Prähistorische Felskunst in Tibet »Eine Urform von Graffiti«

Wann fängt Kunst an? Und bei wem? Ein Fund von prähistorischen Felsabdrücken in Tibet lässt Wissenschaftler an der Kunst als Alleinstellungsmerkmal des Homo Sapiens zweifeln.
Handabdrücke von Tibet: Ein »bewusster künstlerischer Akt«?

Handabdrücke von Tibet: Ein »bewusster künstlerischer Akt«?

Foto: Bournemouth University

Fünf Handabdrücke und fünf Fußabdrücke auf einem Kalkstein im Hochland von Tibet: Was so unscheinbar wirkt, erregte bei Archäologen weltweit Interesse. Ein Forscherteam um David Zhang, Professor für Geografie an der Universität Guangzhou, entdeckte die Abdrücke  bei archäologischen Recherchen an einer Quelle, in mehr als 4000 Meter Höhe. In einer ersten ausführlichen Studie  sprachen die Forscher vom »momentan ältesten uns bekannten Beispiel prähistorischer Felskunst auf der Welt«. Sie schätzen das Alter auf 169.000 bis 226.000 Jahre.

Bei Kunsthistorikern wirft die These Fragen auf: Wann fing Kunst an? Wie kam es dazu? Und wer war der Urheber? Die Abdrücke in Tibet gehörten wahrscheinlich Kindern. Die Formen der Füße messen von den Zehen bis zur Wade laut Studie ungefähr 20 Zentimeter. Ob es sich um einen Vertreter des Homo Sapiens handelt, ist für die Forscher nicht nachweisbar. Auch der Ort überraschte einige Wissenschaftler: Lange Zeit dominierte die »Out of Africa«-Theorie, wonach die Gattung Homo ihren Ursprung auf dem afrikanischen Kontinent hatte. Die These gilt allerdings als umstritten, ältere Funde aus Asien lassen manche Forscher zweifeln .

»Die sehr frühe Datierung ist überraschend«, sagt Horst Bredekamp, Kunsthistoriker an der Humboldt-Universität Berlin. »Die Abdrücke sind ein Beispiel dafür, wie schon in prähistorischer Zeit in unterschiedlichen Weltzonen offenbar bewusst Naturstoffe geformt wurden.« Zugleich stelle der Fund die kulturelle Alleinstellung des modernen Menschen infrage. »Intelligenz und die Fähigkeit zu symbolischem Handeln galten lange Zeit als Alleinstellungsmerkmal des Homo sapiens«, sagt Bredekamp. Zwar sei nicht bekannt, wer die Handabdrücke von Tibet angefertigt habe, aber: »Uns sind schon jetzt Fundstücke von Neandertalern  bekannt, die belegen, dass auch unsere Verwandten symbolisch denken konnten.« Was also, wenn die ersten Kunstwerke nicht vom Menschen stammen – sondern einem Verwandten?

Stalagmitenkreis von Bruniquel: Neandertaler schufen ihn nach Schätzungen von Wissenschaftlern vor mehr als 170.000 Jahren

Stalagmitenkreis von Bruniquel: Neandertaler schufen ihn nach Schätzungen von Wissenschaftlern vor mehr als 170.000 Jahren

Foto: Etienne Fabre / picture alliance / AP

Bredekamp nennt als Beispiel den Stalagmitenkreis von Bruniquel: eine künstliche Struktur aus Tropfsteinen in einer Höhle im französischen Département Tarn-et-Garonne. Mit einem geschätzten Alter von 176.000 Jahren fällt sie in die Zeit der Handabdrücke von Tibet. »Bemerkenswerterweise fanden Forscher aus der gleichen Zeit in Tibet bereits Spuren des Denisova-Menschen, der im Austausch mit den Neandertalern stand«, sagt Bredekamp. »Mich würde es deshalb nicht überraschen, wenn auch sie zu formendem Handeln fähig waren«. Er schließt nicht aus, dass die Handabdrücke auch von unseren Verwandten stammen könnten. Die Sonderstellung des Homo Sapiens als erster Künstler, so Bredekamp, ließe sich damit »noch weniger halten«.

Immer wieder fanden Forscher mutmaßliche Belege für frühe menschliche Kreativität. Formen wie Handabdrücke sind in der Frühgeschichte weltweit zu finden – das allerdings mit unterschiedlichen Darstellungsweisen und Techniken. Lange Zeit galten die 25 Handabdrücke in der Höhle von El Castillo in Spanien als ältester Fund früher menschlicher Kunst. Forscher schätzen ihr Alter auf mindestens 25.000 Jahre. In El Castillo handelt es sich, anders als in Tibet, um Negative – was darauf hindeutet, dass jemand die Hand auf die Felsfläche gelegt und Farbe darüber geblasen haben muss. Noch komplexer gestaltet sich ein späterer Fund aus Sulawesi: Forscher entdeckten in einer Höhle auf der indonesischen Insel die figurativen Abbilder von Schweinen. Das Alter liegt nach bisherigen Einschätzungen bei etwa 45.000 Jahren.

