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MODE Prestige von der Seine

Westdeutsche Textil- und Kosmetikfirmen haben sich in die Pariser Mode- und Parfümwelt eingekauft.
aus DER SPIEGEL 21/1981

Bei jeder Pariser Modenschau des Couturiers Louis Feraud sitzt in der ersten Reihe eine blonde, überschlanke Dame aus Darmstadt: die Unternehmerin Lilo Fink. Sie trägt die diamantbesetzte Rolex am Handgelenk und wird flankiert von drei Direktoren in feinen dunkelblauen Serge-Anzügen.

Ihre Blicke folgen Rüschenblusen, Faltenröcken und Steppjacken so neugierig, als sähen sie das alles zum erstenmal. Nur wenige im Saal wissen, daß viele der hübschen und teuren Kleider (750 Mark für ein Exemplar aus reiner Seide) mit dem Pariser Etikett bei der Fink Modelle GmbH in Darmstadt konzipiert und daß sicher alle dort genäht wurden.

In den letzten zwölf Jahren haben sich die Darmstädter (Firmenzeichen: ein zwitschernder Fink und der Slogan »Kleider mit Pfiff") mit dem Pariser Modehaus über drei Tochtergesellschaften verbunden und dabei den Jahresumsatz an Feraud-Fertigkleidern auf 60 Millionen Mark gesteigert.

Aber die Deutschen ahnen auch, daß sich ihre Kleider selbst mit den schönsten Goldlitzen nur halb so flott verkauften, wenn als Herkunftsbezeichnung Darmstadt anstelle von Paris die eingenähten Etiketten zierte. »Das französische Label«, weiß Frau Lilo, »ist immer noch das Etikett, das zieht.«

Aus ähnlichen Gründen kauften die traditionsreichen Kölnisch-Wasser-Fabrikanten von »4711« vor gut einem Jahr die Pariser Kosmetikfirma »Payot«, deren Erzeugnisse als »hochpreisige Serie« das eigene Sortiment abrunden sollen.

Außerdem mischten sie dem Pariser Modemacher Jean Charles de Castelbajac sein erstes Parfüm »Premiere«. »Gute Mode und gutes Parfüm«, erläutert 4711-Geschäftsführer Dr. Jürgen Starck, »kommen -- jedenfalls für den Mittelstand -- nun mal aus Paris.«

Bei der »Premieren«-Dampferfahrt kippte der 30jährige Castelbajac eine Flasche Seine-Wasser in den Rhein und 4711-Firmenchef Ferdinand Mülhens schwärmte von einer »deutsch-französischen Duftlinie«.

Auf einen schon bewährten französischen Duft setzte der Frankfurter Chemie-Konzern Hoechst. Er kaufte vor zehn Jahren (über die französische Hoechst-Tochter Roussel-Uclaf) die Mehrheit von Parfüm rochas, eine damals von der französischen Presse arg bejammerte Transaktion. Es kam die Franzosen noch schmerzlich an, das Prestige-Produkt mit so bekannten Duft-Essenzen wie »Femme« und »Madame Rochas« plötzlich in fremden Händen zu wissen.

Als später die Kosmetikfirma Marbert, eine 100prozentige Hoechst-Tochter, aufkaufte, was der Modezar Balenciaga bei seinem Tod hinterlassen hatte -- vor allem Parfüms, Halstücher und Handtaschen mit seinem Markenzeichen --, wurde das schon klaglos hingenommen.

Nun residiert -- ganz diskret -- ein Hoechst-Manager bei Rochas in der feinen »Avenue Francois-1er«, hinter der Glasfassade aus der Pop-Zeit, über die sich seltsame Spaghetti-Schlangen winden. Und auch bei Balenciaga in der noch nobleren »Avenue George V.« sitzt ein Hoechst-Manager vis-a-vis einem rosig-schwarzen Buffet-Ganzporträt von Annabel Buffet, nach Ende des Zweiten Weltkriegs Star-Mannequin bei Balenciaga.

Auch die Düsseldorfer Waschpulver-Fabrikanten Henkel erwarben jüngst ein kleines Häppchen französischen Luxus. Sie kauften die Marke »Lubin« S.231 auf, »um das französische Parfümgeschäft mal kennenzulernen und zu sehen, wie man da einsteigt«.

Diese neue Art des französisch-deutschen Handelsaustausches bleibt nur selten auf die simple Formel »Pariser Flair gegen deutsches Geld« beschränkt. Vor allem die Darmstädter Kleiderfabrikanten üben starken Einfluß auf ihr Pariser Luxus-Objekt aus.

