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KUNSTRAUB Priorität Mensch

Sieben Jahre lang versäumten es hanseatische Beamte und ein sorgloser Museumsdirektor, Sicherheitslücken in der Hamburger Kunsthalle zu schließen -- jetzt nahm ein Dieb 22 Bilder mit.
aus DER SPIEGEL 32/1978

Die Beamten der Kriminalpolizeilichen Beratungsstelle im Hamburger Polizeipräsidium taten ihre Pflicht. »Wir haben«, sagt Polizeioberrat Günter Krenz, »den Behörden mitgeteilt, daß die Kunsthalle eine neue Sicherungsanlage braucht.«

Das war 1971, nachdem -- später gefaßte -- Täter nachts durch das ungesicherte Oberlicht im Dach des Museums die Alarmanlage umgangen, sich mit einem Nylonseil herabgelassen und vier Bilder von Delacroix, Corot und Millet mitgenommen hatten. Der schockierte Kunsthallendirektor Werner Hofmann reichte in Sachen Sicherheit eine »Fülle von Empfehlungen« an das Kulturamt und tröstete sich damit, daß die Einbrecher »den wertvollen Degas nicht mitgenommen haben«.

Letzte Woche war auch der Degas, vorübergehend, nicht mehr da. Ein kennerischer Dieb hatte sich in der Nacht zum vorletzten Sonntag in der Kunsthalle einschließen lassen und neben Degas' »Frau vor dem Spiegel« noch 21 weitere Bilder im Wert von 1,5 Millionen Mark eingepackt -- allesamt, wie bei bundesdeutschen Museen üblich, wegen allzu kostspieliger Prämien nicht versichert. Diesmal tröstete Direktor Hofmann sich und die Kulturnation damit, daß »andere, ebenso kostbare Stücke« dem Hause verblieben waren.

Der Dieb hatte unbehelligt abräumen können, da in jener Nacht ein Bereich der veralteten Alarmanlage (Baujahr 1963) außer Betrieb war. Sie war Tage zuvor ausgefallen, nachdem die allzu empfindlichen Verstärker einen Fehlalarm ausgelöst hatten -- zum vierten Mal in vier Wochen.

Zwar waren falscher Alarm und Abschaltungen dem Hausmeister bekannt; zwar sah auch Direktor Hofmann nach eigenem Bekunden in seinem Vorzimmer »die Techniker von Siemens« arbeiten. Aber was sie dort taten, interessierte den Kunsthallen-Chef nicht, der auch ansonsten nicht jeden einzelnen Aus- und Vorfall seiner Kulturbehörde extra gemeldet hatte.

Während Hamburger Kripo-Beamte am letzten Freitag Bilder wie Täter -- einen 36jährigen ehemaligen Fallschirmspringer -- aufspürten, hielt denn auch die obligate Suche nach dem eigentlich Schuldigen an. Der Hamburger Senat fand, wie Sprecher Manfred

* Vor geplünderten Bilderrahmen.

Bissinger verkündete, daß »die Information im Inneren der Kunsthalle nicht klappte«. Bilderbewahrer Hofmann fühlte sich vom Amtsschimmel getreten und warf den Bürokraten »schleppenden Gang bei der Bewilligung einer neuen Alarmanlage« vor.

Recht und versagt, so scheint es, haben alle Beteiligten. Zwar hatte sich Hofmann in der Tat nicht sonderlich intensiv um die Sicherheit seiner Millionenschätze gesorgt. Doch auch Hamburgs Beamte trugen ihren Teil dazu bei, daß die störanfällige Anlage nicht durch modernes Sicherungsgerät ausgetauscht wurde.

Die Malaise begann 1971, nach dem ersten Bilderdiebstahl. Nachdem die Kripo zu einem neuen Alarmsystem geraten hatte, beratschlagten damals Beamte von Bau- und Kulturbehörde, Museum und Polizei, wie die Kunsthalle wirkungsvoller zu schützen sei.

Sie beratschlagten vier Jahre lang. Erst als 1975 der Kölner Experte Professor Gert von der Osten in einem »Gutachten zur Lage der Hamburger Museen« darauf gedrungen hatte, »erhebliche Mittel zur Verbesserung der Sicherheitssituation aufzuwenden«, schritten die Beamten des Kulturressorts zur Tat, zum Verwaltungsakt.

In einem Planungsantrag an das Bauamt leiteten die Kulturbeamten ein, was in ihrem Jargon »Behördenabstimmung« heißt. Vier Jahre nach dem letzten Kunstraub begann in den Amtsstuben von Kultus-, Bau- und Finanzbehörde sowie beim Hamburger Bezirksamt Mitte das staatliche Gerangel um das Ob, Wann und Wie einer neuen Alarmanlage, deren Notwendigkeit unter Experten längst unumstritten war. Kernsatz des Papiers: »Eine besondere Dringlichkeit wird vom Nutznießer nicht geltend gemacht« -- eine Formulierung, die sich Hofmann nun »gar nicht erklären kann«.

Immerhin bewilligte 1975 die Hamburger Bürgerschaft 1,81 Millionen Mark zur Sicherung der Kunsthalle und des Museums für Kunst und Gewerbe. Die Mittel wurden indes mangels der Eilbedürftigkeit zur »Erstellung ausführlicher Kostenunterlagen« gesperrt.

So ließen es denn auch die Kollegen im Bauamt ruhig angehen. Der Antrag landete erst mal in der Abteilung Fernmeldetechnik des Hochbauamtes, einem Zwei-Mann-Referat, das damals durch Objekt- und Personenschutz vor Terroranschlägen »völlig ausgelastet« war. »Da gab es«, sagt Bissinger, »eben die Priorität Mensch vor Kunst.«

Nach eingehender Beratung befanden die Baubeamten, sie könnten den Fall Kunsthalle gar nicht bearbeiten. Die Erstellung der Ausschreibungskonzeption wurde einem Hamburger Ingenieurbüro und dem Aachener Sicherungsexperten Jürgen Brustat übertragen.

Da aber auch das beauftragte Ingenieurbüro vorübergehend »arbeitsunfähig« (so Kultussenator Wolfgang Tarnowski) wurde, gingen Vorschläge für die Ausschreibung erst Ende des Jahres beim Bauamt ein. Die Ausschreibung, die dann prompt folgte, warf das Projekt wieder zurück. Denn:

Statt geplanter 1,8 Millionen für die beiden Museen lagen die Kostenvoranschläge allein für das Hofmann-Haus bei zwei Millionen Mark. Sogleich erhob die Finanzbehörde Einspruch: Die höheren Aufwendungen müßten erst durch eine neue Vorlage von Senat und Bürgerschaft gebilligt werden.

Mit der parlamentarischen Drucksache wird in zehn Tagen, mit der neuen Alarmanlage, kündigt Bauamtssprecher Detmar Müller-Landré an, »bis Mitte 1980« zu rechnen sein. So habe, findet er, »die Koordinierung im Prinzip ja geklappt«.

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