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VERLAGE Prinzip Mißtrauen

Eklat im Frankfurter S. Fischer Verlag: Die Leitung der Theaterabteilung ist weg. *
aus DER SPIEGEL 37/1985

Mit einem entschlossenen Vorschuß-Angebot von 40 000 Mark hat, gegen scharfe Konkurrenz, Krista Jussenhoven vor fünf Jahren dem S. Fischer Verlag die deutschen Rechte an dem Welt-Theater-Hit »Amadeus« von Peter Shaffer gesichert. Allein dieser Coup der Leiterin der Theaterabteilung hat dem Verlag inzwischen fast das Zehnfache der Vorschußsumme eingebracht, und auch ansonsten hat sich Krista Jussenhoven, 44, »sehr begabt und sehr tüchtig« (so die Verlags-Chefin Monika Schoeller) um die Theatergeschäfte der S.-Fischer-Autoren gekümmert.

Doch plötzlich ist alles aus: Ohne Vorwarnung und ohne Aussprache erhielt Krista Jussenhoven Anfang August die fristlose Kündigung in ihrem Urlaubsort an der Nordsee zugestellt. Schuld daran hat »Amadeus«.

Der Streitpunkt: Als kürzlich die Verlängerung des lukrativen Shaffer-Vertrags fällig war, wollte Frau Jussenhoven das rasch und formlos mit einem Telephonanruf bei Shaffers Agent erledigen. So unkomplizierter Umgang ist im internationalen Theatergeschäft unter Partnern, die einander vertrauen, wohl üblich - in der S.-Fischer-Geschäftsleitung jedoch, wo offenbar neuerdings Mißtrauen als Herrschaftsprinzip gilt, hielt man das für fahrlässige Vertrauensseligkeit: Frau Jussenhoven wurde angewiesen, die Sache in gebührender Schriftform - Briefentwurf beiliegend -

zu erledigen und durch einen neuen 40 000-Mark-Vorschuß abzusichern.

Frau Jussenhoven widersprach: Die Förmlichkeit sei unüblich, ihr Partner würde sie bloß als Mißtrauensgeste deuten, und einen Vorschuß habe er überhaupt nicht verlangt - sie klärte die Angelegenheit nach vertrautem Brauch, rasch und glatt per Telephon und ohne Geld. S. Fischer hat die »Amadeus«-Rechte für weitere fünf Jahre, und künftig dürfen auch Laienbühnen den abgenudelten Mozart-Hit nachspielen.

Ende gut, alles gut? Aber nein - der S.-Fischer-Geschäftsleitung erschien Krista Jussenhovens Widerstand gegen eine Weisung von oben, mag die auch sachfremd und unsinnig gewesen sein, als ein so krasser Fall von Insubordination, daß er mit sofortigem Rausschmiß geahndet werden mußte.

Vollstreckt hat ihn Emmanuel A. Wiemer, Dr. jur., 36, den Monika Schoeller, 45, die Holtzbrinck-Tochter, die die Holtzbrinck-Tochterfirma S. Fischer leitet, bei der Deutschen Bank kennengelernt hat, wo er zum persönlichen Stab von Hermann Josef Abs gehörte. Sie hat den Bank-Juristen, der gern seine »Leidenschaft für Bücher« und seine Herkunft aus einem Münchner Literatenhaus betont, in den Verlag geholt und - zur Überraschung des Hauses - nach nur anderthalb Jahren in die (nun dreiköpfige) Geschäftsleitung aufgenommen.

Für »Öffentlichkeitsarbeit« soll er dort zuständig sein, und mit dem Jussenhoven-Eklat ist ihm, drei Wochen nach Amtsantritt, zweifellos eine erste öffentlichkeitswirksame Tat gelungen: »Die Zeit« nennt sie »einen einzigartigen Vorgang in der jüngeren deutschen Verlagsgeschichte.« Ferner ist Wiemer für »Rechtsfragen« zuständig, und das wird Ende September von Nutzen sein, wenn der Fall vor dem Arbeitsgericht verhandelt wird. Erst einmal behauptet der Jurist keck, der Betriebsrat habe die Kündigung gebilligt - als wüßte er nicht, daß ein Betriebsrat in einem solchen Fall gar kein Mitspracherecht hat.

Auf der einen Seite eine Verlegerin, die als unsicher und entscheidungsscheu gilt und eben deshalb alle Entscheidungen an sich zu ziehen sucht, auf der anderen Seite eine Abteilungsleiterin, die Eigenkompetenz im raschen Theatergeschäft für notwendig hält: Da hat es natürlich Konflikte gegeben, und so sammelt Monika Schoeller nun Belege für die angeblich mangelnde »Loyalität« der einst geschätzten Angestellten. Wenigstens einen »sehr gravierenden Fall« hat sie schon gefunden, allerdings hat gerade in diesem Fall (es ging um Arthur-Schnitzler-Rechte) der S.-Fischer-Hausjustitiar in einem Gutachten Krista Jussenhovens »Promptheit« und »Präzision« gerühmt. Auch in anderen Streitfällen, sagen S.-Fischer-Mitarbeiter, habe die nun wegen Illoyalität Gefeuerte eher in »Überloyalität« zum Verlag gehandelt, von dem sie noch heute sagt, er sei zehn Jahre lang »gewissermaßen mein Leben« gewesen.

S. Fischers Theaterabteilung, vor Urlaubsbeginn noch intakt und produktiv, wirkt nun, da die neue Saison naht, ziemlich verwaist: Krista Jussenhovens erfahrenster Helfer, der Dramaturg und Übersetzer Helmar Harald Fischer, hat der Geschäftsleitung eine »zynische Haltung« vorgeworfen und sich, statt den ihm angebotenen Jussenhoven-Job zu übernehmen, selbst verabschiedet. Auch zwei weitere Mitarbeiterinnen haben aus Solidarität mit der gefeuerten Chefin ihre Arbeitsplätze geräumt. Nur noch drei Angestellte halten die Stellung und leiten Protestbriefe von S.-Fischer-Autoren an die Geschäftsleitung weiter.

Wiemer ("Ich freue mich jeden Tag, für dieses Haus arbeiten zu dürfen") will den Vorgang dennoch »nicht so hoch bewerten«. Die Kündigung von Autoren »muß man in Kauf nehmen«, sagt er; Bewerbungen um die Jussenhoven-Position »häufen sich schon bei uns«, und: »Wir setzen große Hoffnungen in die Erneuerung, die nun stattfinden kann«.

Erneuerung? Rascher als in der deutschen Theaterszene, wo noch weithin Urlaubsruhe herrscht, hat der Frankfurter Knall in New York ein Echo gefunden. S. Fischer vertritt einen Großteil der amerikanischen Theaterautoren in Deutschland, und die ersten amerikanischen Reaktionen auf die Jussenhoven-Affäre klangen so alarmierend, daß Monika Schoeller erwog, zur Glättung der Wogen selbst rasch nach Amerika zu fliegen. Sie hat dann doch davor zurückgescheut - ein empörter Protestbrief des New Yorker »Amadeus«-Agenten liegt schon auf ihrem Tisch.

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