Mutmaßlicher sexueller Übergriff Was geschah wirklich bei »Princess Charming«?

Eine lesbische Datingshow wird von Missbrauchsvorwürfen erschüttert. Eine Kandidatin klagt an, die Täterin gibt alles zu – der Fall scheint klar. Doch dann gräbt RTL das Video aus.
Kandidatinnen bei »Princess Charming«: Big Brother als lesbisches Kuppelevent

Kandidatinnen bei »Princess Charming«: Big Brother als lesbisches Kuppelevent

Foto: TVNOW

An einem Montag im November veröffentlicht Johanna von R. ein Instagram-Video. Sie spricht darin über ein aufwühlendes Thema, langsam und überlegt, immer wieder bricht ihre Stimme. Dann nennt sie Details zu einem »Trauma«, über das sie so lange geschwiegen hat: ein vermeintlicher sexueller Übergriff am Set von »Princess Charming«.

Der Vorfall ist eineinhalb Jahre her, von R. – Spitzname Jo – war damals Kandidatin in der ersten Staffel der RTL-Datingshow. Das Prinzip: 20 queere Kandidatinnen buhlen um die Aufmerksamkeit einer »Princess« und werden dabei rund um die Uhr aufgenommen. Streitigkeiten, Partys, Küsse – alles passiert vor Kameras: Big Brother als lesbisches Kuppelevent. Für die Dauer der Dreharbeiten wohnten die Kandidatinnen zusammen in einer Villa auf Kreta.

Der sexuelle Übergriff, von dem Jo spricht, soll sich in genau in dieser Zeit ereignet haben. In ihrem Video erzählt sie, dass sich eine andere Kandidatin nachts zu ihr ins Bett gelegt habe: »Ich war noch ein bisschen im Halbschlaf und bin eben davon aufgewacht, dass sie da lag.« Die andere Kandidatin habe über ihre Gefühle und »Wünsche in diesem Moment« gesprochen – und schließlich klare Grenzen überschritten: »Sie hat versucht mich zu küssen. Ich habe daraufhin gesagt: Nein, ich möchte dich nicht küssen.«

Daraufhin habe Wiki sich »auf mich draufgelegt und meine Arme über meinem Kopf festgehalten. Und abermals versucht, mich zu küssen. Ich habe mich nicht bewegt.« Am nächsten Tag habe sie von anderen aus der Villa erfahren, dass die besagte Kandidatin bei alledem keine Unterhose getragen hat.

Von der »Konsens-Queen« zur »Täterin«

Die Schilderung wirkt drastisch und sie verfehlt ihre Wirkung nicht. Unter dem Video sammeln sich Tausende solidarische Kommentare, von Influencern und YouTubern, Journalistinnen und Promis. Die Boulevardpresse berichtet über den »Übergriff«, auch queere Medien, die »Princess Charming« lange als lobenswertes Format gesehen hatten. Und noch eine Person reagiert. Die mutmaßliche Täterin selbst: Wiki Riot.

Wiki, auch sie firmiert unter einem Künstlernamen, ist in der Szene ein bekannter Name, über die Jahre hat sie sich eine treue Followerschaft aufgebaut. 70.000 Menschen folgen ihr auf Instagram, sie ist Feministin, Influencerin und »Konsens-Queen«, so nennen sie ihre Fans. Die Themen der Königin? Sexuelle Einvernehmlichkeit – ausgerechnet. Die Fallhöhe ist kilometerhoch.

»Mittlerweile denke ich: Es war kein Übergriff«

Princess-Charming-Kandidatin Wiki Riot

Wikis Reaktion auf die Vorwürfe ist kurz, verständnisvoll und vorbildlich, zumindest wenn man sie mit anderen »Stellungnahmen« von beschuldigten Stars vergleicht. Sie streitet den Übergriff nicht ab, im Gegenteil, sie bestätigt ihn. Ihr Verhalten sei »mit nichts zu rechtfertigen«, sagt Wiki in die Kamera, sie spricht von »Schuld«, ihre Stimme zittert. Dann ermahnt sie ihre Fans, man solle nicht von »Vorwürfen« sprechen. Denn: Was Jo sagt, stimme, »und es ist passiert«.

RTL versucht die Flucht nach vorne

Für Journalisten und Journalistinnen ist eine solche Situation außergewöhnlich. Normalerweise folgt auf derartige öffentliche Anschuldigungen eine juristische Schlammschlacht, inklusive Anwaltsbriefen, Unterlassungserklärungen, Verleumdungsklagen. Hier aber gibt es innerhalb kürzester Zeit ein Geständnis, ein Urteil, so klar und deutlich wie nie: »Es ist passiert«, sagt Wiki in ihrem Bekennervideo. Wer, wenn nicht sie, könnte das Gegenteil behaupten?

