen schon heute mit Eifer:

* Auf »Weltkongressen« in Bordighera, Lucca, Paris (und demnächst auch New York) proklamieren amerikanische und europäische Strip-Kenner -- Theologen, Künstler, Soziologen -- die Comics als zeitgenössische Kunst.

* Mit einer Ausstellung in Paris eroberten Mitglieder der »Société« den feierlichen Louvre, wo sie vergrößerte Strips und erste Forschungsergebnisse präsentierten.

* Der amerikanische Kulturkritiker Marshall McLuhan ("Die magischen Kanäle") empfiehlt Comics als »einen sehr guten Weg zum Verständnis des Fernsehbildes«.

Mit reichbebilderten Neuerscheinungen erläutern Autoren aus Frankreich und England die Entwicklungsgeschichte der Comics nun auch dem breiten Laienpublikum*.

Für den britischen Comic-Historiographen George Perry beispielsweise begann die Entwicklung der Bildgeschichten schon in der Steinzeit. Die Höhlen-Karikatur eines hakennasigen Afrikaners -- rund 6000 Jahre alt klassifizierte er als ersten »Comic Man«, die römische Trajans-Säule aus dem zweiten Jahrhundert als »längsten Strip« (183 Meter), und den mittelalterlichen Schlachten-Teppich von Bayeux lobte er als »bemerkenswerte Erzählung in Strip-Form«.

Doch auch aktuelleren Vor-Bildern der Comics spürte Perry nach -- so den Bilderstreifen des Genfer Schulmeisters Rodolphe Töpffer (1799 bis 1846), der früh erkannte, daß eine »Bildergeschichte die Kinder und die Massen« eher beeindruckte als »die geschriebene Literatur«. Denn: »Es gibt mehr Leute, die gucken, als Leute, die lesen können.«

Töpffers schnörkelig gezeichnete Bild-Erzählung vom duellsüchtigen »Monsieur Jabot« -- 1833 auf Goethes Rat hin erstmals gedruckt -- war schon. in Streifen gefügt und inspirierte später auch Wilhelm Busch zu

* »Les Chefs-D'Oeuvre de la Bande Dessinie«. Anthologie Planète, Paris; 480 Seiten; 59 Franc. »The Penguin Book of Comics« von George Perry und Alan Aldridge, Harmondsworth/Middlesex; 258 Seiten; 25 Shilling.

seinem Schelmenpoem »Max und Moritz«, wiederum Vorlage für die ersten amerikanischen Comic strips.

Nach dem Vorbild der »Max und Moritz«-Streiche erfand der deutschstämmige Rudolph Dirks um die Jahrhundertwende für William Randolph Hearsts »New York Journal« die »Katzenjammer Kids« und hatte damit sogleich ein Hauptwerk der neuen Gattung kreiert: Der Strip über die rüden Rangen aus dem Einwanderer-Milieu erscheint -- von anderen Zeichnern fortgesetzt -- noch nach dem Tod von Dirks, der letzte Woche in New York 91jährig starb. Die klaren Bildchen entzückten Pablo Picasso, fanden das Wohlgefallen der US-Präsidenten Wilson und Hoover und brachten Hearsts »New York Journal« eine enorme Auflagensteigerung.

Hearsts Erfolg vor Augen, ließen nun auch andere Verleger Spielplatz- und Familien-Szenen zeichnen: Der spätere Bauhausmaler Lyonel Feininger skizzierte 1906 die »Kinder Kids«, der Zeichner Winsor McCay brachte Traumerlebnisse eines kleinen Jungen in Jugendstil-Manier zu Papier: »Little Nemo«.

1928 zeichnete Walt Disney seine erste Mickey Mouse, und ein Jahr später wurde der erste Roman verstript, der »Tarzan« von Edgar Rice Burroughs. Anfang der dreißiger Jahre dann erschienen der Detektiv Dick Tracy, der Heros Flash Gordon und die Serie »Terry and the Pirates« auf der Bildfläche -- Epen, deren Griffelkunst den Stil der Strips prägte und mit denen die Konjunktur der Abenteuer-Comics begann.

Mittlerweile ist der Comics-Kosmos bevölkert von Possenreißern in Tier- und Menschengestalt, von Übermenschen mit Röntgenaugen und Riesenkräften, von Detektiven ("Rip Kirby"), philosophierenden Hunden, frühreifen Kindern ("Peanuts"), sprechenden Katzen, von eisenherzigen Prinzen, verschmitzten Majestäten ("Der kleine König"), Urzeit-Gaullisten ("Asterix") und liebestollen Agentinnen.

Die meisten davon werben -- verstohlen allerdings -- für ein gutbürgerliches Leben, für Patriotismus, Gesundheit und Ordnung. Die beliebtesten Bilderfolgen aus Amerika wirken als Helfer im Alltag:

* Die biedersinnige Hausfrau »Blondie« suggeriert an der Seite ihres leicht trotteligen Mannes Dagwood in 1600 Zeitungen, daß Ehealltag ulkig ist;

* die Halbgötter Batman, Superman und Phantom -- moderne Ebenbilder der Sagenhelden Siegfried und Herkules -- geistern durch etwa 3000 Zeitungen und befriedigen die Bürgersehnsucht nach einem interessanten Leben.