Während der 61jährige Feraud am liebsten nur an seine Mode dächte, denkt Lilo Fink, 45, Unternehmerin mit 2500 Mitarbeitern, hauptsächlich an ihre »Zielgruppe": die gut betuchte, oft berufstätige Frau zwischen dreißig und fünfzig, die Kleider von bestem Sitz und Stoff haben und auch modisch dabei sein will -- aber keinesfalls an der Spitze jedes Trends.

Geschlitzte Röcke, dicke Schulterpolster, Bermuda-Hosen und Mini-Röcke sind aus dem Feraud-Angebot verbannt. »Neuen Tendenzen muß man widerstehen«, umreißt der Couturier seine deutsch-französischen Konfektionärspflichten, »das ist das Schwierigste.«

Dafür haben die Darmstädter andere Qualitäten zu bieten. Sie liefern zuverlässig und früh, kalkulieren scharf, und ihre modernen Maschinen liefern mühelos Zierstepp-Nähte, Applikationen und andere Tricks, die den Fertigkleidern einen Anflug von Haute Couture verleihen.

So finden die schilfgrünen Gabardine-Kostüme und die langen Seidenhosen mit den gestreiften Tunikas nicht nur bei Eickhoff an der Düsseldorfer Kö Kundschaft, sondern auch in der Designer-Abteilung von Selfridge''s in London. Allein für die Rüschenblusen (235 Mark) verarbeiten die computergesteuerten Zuschneidemaschinen bei Fink rund 100 000 Meter Crepe de Chine pro Saison.

So offenherzig wie bei Fink und Feraud sind die deutsch-französischen Verhältnisse anderswo nicht. Meistens versuchen die Deutschen, sich hinter Parfüms und Cremes zu verbergen, damit das teuer erkaufte französische Image keinen Schaden nimmt.

»Hoechst tritt nach außen nicht in Erscheinung«, konstatiert Hoechst-Manager Klaus Cryns bei Balenciaga. »Wir machen da keine Publicity.« Und die Goldlettern »Exclusive 4711«, die auf der schwarzen Parfüm-Verpackung von Castelbajac für deutsche Kundinnen prangen, werden für Frankreich und den Rest der großen Welt durch den unverfänglichen Namen einer kleinen französischen Zweigfirma ersetzt.

Rochas-Manager lockten die mondäne, über 60jährige Witwe Helene Rochas wieder ins Publicity-Licht. Sie durfte eine Kollektion von flattrigen, weißen Nachthemden und Negliges signieren und zeigte sie im Lustschlößchen Bagatelle dem Pariser Jet-set. Die Gästeliste trübte vorsichtshalber kein einziger deutscher Name.

Balenciaga treibt Mimikri gar so weit, daß die Manager-Etage deutsch abgefaßte Briefe mit vielen Fehlern spickt, damit niemand am echt französischen Ursprung zweifelt.

Mit dem Einkauf ins Pariser Luxus-Gewerbe ist es aber für die Deutschen noch nicht getan. Mit viel Mühe versuchen sie, das Image der Luxus-Produkte wieder aufzumöbeln. Marken wie Balenciaga verhießen zwar noch Qualität, waren aber meist in Vergessenheit geraten.

Rochas ließ deshalb seine elfenbeinfarbenen Hautcreme-Töpfe von keiner geringeren als der Mailänder Top-Designerin Gae Aulenti gestalten, die auch Knoll-Möbel und die Kulissen für Stockhausens erste »Oper« an der Scala entwarf.

Ferauds lassen ihre Kleider am New Yorker Top-Modell Carol Alt, 20, photographieren, das zu diesem Zweck als gepflegte Lady von 35 zurechtgeschminkt wird. Für einen 45-Minuten-Feraud-Werbefilm wurde der Londoner Star-Photograph David Bailey verpflichtet. Und auch die neuen Büromöbel und Velour-Teppiche in den Pariser Tochterbüros stammen nun aus den besten Werkstätten. Erstaunt sehen sich die deutschen Luxus-Manager an der Seine nur noch einem anderen, von Computern unberechenbaren Etwas konfrontiert -- den Tücken der Mode.

So reist ein Direktoren-Team von 4711 jetzt zu jedem Castelbajac-Defilee und fragt sich, besorgt um den Umsatz von Parfüm, »ob der Kerl auch nicht plötzlich zu exzentrisch wird«. Und auch Balenciaga-Manager Cryns sorgt sich darum, daß die nächste Edel-Kollektion dieses Namens besser ankommt als die vorige, die beim Publikum durchfiel.

S.230Mit Top-Modell Carol Alt.*

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