Wenige Tage dauert es, dann meldet sich RTL zu Wort. Wie ein Schiedsrichter tritt der Sender auf, dabei hat er natürlich auch ein Eigeninteresse. Wenn sich herausstellt, dass er frühzeitig über sexuelle Übergriffe Bescheid wusste und nichts tat, ist »Princess Charming« nachhaltig vergiftet. Andere fragwürdige Situationen, die der Sender ausgestrahlt hatte, haben das Format bereits beschädigt. Also versucht RTL die Flucht nach vorne, schreibt auf Instagram: »Die Details und das Ausmaß des von Jo beschriebenen Vorfalls und ihre Einordnung der Situation waren uns so nicht bekannt, sonst hätte das Team vor Ort selbstverständlich sofort reagiert«. Ansonsten habe das »Wohlergehen unserer Singles« jederzeit höchste Priorität.

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Dass ein derartiges Wischi-Waschi-Statement niemanden beeindruckt, dürfte allen Beteiligten klar gewesen sein, besonders RTL selbst. Auch Jo, die es in einem Instagram-Kommentar als »Verharmlosung und Lüge« bezeichnet. »Ihr habt scheinbar keine Ahnung davon, welchen Schaden ihr anrichtet. Und das eben nicht nur bei mir.« Ihre Wut richtet sich vor allem gegen den Sender, wie sie selbst in zahlreichen Interviews sagt, auch gegenüber dem SPIEGEL. RTL habe seine Fürsorgepflicht verletzt und Situationen erzeugt, die Grenzüberschreitungen geradezu herbeiführen. Grenzüberschreitungen wie den Übergriff, den sie nach eigenen Angaben auf Kreta erlebt hat. Sie sei »abgrundtief geschockt«, sagt Jo – und mehr als 4000 Menschen pflichten ihr bei.

Das 25 Minuten lange Video

Das Problem an dieser Geschichte: Es gibt ein Video aus jener Nacht. Wie bei sämtlichen Reality-Formaten, die der Sender ausstrahlt, laufen die Kameras auch bei ausgeschaltetem oder gedimmtem Licht mit: Infrarot-Aufnahmen, die Singles beim Knutschen erwischen sollen – und von RTL ausgiebig durchforscht werden. Der SPIEGEL konnte die bis jetzt unveröffentlichten Aufnahmen einsehen, sie wurden laut dem Sender sowohl Jo als auch Wiki Riot zur Verfügung gestellt. Und zumindest für eine der Beteiligten ändern sie alles.

»Mittlerweile denke ich: Es war kein Übergriff«, sagt Wiki. Zum ersten Mal seit dem Instagram-Video spricht die Influencerin öffentlich über den Vorfall – und revidiert gegenüber dem SPIEGEL ihr eigenes Schuldeingeständnis. »Dass für Jo etwas ungut war, war für mich weder verbal noch nonverbal wahrnehmbar und deshalb war es für mich keine übergriffige Situation.«

Das Video, das ihre Einschätzung geändert hat, ist rund 25 Minuten lang. Man sieht darin einiges von dem, was Jo beschrieben hat – und doch zeigt es eine für Außenstehende grundlegend andere Situation. Im Video liegen Jo und Wiki eng beieinander, immer wieder berühren sie gegenseitig ihre Wangen, flüstern, umarmen sich, kuscheln. Abwehrversuche sind an keiner Stelle zu sehen, auch das Festhalten der Hände, das Jo in ihrem Instagram-Video geschildert hat, ist so nicht zu erkennen. Als Wiki auf ihr liegt, verschränken die beiden Kandidatinnen ihre Finger, streicheln über ihre Hände, blicken sich lange in die Augen. Schließlich schlafen sie ein.

Gescheiterte Kommunikation

RTL hat die Aufnahmen durch einen Anwalt für Strafrecht untersuchen lassen. Der Schluss des Experten: Das Bildmaterial spreche »eindeutig für eine Einvernehmlichkeit«, eine sexuelle Nötigung oder Belästigung sei »nicht belegbar«. Reicht all das bereits für einen »Freispruch«?

