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IDOLE Preußische Tigerin

Eine kleine, etwas verspielte Filmcollage feiert Marianne Hoppe, 91, als letzte Diva des deutschen Schauspieltheaters.
Von Urs Jenny
aus DER SPIEGEL 44/2000

Man hat sie zu vermissen begonnen. Nur noch selten ist von einer Hoppe-Lesung irgendwo zu hören, auch die virtuose Szene des alten Staatsschauspielers in Brechts »Arturo Ui« am Berliner Ensemble, die sie von Bernhard Minetti übernommen hatte, spielt sie inzwischen nicht mehr - wie gut, dass da ein Filmporträt, das vor allem als Huldigung gemeint ist, Marianne Hoppe neue Präsenz verschafft.

Theatergeschichte war sie seit langem, und seit den achtziger Jahren genoss sie, wie sonst nur Minetti, jene schon ein wenig legendäre Überlebensgröße, die einem Schauspieler, zugleich mit der Einsamkeit, nur das hohe Alter schenkt. Wie hätte Werner Schroeters Film heißen sollen, wenn nicht »Die Königin«? In einem halben Jahr wird sie 92.

Sie ist, wo sie auftritt, selbstverständlich die Herrin, unnötiges Theater um ihre Person wischt sie weg; das ist ihr preußisches Naturell, die gewisse Nüchternheit, das Metallische, das auch ihrer Stimme den Glanz gibt. Schon der Thron, auf den Schroeter sie, dem Filmtitel zuliebe, mit einer turmhohen Perücke für ein Tableau setzt, ist ihr eigentlich zu viel; es genügt, sie im Film, mit dieser Stimme, lesen zu hören - Bruchstücke aus ein paar Rollen von einst, Lessing, Büchner, Kleist -, damit die Aura einer Königin lebendig wird; sogar einen Text von Tennessee Williams scheint dieses Klassikerpathos zu vergolden.

Marianne Hoppe war 27, ein »Mädchen vom Land«, wie sie sagt, und rasch zu einem nordisch-blonden Publikumsliebling am Preußischen Staatstheater in Berlin geworden, als sie Gustaf Gründgens heiratete, den Intendanten, und sich also unter der schützenden Hand des dicken Ministerpräsidenten und späteren Reichsmarschalls Hermann Göring zur First Lady des deutschen Schauspieltheaters erhoben sah.

Diese Jahre überstrahlen und überschatten ihre Vita. Die Verbindung mit Gründgens, auch wenn die beiden sich nach Kriegsende scheiden ließen, blieb eng bis zu dessen Tod 1963, und vielleicht ist die Hoppe erst mit den schroffen, radikalen Altersrollen ganz aus dem Bild der Staatstheater-Heroine und des Ufa-Stars von einst herausgetreten: mit Thomas Bernhards »Heldenplatz« am Burgtheater 1988, in Frankfurt 1990 mit der »König Lear«-Version von Robert Wilson (der sie im Film eine Tigerin nennt), 1994 mit Heiner Müllers »Quartett« im Berliner Ensemble.

Werner Schroeters locker, auch zufällig zusammenimprovisierte und zusammengepuzzelte Hoppe-Collage hat Erinnerungsarbeit nur andeutungsweise im Sinn; sie sammelt neben Fotos und Filmschnipseln hübsche kleine Momente aus dem Small Talk mit alten Kolleginnen - wer nicht schon Bescheid weiß, wird damit nicht viel anzufangen wissen. Besser sich einfach dem Hoppe-Zauber ergeben: null Information, aber viel Faszination. URS JENNY

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