Die folgsamen Betrachter der Comics -- allein in den USA über 100 Millionen pro Tag -- danken für die Lebenshilfe mit Anhänglichkeit: In Crystal City (Texas) errichteten sie dem Spinatverbraucher Popeye ein Denkmal, andere Texaner benannten ihre Stadt nach Tarzan; und mit Comics Im Tornister zogen die Amerikaner auch in den Krieg.

Die Comics-Zeichner waren ihnen schon vorangegangen: Im Zweiten Weltkrieg setzte der Graphiker Milton Caniff seinen Helden Terry gegen die Japaner ein, Tarzan hob im Dschungel ein Nazi-Nest aus, und Superman zertrümmerte den deutschen Westwall (Goebbels: »Dieser Superman ist auch ein Jude!").

Mittlerweile hat jede Waffengattung ihren eigenen Heros in Uniform: Der Korea-Krieger Steve Canyon dient als Oberst bei der Luftwaffe; der ewige Rekrut Beetle Bailey schwejkt sich durch die Army, und bei der Marine zeigt sich Buz Sawyer auch auf der Höhe politischer Möglichkeiten -- vor Kubas Küste entdeckte er jüngst einen deutschen Schurken, der eine russische Rakete auf amerikanisches Festland schießen will, um die friedliebenden Giganten USA und Rußland gegeneinander in den Atomkrieg zu hetzen.

Mit ihrer Vorliebe für Krieg, Gewalt und Grausamkeit haben sich die Strip-Entwerfer eine Menge Feinde gemacht. Ein amerikanischer Statistiker zog unlängst die Schreckensbilanz aus 100 Comic books (Strips in Buchlänge). Er registrierte 749 schwere, 313 leichte Verbrechen und 87 sadistische Untaten.

In einem einzigen, 120 Seiten starken Heft wurden drei Personen erwürgt, fünf erstochen, eine durch den Fleischwolf gedreht, eine lebend einbalsamiert, drei zu Tode gefoltert, eine in die Luft gesprengt, sechs erschossen, vier in Krokodile, Katzen oder Babys verwandelt. Außerdem war zu sehen, wie eine bereits beerdigte Frau ein Kind zur Welt bringt.

Solche Horror-Orgien machen es den Comicologen schwer, die Strips als Kunst der Zeit zu verteidigen. Die

* Titelblatt zum Tode von Walt Disney. Londoner »Times« stufte Comics generell als »Literatur der Analphabeten« ein; und das deutsche pädagogische Periodikum »Jugendschriften-Warte« verdammte die Bilderbogen als »Bilderdrogen« und erwartet, daß die Konsumenten der »Baby-Hieroglyphen« auf immer im »Lau-Alter« bleiben.

Doch solche Attacken können die anspruchsvollen Außenseiter unter den Comic strips kaum treffen: In den USA geben beispielsweise »Pogo« und »Li'l Abner« die scharfsinnigsten und witzigsten Kommentare zur Innenpolitik. Sie verspotteten den Kommunistenjäger McCarthy, als er noch ein mächtiger Mann war, und machen heute die Hippies und Präsident Johnson in satirischen Anspielungen lächerlich.

Mit Scherz. Ironie und Satire rebellieren neuerdings auch europäische Zeichner gegen den Verfall der Strips. Sie bedienen sich der kraftvollen Farbkontraste aus der Pop Art und vor allem der grotesken Überspitzung, um die häufig in Schablonen erstarrten Comics wieder attraktiv zu machen.

So erfanden sie die Belgierin Jodelle, die im alten Rom in einer überdimensionalen Mandelmühle auf dem Leib eines Gladiators zermahlen werden soll. Ebenso gefährlich lebt Jodelles französische Strip-Schwester Barbarella. Als interstellare Nymphomanin hastet sie von Planet zu Planet und wird nach dem wiederholten Verlust ihres Gewandes in Lust-Computern gepeinigt. Das irdische Dasein der amerikanischen Nudistin »Phoebe Zeit-Geist« ist ein einziger Marathonlauf ums nackte Leben.

Mit dieser graphisch und pornographisch anspruchsvollen Sex-Anarchie, exzentrischen Einfällen und fröhlichen Farben erobern die Strips nun auch die Nachbar-Künste:

In Frankreich drehten Jean-Luc Godard ("Alphaville") und Alain Resnais ("Letztes Jahr in Marienbad") Filme im Comic-Stil; in den USA posiert Superman in einem neuen Musical, sein Kollege Batman braust in Spezialmobilen über die Kino-Leinwand ("Batman hält die Welt in Atem"), und in Deutschland werden -- von Peter Zadek in Bremen und Kai Braak in Kassel -- längst Schiller und Shakespeare auf dem Theater wie grelle Strips vorgeführt: Die Tragöden agieren als starre Typen, und auf den Bühnenboden tropft Blut.

Selbst die seriösen Maler der Avantgarde haben die Strips begriffen -- der Amerikaner Roy Lichtenstein durfte Gemälde nach Comics-Vorlagen mit grobkörnig gepunkteten Flächen (Raster) sogar bei der Kunstbiennale von Venedig zeigen.

Diese neue Comics-Explosion gibt den Comicologen Hoffnung: »In den Augen künftiger Historiker«, sagt der »Li'l Abner«-Zeichner Al Capp, »werden nicht die lahmen Hekuba-Monologe blutarmer Erzähler und die totgeborenen Versuche von Abstraktionisten und Surrealisten die wichtigste Kunst sein, sondern die Strips.«

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