Der Fall »Princess Charming« zeigt die Grenzen auf, die in der Berichterstattung über sexuelle Übergriffe allgegenwärtig sind. Wann beginnt Belästigung, wo endet Einvernehmlichkeit? Was wiegen Videobeweise, wenn eine Situation nachträglich als Übergriff empfunden wird? Wie soll sich eine Beschuldigte verhalten, wenn das, was sie sieht und woran sie sich erinnert, nicht mit der Betroffenenperspektive übereinstimmt? Kämpft sie gegen Vorwürfe oder akzeptiert sie Konsequenzen? »Nennen wir es beim Namen«, sagt Wiki: »Die Leute denken, ich sei eine Vergewaltigerin.«

»Ein Übergriff bleibt ein Übergriff«

Johanna von R.

Dass sie überhaupt mit der Presse spricht, liegt auch an einer gescheiterten Kommunikation. Nachdem sie das Video gesehen hatte, wollte Wiki erneut mit Jo ins Gespräch kommen. Nach der Show hatte es mehrfach Gespräche zwischen den beiden gegeben, auch über die fragliche Nacht auf Kreta. Davon zeugen Messages und Sprachnachrichten, die dem SPIEGEL vorliegen.

Wikis Ziel, nach der Sichtung des Videomaterials: Ein von Mediatorin und Anwältinnen begleitetes Gespräch, in dem man noch einmal über den Vorfall spricht. »In meiner Erinnerung war die Situation anders, dennoch hat die ganze Sache anscheinend Wunden aus ihrer Vergangenheit aufgerissen«, sagt Wiki.

Zurück bleibt ein Trümmerhaufen

Doch zu einem Gespräch kommt es nicht. Jo will sich das Material nicht ansehen, weil das, was dort zu sehen sei, nichts verändere. »Ein Übergriff bleibt ein Übergriff«, schreibt sie an Wiki. Wenig später bricht der Kontakt zwischen den beiden Frauen ab. Zurück bleibt ein Trümmerhaufen. Und die Frage, was mehr zählt: die Bilder der Kameras oder die Bilder in den Köpfen.

Gegenüber dem SPIEGEL äußert sich Jo in einem längeren Statement. Daraus geht hervor: Die Videoaufnahmen ändern nichts an ihren Vorwürfen, im Gegenteil. Sie findet es »fragwürdig«, dass Wiki ihre Sicht als Täterin »nach dem Sichten der Situation aus einer Außenperspektive« ablegen möchte. Jo selbst erinnert sich zum Beispiel daran, klar »Nein« gesagt zu haben. In den Aufnahmen von RTL ist dieses Wort an keiner Stelle zu hören, aber das könnte auch an der schlechten Audioqualität liegen: Die Frauen liegen im Video eng beieinander, sprechen leise.

Ohnehin sei die Frage aber falsch gestellt, sagt Jo: »Eine aktivistische Perspektive wäre, ausdrücklichen verbalen Consent vorauszusetzen.« In anderen Worten: Nicht nach einem »Nein« sollte RTL suchen, sondern nach einem expliziten »Ja«. Eine Einschätzung der Körpersprache reiche da nicht aus, sagt Jo, egal wer sie vornimmt. »Ich wollte es nicht. Deswegen war es ein Übergriff.«

Wo endet Politik?

Die Konsequenzen, die Wiki Riot nach dem »Geständnis« tragen musste, sind indes beträchtlich. Freunde und Freundinnen distanzierten sich öffentlich. Werbe- und Geschäftspartner beendeten die Zusammenarbeit, ebenso ihr Management. Ihr Instagram-Account? Erst mal deaktiviert. Wenn man sie fragt, ob es klug war, sich so schnell, so nachdrücklich mit Jo zu solidarisieren, überlegt Wiki lange. Aus feministischer Perspektive ist es undenkbar, die Erzählung von mutmaßlichen Opfern anzuzweifeln – erst recht für eine »Konsens-Queen«. Nur: Wo endet Politik? Und wo beginnt die Selbsterhaltung?

Wiki sagt, sie sei aufgrund ihrer Prinzipien, dem Wunsch »Betroffenen zu glauben« zunächst nicht in der Lage gewesen, einen differenzierten Blick zu haben. »Obwohl ich wusste, dass nicht alles stimmt, was sie sagt, habe ich mich schuldig gefühlt.« Mittlerweile, sagt Wiki, bereue sie ihr Statement.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version war der Nachname von Jo ausgeschrieben, wir haben ihn durch das Initial ersetzt. Außerdem hieß es, Wiki Riot habe sich selbst zur Konsens-Queen ernannt, tatsächlich nutzten den Spitznamen zuerst ihre Fans. Ein irrtümlich autorisiertes Zitat haben wir entfernt.

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