Handumrisse in der Höhle von El Castillo: Für die Darstellung benutzten unsere Vorfahren ihre Hände als Schablone

Handumrisse in der Höhle von El Castillo: Für die Darstellung benutzten unsere Vorfahren ihre Hände als Schablone

Foto: Pedro Saura / picture alliance / dpa

Figurative Malereien sind offenbar bewusst entstanden: Jemand muss Farbe genommen und mit ihr Formen auf einer Wand angebracht haben, um etwas darzustellen. Funde wie die Handabdrücke von Tibet liefern dagegen nur wenige Anhaltspunkte darüber, warum und mit welcher Intention sie entstanden sind – Bewusstsein aber werten Forscher oft als Kriterium für die Einstufung als Kunstwerk. Einen Hinweis darauf sahen die Wissenschaftler um Zhang in der Anordnung und ebenmäßigen Verteilung der Abdrücke auf der Felsfläche. Eine Linie unterhalb eines Abdrucks werteten sie als frühe Form von sogenannten Fingerflutungen: von Hand gezeichnete Linien, die etwa an der Rouffignac-Höhle in Frankreich gefunden wurden. Zhang vermutet deshalb, dass die Handabdrücke nicht durch Zufall entstanden sind – sondern absichtlich in den noch nicht ausgehärteten Kalkstein gedrückt wurden. Die Forscher sprechen von einem »bewussten künstlerischen Akt«.

Geisteswissenschaftler hegen an der Behauptung allerdings Zweifel. »Die Autoren der Studie sprechen von einer Komposition, um den ästhetischen Wert der Spuren zu unterstreichen. Ich sehe sie nicht«, sagt Audrey Rieber, Professorin für Philosophie an der École Normale Supérieure de Lyon. »Die Handabdrücke von Tibet wurden offenbar von Kindern angefertigt, vielleicht beim Spielen. Hier würde ich dezidiert nicht von Kunst sprechen, da sie nicht in einem größeren symbolischen Ensemble eingebettet sind.«

Höhlenmalerei von Sulawesi: Unter den Bildern befinden sich figurative Tierdarstellungen

Höhlenmalerei von Sulawesi: Unter den Bildern befinden sich figurative Tierdarstellungen

Foto: Ratno Sardi / Griffith University / picture alliance / dpa

Rieber beschäftigt sich in ihrer Forschung mit der Philosophie der Ästhetik. Sie hat sich unter anderem gefragt, wie prähistorische Kunst in die Weltgeschichte einzuordnen ist. Gerade bei frühen Beispielen menschlicher Relikte stoße der Begriff schnell an Grenzen. »Wir finden weltweit Höhlenbilder, auch Handabdrücke, von ästhetischer Dimension«, sagt Rieber. Sie nennt die Felsmalereien von Chauvet: Die Höhlenbilder im Ardèche-Tal gelten als frühes Beispiel figurativer Darstellungen. Die rund tausend Tiermalereien entstanden laut Forschern über mehrere Jahrtausende. »Beteiligt waren hier Gruppen von Menschen, über viele Generationen. Die Bilder waren möglicherweise eingebunden in gemeinsame Rituale«, sagt Rieber. »Ein solcher Kontext fehlt bei den Handabdrücken von Tibet.«

Mit Blick auf die menschliche Frühgeschichte müsse allerdings geklärt werden, was unter »Kunst« überhaupt zu verstehen sei. »Kunst ist ein moderner Begriff, der sich mit der Geschichte immer wieder verändert hat«, sagt Rieber. »Dazu gehören Vorstellungen wie die, dass Kunst eine ästhetische und eine symbolische Dimension haben müsse. Zeitweise galt das Ideal einer Kunst für die Kunst.« Schon bei Werken aus dem Mittelalter würde es mit dieser Einordnung schwierig. Um prähistorische Relikte einzuschließen, schlägt Rieber vor, den Kunstbegriff zu erweitern und stattdessen formale Mindestkriterien zu definieren: Proportion, Symmetrie, Formspiele, Rhythmus. »Mit solcher Definition kann man die Produktionen vom Neandertaler und sogar von früheren Menschen einbeziehen«, sagt Rieber.

Höhlenmalerei von Chauvet: Die rund tausend Bilder entstanden laut Forschern über Tausende Jahre hinweg

Höhlenmalerei von Chauvet: Die rund tausend Bilder entstanden laut Forschern über Tausende Jahre hinweg

Foto: Guillaume Horcajuelo / picture alliance / dpa

Der Historiker Horst Bredekamp sieht an Beispielen prähistorischer Kunst Berührungspunkte zwischen frühen Vertretern der Gattung Homo. Der Wunsch nach Selbstausdruck sei ein erster Schritt zur Kunst. »Man kann von einem Bild oder von Kunst schon dann sprechen, wenn ein Minimum formender Investition in einen Naturstoff vorliegt«, sagt Bredekamp. »Das ist natürlich auch bei einem Handabdruck gegeben.« Ähnlich argumentiert der Ethnologe Richard Kuba: »Handabdrücke sind wie eine Urform von Graffiti. Ein ›I was here‹ – der Mensch verewigt sich als Individuum.« Kuba leitet das historische Felsbildarchiv am Frobenius-Institut in Frankfurt am Main. Er sieht an Funden wie denen in Tibet die Chance, das heutige westlich geprägte Kulturverständnis zu überdenken.

In einem aktuellen Forschungsprojekt untersucht Kuba das indigene Kulturerbe in der australischen Region Kimberley. »Dort sind Felsbilder seit Jahrtausenden Teil der Kultur«, sagt Kuba. Von Aborigines würden sie immer wieder übermalt und aufgefrischt. »Felsmalereien sind dort Teil sakraler Handlungen, die Bilder sind am ehesten vergleichbar mit Ikonen«, sagt Kuba. Die Aborigines sähen sich damit »nicht als Künstler im westlichen Sinne«. An den Handabdrücken in Tibet ließen sich zwar keine rituellen Handlungen ableiten wie in Australien, so Kuba, sie seien aber ein »Megasymbol«, eine Form der Selbstdarstellung: »Auch, wenn wir uns durch Kunst in der Vergangenheit oft versuchten, von unseren Vorfahren abzugrenzen«, sagt er, »sie waren keineswegs tumbe Primitive, sondern schlau und kreativ wie wir. Egal, nach welchen Kriterien wir Kunst definieren.«

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.