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MILHAUD Preise hoch

aus DER SPIEGEL 18/1963

Tagelang trieb die »Leopoldina« im Golfstrom. Ihre Schrauben standen still. Der Erste Weltkrieg war seit Wochen zu Ende. Aber die deutsche Besatzung des einstigen Dampfers der Hamburg-Amerika-Linie hatte, bevor sie von Bord des als Feind-Eigentum beschlagnahmten Schiffes ging, die Maschinen einer Spezialbehandlung unterzogen: Bald nach Beginn der ersten Reise unter französischer Flagge versagten sie ihren Dienst und ließen sich auch nicht reparieren.

An Bord des hilflos im Atlantik schwimmenden Dampfers komponierte ein Passagier Ende Zwanzig, der Franzose Darius Milhaud, an einer Oper. Fünfundvierzig Jahre danach, am Mittwoch letzter Woche, war Premiere in Westberlins Deutscher Oper. Für Intendant Gustav Rudolf Sellner war die szenische Uraufführung ein Wagnis: Milhauds Oper »Orestie« ist ein ungemein aufwendiges und statuarisches Werk.

Bei keiner anderen Arbeit seines inzwischen nahezu 400 Opera umfassenden Katalogs hat sich Milhaud so lange gedulden müssen wie bei diesem Früh -Stück, dessen Anlaß eine Begegnung war, die Milhaud den »großen Glücksfall« seines Lebens nennt: Im Jahr 1912 besuchte der damals 44jährige Lyriker, Dramatiker und Diplomat Paul Claudel den damals noch in Paris studierenden 20jährigen Milhaud, und zwischen dem militant katholischen Dichter Claudel

und dem strenggläubig jüdischen Komponisten Milhaud begann eine Zusammenarbeit, die erst mit Claudels Tod endete.

Bereits bei seinem ersten Besuch in der Studentenwohnung Milhauds erzählte Claudel von seiner Unternehmung, die »Orestie« des antiken Dramatikers Aischylos in französische Verse zu übertragen.

Ihr Inhalt ist das bereits in Homers Odyssee beschriebene Los des vom Götterfluch verfolgten Atriden-Geschlechts. Agamemnon, König von Mykene, wird bei der Rückkehr aus dem Trojanischen Krieg von seiner Frau Klytämnestra, die sich inzwischen mit Agamemnons Vetter Ägisth eingelassen hatte, im Bad ermordet. Agamemnons Tochter Elektra stiftet ihren Bruder Orest an, den Mord zu rächen, und Orest erschlägt sowohl den Ägisth als auch seine Mutter Klytämnestra.

Wegen des Muttermords wird Orest von den schlangenhaarigen Rachegöttinnen, den Erinnyen, in alle Winkel der Welt verfolgt, aber durch Eingreifen Apolls und der Pallas Athene entsühnt. Athene verwandelt die Rachegöttinnen in »Eumeniden« - in »wohlgesinnte« Hausgöttinnen.

Schon 1913, noch ehe Claudel seine Umdichtung beendet hatte, begann Milhaud in Hellerau bei Dresden den Text zu vertonen; er arbeitete an seiner Oper mehrere Jahre, zum Teil unter absonderlichen Umständen.

Paul Claudel hatte, als er 1916 zum französischen Gesandten in Brasilien ernannt wurde, der Einfachheit halber den- Komponisten Milhaud als Sekretär mit nach Rio genommen - bei Reisen durchs Land ließen sich die beiden eine Sitzbank vorne vor die Lokomotive installieren, um vom Fahrtwind wenigstens etwas Kühle gegen die Tageshitze zu bekommen.

Kurz nach Kriegsende war Claudel nach Washington beordert worden. Die Überfahrt bescherte ihm und Milhaud das Abenteuer auf der »Leopoldina«. Darius

Milhaud vollendete die Arbeit an der »Orestie« im Jahre 1923.

Teile der Oper sind von Zeit zu Zeit auf Konzertpodien oder in Rundfunksendungen vorgetragen' worden. Zu einer Aufführung des gesamten Werkes auf einer Opernbühne aber wollte sich jahrzehntelang kein Intendant entscheiden. Erst 1955 versuchte sich das Landestheater Darmstadt (damaliger Intendant: Gustav Rudolf Sellner) an einer Inszenierung der Oper, begnügte sich aber mit den ersten beiden Akten und ließ den dreiteiligen Schluß, »Die Eumeniden«, fort.

Es war nicht die Sorge vor Publikumsprotesten, die so lange eine Inszenierung der »Orestie« verhinderte; Tumulte gehörten jahrelang als eine Art Markenzeichen zu fast allen Aufführungen des aggressiven Komponisten.

Milhaud spart in seiner kürzlich in deutsch erschienenen Autobiographie* nicht mit Werturteilen über deutsche Komponisten: »Ich bin gern bereit, selbst nach der hunderttausendsten Aufführung der Fünften Symphonie zu rufen: Es lebe Beethoven, aber ganz bestimmt ebensosehr, ja gewiß immer wieder zu rufen: Nieder mit Wagner.«

Er schätzt auch nicht die auf Arnold Schönberg zurückgehende sogenannte Zwölftonmusik ("Dodekaphonie"), die er als »eine germanische Schöpfung und natürliche Fortentwicklung des Wagnerschen Chromatismus« verurteilt.

Darius Milhaud, der als einer der ersten Komponisten Elemente des Jazz für die europäische Konzertmusik adaptierte ist vielmehr Hauptvertreter der sogenannten Polytonalität - einer Kompositionsmethode, die zwei oder mehr verschiedene Tonarten (etwa C -Dur, E-Dur) zur gleichen Zeit verwendet und aus solchen Mixturen durchaus melodiöse Effekte zieht.

Das wesentliche Hindernis, Milhauds »Orestie« auf einer Bühne zu inszenieren, ist, daß diese Oper eher wie ein Oratorium wirkt - ein Werk für Orchester, Chöre und Solostimmen. Auf der Bühne stehen sich mehrere große Chöre, Ballettgruppen und die Solisten gegenüber, und der Regisseur kann sie - anders als bei einer Konzertaufführung - nicht gut während der zweieinhalbstündigen Aufführung stehenlassen, wo sie stehen, er hat aber oft auch keinen unmittelbar einleuchtenden Anlaß, sie zu bewegen,

Regisseur Sellner aber setzte in Berlin seine Gruppen - zeitweise rund 150 Mitwirkende gleichzeitig - doch noch in- Bewegung. Er ließ sie in rhythmischen Gänsemärschen tempeltreppauf und -treppab steigen, neben-, gegen- und durcheinander ziehen und ein gruppenweises Wechselt-die-Bäumchen-Spiel aufführen, das am Ende hart am Rande der Komik vorbeidefilierte.

Am Ende steigerten sich Orchester und Chöre in eine schmetternde Apotheose: »Preise hoch, o Menschheit, den Tag, ja, preise, Menschheit, den Tag.«

Einige Augenblicke später fuhr Milhaud im chromblitzenden Rollstuhl an den Fuß eines Gebirges aus Chören, aus Eumeniden, Athenern, Göttern und Menschen. Glücklich und händeschüttelnd nahm er den Applaus der Premierengäste entgegen.

* Darius Milhaud: »Noten ohne Musik«.

Prestel-Verlag, München; 312 Seiten; 22,50 Mark.

Berliner »Orestie«-Premiere: Nach einer Odyssee im Golfstrom...

Komponist Milhaud, Regisseur Sellner

... ein Gänsemarsch im Tempel

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